Dass sie sich da einen streitbaren Profi holen würden, war den Stuttgarter Verantwortlichen vor der Saison sehr wohl bewusst. Jens Lehmann, seit gestern 39 Jahre alt, galt während seiner gesamten Karriere als Torwart mit einer Vorliebe für Auseinandersetzungen und dem Hang zu – gelinde gesagt – undiplomatischen Maßnahmen. Deshalb rang VfB-Manager Horst Heldt ihm nach der Verpflichtung im Sommer eine Zusage ab. Lehmann musste versprechen, dass er im Verlauf der Saison weniger als fünf Gelbe Karten erhält und somit eine Sperre umgeht. Der gute Vorsatz droht schon während der Hinrunde zu scheitern.

Beim 2:2 (0:1) am Sonntagabend in Frankfurt bezog Lehmann schon seine vierte Verwarnung, nachdem er wieder einmal den Unparteiischen verbal attackiert hatte. „Was der Mann macht, ist unglaublich schlecht. Es muss doch bessere geben“, polterte Lehmann noch nach dem Spiel. „Ich frage mich immer, wofür die Schiedsrichter pfeifen. Das sind unsere Schiedsrichter und nicht die für die zwei Leute, die auf der Tribüne sitzen und ihre Berichte schreiben.“

Sätze, mit denen der Torhüter unfreiwillig zum Symbol schwäbischen Frusts wird. Denn neben dem persönlichen Planziel rückt auch die Vorgabe des Vereins in weite Ferne. Ein Europapokalplatz sollte es schon sein für den Meister von 2007, der Torwart selbst spekulierte nach seinem Wechsel vom FC Arsenal gar auf die Champions-League-Teilnahme im nächsten Jahr, damit er mit dann 40 seine Karriere auf internationalem Terrain beenden hätte können. Als Tabellenelfter hat der Klub dieses Unterfangen fast schon abgehakt, und er hinterlässt dabei einen desillusionierten Schlussmann, der seine Enttäuschung inzwischen in unschöner Regelmäßigkeit Spieltag für Spieltag auslebt.

Längst schon stellt sich der geneigte Beobachter die Frage, wie lange Lehmann als 61-maliger Nationalspieler noch ein Recht auf Immunität besitzt. Denn die Liste der seltsamen Verfehlungen wächst, auch wenn sich Lehmann mit seiner Schiedsrichterschelte an diesem Wochenende nur einreihte in die Sittendebatte der Liga um Robert Kovac, Jürgen Klopp und Claudio Pizarro. „Ich habe nicht einmal etwas Böses zum Schiedsrichter gesagt. Nicht einmal“, sagte Lehmann selbst und sieht sich eher in der Rolle des Opfers denn des Täters. Doch diese Perspektive zu verstehen fällt zunehmend schwerer.

Denn immer wieder tritt vor allem Lehmann als Aggressor auf. Beim 0:0 Mitte September gegen Hoffenheim erhält er die Gelbe Karte, weil er den TSG-Stürmer Demba Ba attackiert, als bereits wegen Abseitsstellung abgepfiffen ist. In die Kategorie „überflüssig“ fällt auch die Aktion zwei Wochen später beim 0:3 in Dortmund. Lehmann regt sich mehrmals über Schiedsrichter Felix Brych auf, zeigt einen Vogel. „Der Schiri hat gesagt, ich soll ins Tor gehen. Ich habe geantwortet: ‚Nee, ich gehe nicht ins Tor.’ Und dann hat er mir Gelb gezeigt“, so Lehmann damals. Auch nach der dritten Gelben Karte am folgenden Spieltag gegen Bremen bleibt Lehmann auffällig – allerdings ohne Bestrafung. Beim 0:2 in Hamburg wirft er den Ball nach David Jarolim, weil dieser laut Lehmann mit einer Schwalbe einen Elfmeter geschunden haben soll. Beim 1:3 vor zehn Tagen daheim gegen Köln versucht er gegen Roda Antar nachzutreten, was vom Schiedsrichter zwar ungeahndet bleibt, aber Lehmanns Bad-Boy-Image nach seiner Rückkehr aus England festigt. Der abseits des Platzes meistens so kontrolliert und bisweilen eher nachdenklich wirkende Mann bleibt für viele bei Verrichtung seiner Arbeit ein Mysterium.

Hinzu kommt der Frust darüber, dass ihm – einem der Helden der Heimweltmeisterschaft 2006 – ein Abschiedsspiel im Nationaltrikot versagt bleibt. Am 19. November hätte er gern gespielt, in Berlin gegen England, Lehmanns Heimat für fünf Jahre. Es hätte ein schönes Adieu gegeben. Doch Bundestrainer Joachim Löw möchte das Testspiel nutzen, um Lehmanns Nachfolger René Adler eine weitere Bewährungschance einzuräumen. Der Alltag ist ihm bedeutsamer als die Huldigung ehemaliger Heroen.

Und so hat die Nichtberücksichtigung für den Tormann Jens Lehmann nur einen positiven Gesichtspunkt: Er kann diesmal nicht verwarnt werden.