Formel 1

Michael Schumacher kämpft gegen sich selbst

Um seinem abgewanderten Liebling Michael Schumacher das Comeback bei Mercedes zu vermiesen, setzt Ferrari auf einen Piloten, der dem Deutschen in vielen Belangen ganz nahekommt: den Spanier Fernando Alonso. Die Italiener haben sich nach einer völlig vermasselten Saison einen Neubeginn verordnet.

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Der Draufgänger soll sichtbar sein. Fernando Alonso, 28, weiß, wie man sich Respekt verschafft. Er hat schließlich zweimal die Weltmeisterschaft in der Formel 1 gewonnen. Seit der letzten Rasur hatte der Spanier am Mittwoch einige Zeit verstreichen lassen – kurze Bartstoppeln lassen ein Männergesicht verwegener wirken, selbst ein weiches wie das von Alonso.

Dann drehte er in Valencia beim ersten Test des neuen Ferrari gleich 127 Runden, soviel wie kein Kollege an dem Tag und auch so schnell wie kein anderer. Anschließend bewies er noch, wie gut er sich auf das Pokerface versteht, das die Formel-1-Teams sich bei diesen ersten Testfahrten auferlegen, um die Konkurrenz nicht in die Karten schauen zu lassen. Angesprochen auf Ferraris unübersehbare Dominanz und Konstanz an den drei Tagen, leugnete Alonso jede Favoritenrolle: „Nein, das sind wir nicht. Wenigstens für mich lag die Priorität darin, mich völlig einzugewöhnen.“

Bei den Tests am Donnerstag in Jerez darf Alonsos Arbeitgeber die Auftritte mit Genugtuung beobachten. Die Italiener haben sich nach einer völlig vermasselten Saison einen Neubeginn verordnet. „Bei Ferrari“, glaubt Ex-Pilot Jacques Laffite, „will man mit Alonso, so wie mit Michael Schumacher Anfang 1996, eine neue Ära starten. Die Scuderia will mit dem Spanier dahin, wo sie mit dem Deutschen aufgehört hat.“

Das Debakel verdankte der Rennstall hartnäckigen Problemen mit der Aerodynamik, der mangelhaften Zuverlässigkeit der Autos und vor allem einer fehlenden Leitfigur im Cockpit. „Wir waren grundsätzlich nicht konkurrenzfähig“, klagte Ferraris Rennleiter Stefano Domenicali, „und zwar niemals und nirgends.“

Wie schon eineinhalb Jahrzehnte zuvor beschloss Ferrari die Fehlerkette in ihrem Kern aufzuarbeiten: Der Finne Kimi Raikkönen, 30, der 2007 noch Weltmeister wurde, offensichtlich dank des von Schumacher geerbten Autos, wurde bereits ein Jahr vor dem Vertragsende wieder in den Arbeitsmarkt entlassen, weil er doch zu wenig vom erhofften Profil mitgebracht hat: Einen wie Schumacher braucht Ferrari.

Für kolportierte 25 Millionen Euro hoffen die Italiener nun im zweiten Anlauf den passenderen Anwärter gefunden zu haben. Wenn Schumacher, 41, nun zu einer zweiten Karriere in einem Mercedes-Silberpfeil in die Saison geht, blüht ihm tatsächlich erneut ein erbitterter Zweikampf mit jenem Mann in seinem Ex-Team, der ihm selbst wohl am nächsten kommt: Doppelweltmeister Alonso gilt als kühler Pragmatiker, gnadenloser Analytiker und schonungsloser Siegfahrer. Rhetorisch ähnelte sich das Duo schon beim Testen in dieser Woche. Wie Alonso übte sich Schumacher im Understatement: „Ich würde denken, dass wir noch leicht im Hintertreffen sind.“

Als die Zusammenarbeit des Finnen Raikkönen mit den Ferrari-Technikern stets mühsam blieb, trauerte das Team der genialen Rückkoppelung zwischen Fahrer und Ingenieuren unter Schumacher nach. „Als wir einen Nachfolger für Schumacher suchten, hieß die Alternative zu Raikkönen Alonso“, sagt Ferrari-Chef Luca di Montezemolo, „und der macht uns mit seiner Arbeitseinteilung viel Freude.“

So wie Schumacher sich einst Scheinwerfer auf seinen Ferrari hat montieren lassen, um nach Einbruch der Dunkelheit weiter testen zu können, bringt auch Alonso den Ruf mit, für die Erfüllung des Ehrgeizes hart zu arbeiten. Und in der Kommunikation darf Ferrari sich getrost dafür feiern lassen, einen charakterlichen Gegenentwurf zum wortkargen Raikkönen verpflichtet zu haben. „Es ist sehr schön, mit allen Mechanikern Italienisch zu sprechen“, schwärmt Alonso: „Ich bin ein Glückspilz: Ich habe bis jetzt erreicht, was ich wollte. Ich wollte in die Formel 1 – abgehakt. Ich wollte Grands Prix gewinnen – abgehakt. Ich wollte den WM Titel holen – abgehakt. Ich wollte Ferrari-Pilot werden – abgehakt.“

Alonso will den Mythos der Scuderia schon als Kind aufgesogen haben. „Als ich ein kleiner Junge war“, erzählte der Spanier bei einem seiner ersten Ferrari-Besuche als künftiges Mitglied der Scuderia, „schenkte mir mein Vater ein rotes Rennauto, einen Ferrari. Ich habe es damals immer mit ins Bett genommen und davon geträumt, einmal so einen Ferrari fahren zu dürfen. Jetzt ist dieser Traum wahr geworden und ich bin sicher, dass Ferrari deshalb das letzte und einzige Team sein wird, für das ich in der Formel 1 fahren werde.“

Das Versprechen hatte Michael Schumacher auch einmal gegeben. Als es ihn zurück in die Formel 1 lockte und Mercedes rief, hat er es irgendwie vergessen. Bei Alonso verhält sich die Geschichte andersherum: Mercedes ist bei ihm Vergangenheit, Ferrari seine Zukunft.