Formel 1

Vettel hat schon viel von Schumacher gelernt

Bei den ersten Testfahrten der Saison in Jerez überraschte Sebastian Vettel mit neuer Lässigkeit und kleinen Psychotricks gegen seinen Rivalen Michael Schumacher. Von ihm hat er sich offenbar eniges abgeschaut. So macht er in seinem Team Red Bull deutlich, wer der Boss ist – Sonderrechte inklusive.

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Eine gewisse Schlitzohrigkeit muss großen Siegern in die Wiege gelegt sein. Ohne eine dem Alter noch unangemessen erscheinende Abgezocktheit wird einer eher nicht mit 14 Jahren Junioren-Europameister im Kart oder beim Großen Preis von Italien in Monza nur sieben Jahre später jüngster Formel-1-Sieger aller Zeiten. Sebastian Vettel (22) hat das vorgeführt.

Gerade stellen die Umstände den jungen Red-Bull-Piloten vor besondere Herausforderungen: Als Weltmeisterschaftszweiter der Vorsaison bleibt Vettel nur minimaler Raum für Verbesserung. Und dann muss sich der Jungstar nicht nur einer Rekordzahl von vier konkurrierenden Weltmeistern wie Jenson Button, 30, Sieger im Vorjahr, erwehren, sondern auch noch des alles Rampenlicht beanspruchenden Rückkehrers Michael Schumacher.

Doch der junge Blonde fährt nicht nur, wie er sich vorzugsweise frisiert: wild und ungezähmt. Sondern wenn die Umstände es verlangen, fährt er die ersten Attacken zur Not auch ohne Auto und rein rhetorisch: „Michael war nun einige Jahre nicht dabei, daher bleibt abzuwarten, wie er sich schlägt – es ist anzunehmen, dass er glaubt, vorn mitfahren zu können“, frotzelte Vettel, bevor es am Samstag endlich zum ersten Testduell mit Schumacher (41) kam, das er auf Rang sechs eine halbe Sekunde hinter dem Rekordweltmeister beendete. Und als nach der verspäteten Fertigstellung des RB6 Regen seine ersten Testversuche sabotierte, simulierte Vettel wie ein alter Hase ungetrübte Begeisterung: „Ich habe ein richtig gutes Bauchgefühl mit dem Auto. Und wenn man ordentlich aufs Gas tritt, kommt ja nicht so viel Wasser ins Cockpit.“

Sogar die Grandseigneurs des Metiers geben sich beeindruckt von dem ungestümen Hessen aus Heppenheim. Obwohl erst Schumacher mit seinem Comeback die durch Herstellerabschiede und Betrugsskandale im Ruf ramponierte Formel 1 werbewirksam aufpoliert, tippt deren großer Zampano Bernie Ecclestone, 79, auf Sebastian Vettel als Titelfavoriten der in vier Wochen mit dem Grand Prix in Bahrain startenden Saison. „Ich persönlich glaube nicht, dass Schumacher gewinnt: Seine Rückkehr ist gut für den Sport, aber ich halte ihn nicht für gut beraten, sie zu wagen“, sagt die britische Legende Stirling Moss, 80: „Ich glaube, die WM wird an Vettel oder Alonso gehen.“

Heimlich räumt Red Bull für seinen hochgehandelten Knirps Sonderrechte frei. Zwar gilt im offiziellen Sprachgebrauch als Selbstverständlichkeit, dass Vettel und der Australier Mark Webber gleich behandelt werden, doch erzählen Privilegien ihre eigene Geschichte: „Auf ausdrücklichen Wunsch Vettels“ strich Red Bull auf Geheiß des strengen Motorsportbeauftragten Helmut Marko PR-Verpflichtungen des Rennfahrers: „Vettel hat bei uns insofern eine Ausnahmestellung, als er sich nach seinem eigenen Gutdünken auf die Rennen vorbereiten kann: Er ist dann zwei Tage für niemanden erreichbar.“

Vettels Fans kennen das schon. Geschäftlich scheint die Saison für ihr Idol überaus überraschend anzubrechen: Die „Fanarea“ seiner Website ist im Aufbau, genauso wie das Archiv, und auch der „Shop“ soll erst in Kürze starten. Dabei trommelt der tüchtige Pilot schon, als wolle er Umsatz- vor Rundenrekorden aufstellen: „Ich wusste voriges Jahr schon, was dieses Jahr das Ziel ist“, posaunt er aus, „ganz klar: Ich will Weltmeister werden.“

Dabei gilt Tempo gemeinhin als erste Tugend eines Rennfahrers. Doch für Vettel lässt sich die Saison in ihrem Prolog eher gemächlich an. Als die Kollegen in der Vorwoche die neuen Autos in Valencia testeten, probte Red Bull Vettels Flitzer verzögert erst im Windkanal.

Als am Mittwoch der Kollege Webber das formschöne neue Gefährt erstmals auf Zuverlässigkeit prüfen durfte, musste der rote Bulle, der dunkelblau lackiert ist, nach 47 Runden gleich wieder zurück in den Stall: Seit die Mechaniker wegen eines Öllecks den Motor wechseln mussten, bangt Vettel mit dem Team, dass sich die Erfahrungen der vorigen Saison wiederholen – vier Motorschäden gelten als klares Indiz, dass das Renault-Fabrikat mit dem überlegenen Aggregat von Mercedes nicht mithalten kann. Offen räumt Red Bulls Designer Adrian Newey gar ein, einen Herstellerwechsel so lange erwogen zu haben, bis sich „die Lieferung bei Mercedes zunehmend mehr als politisch schwierig erwies“.

Obwohl die Red-Bull-Bosse Wettbewerbsnachteile wegen des Motors beklagen, muss Vettel sich nicht gleich grämen. Wie sein Team so weiß er genau um die Vorzüge des Renault-Motors, wenn der nicht vorzeitig schlappmacht: Dass er sparsamer im Benzinverbrauch ist, könnte sich in der ersten Saison des Nachtankverbots letztlich als großer Vorteil entpuppen. Der Red Bull könnte mit weniger Sprit, also leichter an den Start gehen.

Mit einem psychologischen Kunstgriff zieht Vettel kurzerhand aus seinen ersten Tests daher das gewünschte Ergebnis: „Um herauszulesen, wie schnell man wirklich ist, muss man schon etwas auf sich selbst vertrauen.“ Und weil er sich darauf versteht, sagt Vettel: „Bis jetzt fühlt es sich ganz gut an.“