Seinen Spitznamen kann man sich meist nicht aussuchen. Khalid Boulahrouz ist jedoch selbst schuld daran. Er wolle seine Gegenspieler auffressen, sagte der Verteidiger einmal im Interview. Seitdem rufen sie ihn Kannibale. Und seitdem wird er nicht müde zu betonen, dass er eigentlich ein wirklich netter Kerl ist. Privat. Nicht auf dem Platz. Da sei er immer hart, immer aggressiv, sagt er.
Eigenschaften, die dem VfB Stuttgart vor der Saison fünf Millionen Euro Ablöse wert waren. Eigenschaften, die Boulahrouz am Donnerstag im Uefa-Cup endlich zeigen will. Um 20.45 Uhr treten die Schwaben im ersten Spiel der Gruppenphase beim FC Sevilla in Spanien an. Jenem Klub, für den der 26-Jährige noch in der vergangenen Saison spielte und der den bisherigen Tiefpunkt seiner Karriere bedeutete.
2006 war Bouhlarouz fast das Dreifache der von Stuttgart ausgegeben Millionen wert. Damals spielte er beim Hamburger SV und bildete mit Daniel van Buyten das Abwehrtraumpaar der Bundesliga. Links van Buyten, der massige Riese, der jedes Kopfballduell gewann und wirkte, als könne er mit bloßen Händen Telefonbucher zerreißen. Rechts der sehnige Boulahrouz, ein Meister der Balleroberung, der seinen Kontrahenten mit Härte und kleinen Gemeinheiten zusetzte. Doch dann trennten sich die beiden, des Geldes wegen. Glücklich wurden sie nicht ohne einander.
Mourinho schenkte ihm kein Vertrauen
Van Buyten ging für zehn Millionen Euro zum FC Bayern und pendelt dort zwischen Stammelf und Bank. Mit klarer Tendenz zur Bank. Boulahrouz kostete sogar 13 Millionen Euro. Womit der FC Chelsea eine Million pro Spiel des Niederländers ausgab. Nur 13 Mal trat Boulahrouz für die Londoner an. Bleibenden Eindruck hinterließ lediglich eine Rote Karte kurz vor der Pause. Und ein wütender Trainer Jose Mourinho, der Boulahrouz nach einem dicken Fehler, der zum Gegentor führte, in der 68. Minute auswechselte. Dabei hatte er ihn erst zur Halbzeit ins Spiel gebracht. „Da hätte ich mehr Vertrauen erwartet“, sagt Boulahrouz heute.
Was er bekam, waren die Papiere. Chelsea lieh Boulahrouz nach Sevilla aus. Bilanz dieser Saison: Eine schwere Leistenverletzung und sechs Ligaspiele. Der Kannibale hatte seinen Biss verloren.
Van Basten überraschte seine Landsleute
Und durfte im Sommer dennoch zur EM. Trainer Marco van Basten nominierte ihn nicht zur Überraschung seiner Landsleute, sondern stellte den Verteidiger auch noch in die erste Elf. Boulahrouz war der Teil der holländischen Mannschaft, die die Fußballwelt mit den großartigen Siegen gegen Italien und Frankreich bezauberte.
Doch kaum hatte der Sohn marokkanischer Einwanderer gesagt, dass es ihm endlich wieder richtig gut ginge, ging es ihm so schlecht wie noch nie. Während des Turniers erlitt seine Frau Sabia eine Fehlgeburt. Anissa wurde nur einen Tag alt, Boulahrouz trägt ihr Foto immer bei sich. „Es hilft mir über die Sache hinwegzukommen.“
Plötzlich gab es wieder Angebote
Dass Bouhlarouz damals zum Viertelfinale gegen Russland antrat, sorgte für Aufsehen. Er spielte ordentlich, viele Mannschaftskameraden nicht, Holland schied aus. Und Boulahrouz sehnte sich nach Geborgenheit, einer vertrauten Umgebung. Angebote gab es plötzlich wieder genug, sie kamen aus ganz Europa – doch er entschied sich für die Bundesliga, weil er hier seine beste Zeiten gehabt habe.
Anknüpfen konnte er an sie noch nicht. Auch beim VfB, wo er den abgewanderten Fernando Meira ersetzen soll, hat der Rechtsfuß wieder mit Verletzungen zu kämpfen. Erst eine Blessur im Sprunggelenk, dann ein Muskelfaseriss – nur vier von acht Bundesligaspielen absolvierte Boulahrouz. Am Samstag stand er während des 1:2 bei Hertha BSC erstmals seit September wieder im Kader. In Sevilla könnte er nun wieder in die Startaufstellung rücken und die von Trainer Armin Veh so geschätzte „Dynamik und Aggressivität“ ins Spiel einbringen.
„Ich hoffe, dass die VfB-Fans bald den richtigen Boulahrouz sehen werden“, sagt Boulahrouz. Einen, der seinem Spitznamen wieder ein wenig mehr gerecht wird.





