Jens Lehmann hat mit dem FC Arsenal fünf Jahre lang auf höchstem europäischen Niveau gespielt, bevor er aus London zum VfB Stuttgart kam. Es passt nicht in das Weltbild des ehemaligen Nationaltorwarts, was er bei seinem neuen Arbeitgeber erlebt. Ärger, Missmut und Frust werden immer größer bei einem, der auch mit fast 39 Jahren immer noch nichts mehr hasst als Gegentreffer – und sich immer häufiger auf dem Platz daneben benimmt.

Beim 1:3 (0:1) zu Hause gegen den 1. FC Köln, das den Deutschen Meister des vergangenen Jahres endgültig ins Niemandsland der Tabelle zurückwarf, fiel Jens Lehmann mit einem Tritt gegen Roda Antar erneut aus der Rolle. Unbemerkt vom Schiedsrichter, aber festgehalten von den Fernsehkameras. Bereits vergangenen Mittwoch in Hamburg hatte er David Jarolim der Fallsucht bezichtigt und ihm nach dem von Thomas Hitzlsperger am HSV-Kapitän verursachten Elfmeter den Ball ans Bein geworfen.

Mit derlei Aktionen macht sich Lehmann Luft über eigene Patzer und die Fehler der Vorderleute. Der VfB, besetzt mit acht Nationalspielern, kann mehr, als er zurzeit zeigt. „Die Mannschaft hat gekämpft und alles aus sich rausgeholt. Trotzdem hat es nicht gereicht. In der zweiten Hälfte hat die Struktur gefehlt. Da haben wir es nur noch mit der Brechstange versucht. Wir sind riesig enttäuscht“, sagte der ratlos wirkende Trainer Armin Veh.

Für die nötige Struktur in der Schaltzentrale des Stuttgarter Mittelfeldes sollte ein Führungsspieler wie Thomas Hitzlsperger sorgen. Doch der Nationalspieler steckt seit Wochen im Formtief. Gegen Köln gipfelte seine schwache Leistung in einem schweren Abspielfehler in den Lauf von Milivoje Novakovic, der mit seinem zweiten Tor für die Vorentscheidung sorgte. „Es tut mir leid für die Mannschaft“, sagte Hitzlsperger.

Veh hat keinen Spass mehr

„Ich habe keine Lust mehr, um die Plätze sechs bis zehn zu spielen. Das macht mir keinen Spaß mehr“, hat Trainer Veh vor Wochen verlauten lassen. Aber genau da ist der VfB inzwischen angekommen – auf Platz zehn. „Da gehören wir auch hin“, sagt er, und es klingt ein wenig nach Resignation. Er hinterfragt nicht seinen Anteil an der Kluft zwischen Potenzial und den aktuellen Resultaten, sondern äußert lieber Bedenken über mangelhafte Qualität und Breite des Kaders.

Mit großen Verstärkungen für die nächste Saison oder schon zur Winterpause darf er nicht rechnen. Finanzielle Wagnisse wird der Verein auch in Zukunft nicht eingehen. Finanzchef Ulrich Ruf hat allen klar gemacht, dass er nicht gewillt ist, vom Kurs des kalkulierten Risikos abzugehen: „Wir können nur das ausgeben, was wir mit sportlichen Erfolgen einspielen.“

Also knüpft der Trainer seine Vertragsverlängerung an eine andere Bedingung: „Die Konkurrenz gibt Gas, der VfB tritt auf die Bremse. Der Kampf um die internationalen Plätze wird immer härter. Es ist keine Selbstverständlichkeit für uns, immer den Uefa-Cup zu schaffen, ganz zu schweigen von der Champions League. Deshalb muss im Verein und im Umfeld die Erwartungshaltung zurückgeschraubt werden.“ Ohne diesen Druck wäre es auch leichter, jedes Jahr wieder junge Spieler herauszubringen.

„Wir müssen die Dinge schon deutlich ansprechen“, sagt Nationalspieler Mario Gomez. Um die Krise schnell zu beenden, dürfte es für das Uefa-Cup-Heimspiel gegen Partizan Belgrad am Donnerstag erst einmal personelle Konsequenzen geben. „Wir werden nicht zur Tagesordnung übergehen. Es wird Veränderungen geben, größere und kleinere“, sagte Manager Horst Heldt.