Mit einem Grinsen versuchte Wolfgang Hambüchen die Atmosphäre des betretenen Schweigens aufzulockern. Der Trainer und Vater des deutschen Turnstars hatte seine Videokamera in die Katakomben der olympischen Halle mitgebracht. Es war ein merkwürdiger Moment, die Augenzeugen des für ihn und seinen Sohn größten olympischen Momentes im Bild festzuhalten. Denn er blickte in allseits betroffene Gesichter.

Fassungsloses Staunen hatte auf der Tribüne des National Indoor Stadiums auch Experten wie den ehemalige Reck-Weltmeister Eberhard Gienger erfasst. „So sehr wie hier stand Fabian noch nie unter Druck, deswegen geht das Ergebnis in Ordnung“, entfuhr es dem Schwaben sichtlich ernüchtert.


Dieser Druck hat am Dienstag noch einmal seine ganze Wirkung entfaltet. Fabian Hambüchen hatte seine Reckübung, die aus Deutschlands Turnstar den goldenen Helden machen sollten, ohne Sturz überstanden. Allein: Es reichte am Ende nur für die Bronzemedaille.


Zusammengekauert und mit Tränen in den Augen saß er da, und seine Physiotherapeutin legte tröstend die linke Hand auf seine rechte Schulter. Sie mussten mit ansehen, wie erst der Chinese Zou Kai und dann auch noch der Amerikaner Jonathan Horton höhere Wertungen erzielten. Als er sich mit Medaille um den Hals den Reportern stellte, brach ein kleines Gesamtkunstwerk zusammen. Das Gebilde aus einem großen Talent, das seit einem Jahr mit der Präzision eine Schweizer Uhrwerks bei Großveranstaltungen um die Stange wirbelte, aus einem Mentaltrainer, der sich in Gestalt seines Onkels der Psyche Stabilität verlieh, und aus einem Manager, der ihm allzu aufdringliche Reporter vom Hals hielt.

„Es ist eine dumme Einstellung, wenn es nur um die Goldmedaille geht“, brach es auf ihm heraus. „Aber wenn jeder irgendwie von diesem verdammten Gold redet, drehst du irgendwann am Rad.“ Wer sich nicht über Bronze freuen kann, muss sich fragen, was falsch gelaufen ist.


Falsch gelaufen ist zunächst einmal seine Übung. Den Kolman-Salto zu Beginn sprang Fabian Hambüchen zu nah an der Stange. „Da war sein erster Fehler“, mäkelte Fachmann Gienger. Den Adler mit ganzer Drehung turnt er normalerweise vorwärts weiter, doch weil ihm etwas Schwung fehlte, in die Vertikale zu kommen, setzte bei ihm die „Schubumkehr“ ein, wie Wolfgang Hambüchen nüchtern anmerkte. Sein Sohn schwang entgegen des Uhrzeigersinns weiter. Was sein Vater als „gute Improvisation“ lobend bemerkte, ahndeten die die Wertungsrichter mit einem Punktabzug von 0,3 beim Schwierigkeitswert. Der Chinese zeigte Elemente vom Schwierigkeitsgrad 7,3. „Nach dem Adler war gar nichts mehr im Kopf, da habe ich die Automatik eingeschaltet und nur zu Ende geturnt“, sagte Hambüchen.

"Es waren nicht meine Spiele"

Bereits nach dem Mehrkampffinale fasste Deutschlands „Sportler des Jahres“ den Entschluss, keine Experimente zu wagen und nur einen Schwierigkeitsgrad von 7,1 vorzuführen. Er hatte vor den Olympischen Spiele bei Wettkämpfen zweimal mit einer 7,3 geglänzt und sie zu seiner Goldkür auserkoren. In Peking aber kamen plötzlich Zweifel in ihm hoch wie ein schleichendes Gift.

Im Teamwettbewerb und im Mehrkampf krachte er spektakulär auf die Matte. „Kann passieren“, winkte Wolfgang Hambüchen ab. „Ich lass mich nicht verrückt machen“, insistierte Fabian. Dann war von einer schmerzhaften Fingerverletzung die Rede, am Dienstag ließen die Hambüchens durchblicken, dass die Reckstange wohl zu weich gewesen sei, um volles Risiko, also die 7,3, zu turnen. Es sollten keine Ausreden sein, betonte Fabian Hambüchens Lager.

„Wenn hier alles normal gelaufen wäre, hätte es gereicht, aber es war nicht meine Woche, es waren nicht meine Spiele“, konstatierte Fabian Hambüchen. Dreimal schrammte er auf Platz vier knapp an einer Medaille vorbei, zuletzt am Dienstag vor dem Reckfinale am Barren.

Blick nach vorn

Auf jeden Fall sei es nicht Nervosität gewesen, die ihn behinderte, versuchte sein Vater einzulenken. „Ihm muss hoch angerechnet werden, dass er nach dem Fehler den Karren nicht hingeworfen hat“, sagte Wolfgang Hambüchen.

In der Stunde seiner schmerzlichsten Niederlage blickte Fabian Hambüchen nach vorn. „Ich genieße jetzt meine zwei letzten Tage in China, dann fliege ich nach Deutschland zurück und mache erst mal Urlaub.“ Zu einer Auszeit riet ihm auch Gienger. „Er muss abschalten und den Kopf freibekommen. Er hat ja noch vier Jahre, um sich gewissenhaft auf die nächsten Spiele vorzubereiten.“ Hambüchen ist erst 20 Jahre alt.

In London wird er einen neuen Anlauf nehmen, versprach er. „2012 seht ihr mich wieder und dann versuche ich wieder, die Goldmedaille zu holen. Entweder es klappt dort mit Gold, oder ich habe zumindest diese eine Medaille von hier in der Tasche.“ Seine nächste Goldmission geht Hambüchen mit niedrig geschraubten Erwartungen an.