Heute Früh sind Gott und Allyson Felix in einer kärglichen Turnhalle zu Gast. Emsige Mitglieder der Sunrise-Gemeinde haben Teppichboden verlegt und gut zwei Dutzend Tische mit Papierdecken, Plastikbesteck und Papptellern gedeckt. Männer und Kinder sitzen daran, Father-Daughter-Breakfast nennen sie ihre jährliche Feier, ein Frühstück für Väter und ihre Töchter mit Pfannkuchen und Gebeten. Paul Felix hat Allyson mitgebracht, er wird die Predigt halten.
Als "schnellste Tochter" der Welt kündigt der Conferencier Allyson Felix, 22, an: "This girl can burn!", ruft er. "Dieses Mädchen kann brennen." Die Leute johlen "Yeah". Jetzt steht sie da. Eine schlanke junge Frau in engen Jeans, ein Star mit einem schüchternen Lächeln. Sie hat eine Botschaft an die Menschen in Auburn/Kalifornien. "Mein Erfolg ist nicht allein meiner", spricht sie ins Mikrofon, "er ist auf ihn gegründet. Mein Speed ist ein Geschenk Gottes".
Vom schmächtigen Mädchen zur Rakete
Allyson Felix, Tochter des Präsidenten einer Bibelschule, ist dreifache Sprint-Weltmeisterin und Olympiazweite über 200 Meter. Und Allyson Felix wird künftig, wenn es nach dem US-Fernsehsender NBC geht, das Gesicht der amerikanischen Leichtathletik sein. In Peking startet sie am Dienstag über 200 Meter sowie anschließend in der 4x100-Meter- und 4x400-Meter-Staffel. Kaum jemanden würde es überraschen, käme dabei dreimal Gold heraus. Außer sie selbst vielleicht.
Los Angeles, am Rande des Nobelstadtteils Beverly Hills. Hinter hohen Bäumen schmiegt sich ein kleines Stadion mit Rasenplatz und Tartanbahn an den Hang. Vier einprägsame Buchstaben stehen für eine der besten Sport-Kaderschmieden des Landes: UCLA, University of California at Los Angeles. 19 Mitglieder der aktuellen US-Olympiamannschaft stammen von hier, unter ihnen Felix. An der UCLA schloss sie ein Lehramtsstudium ab. Nebenbei formte Bob Kersee, in der Szene der Schnellmacher als Guru berüchtigt, das schmächtige Mädchen zu einer Rakete.
Früher lachten alle über ihre Beine – jetzt sind sie Werbeträger für Adidas
Es ist der Tag nach dem Besuch in der Gemeinde. Die Sonne brennt, Kersee trägt einen schwarzen Pulli, in den Händen hält er zwei Stoppuhren. "Allyson", dröhnt seine Stimme befehlend über den Sportplatz, "Allyson, noch einmal!" Und Felix sprintet los. Mit langen, raumgreifenden Schritten stiebt sie davon, ihre Fußballen scheinen die Laufbahn kaum zu berühren. Behände sieht es aus, elegant und schnell. Sehr schnell. 21,81 Sekunden beträgt ihre Bestzeit über 200 Meter, 10,93 über 100 Meter.
Dabei wirken Felix’ Beine derart dürr, dass sie unter der Last des andauernden Rennens einknicken könnten. "Chick Legs" verspotteten die anderen Kinder sie früher in der High School, "Hühnerbeine". Heute lacht niemand mehr, Adidas wirbt mit dem Spitznamen. Felix ist für den Sportartikelhersteller eine der wichtigsten Botschafterinnen auf dem umkämpften US-Markt.
Eine Vorortsiedlung von Santa Clarita am Rande von Los Angeles. In einer Sackgasse liegt das Haus von Paul Felix. Kersee ist hier regelmäßig zu Gast, mit der Familie bespricht er alle Schritte in Allysons Karriere. Durch die hölzerne Eingangstür gelangt man in das offene Esszimmer. Links, auf einem Mauerdurchbruch, gleich neben Marlean Felix’ Kaffeelöffelsammlung, reihen sich Pokale, Trophäen, Medaillen aneinander. "Ich mache mir ja nicht viel aus Trophäen", sagt Allyson Felix. Ihre Eltern schon.
"Shug" nennen sie ihre Jüngste, eine Koseform von Sugar (Zucker). Weil sie als Kind so süß aussah und eine prima Cheerleaderin geworden wäre. Mit 14 entschied sich Allyson jedoch für die Leichtathletik, und der Grund dafür trägt den Namen Marion Jones.
Ihr Idol war Marion Jones – bis sie wegen Dopings verhaftet wurde
Lange Zeit inspirierten Felix deren Charisma und die kühne Mission der Kalifornierin, im Jahr 2000 fünfmal Gold bei den Olympischen Spielen in Sydney zu holen. Nun animierte sie der tiefe Fall des Vorbilds zu einer Glaubwürdigkeitsoffensive in eigener Sache. Während die Doperin Jones im Gefängnis sitzt, willigte Felix bei zusätzlichen regelmäßigen Kontrollen der US-Antidopingagentur ein.
Es ist eine Ironie am Rande, dass Allyson Felix vor vier Jahren beinahe an der Seite von Jones in der Trainingsgruppe von Trevor Graham gelandet wäre. Neun seiner Athleten wurden wegen Dopings aus dem Verkehr gezogen, der Trainer selbst lebenslang gesperrt. Sie habe unbedingt zu Jones und Graham gewollt, erzählt Paul Felix. "Aber ein einziges Mal hörte sie auf den Rat ihres Daddys. Wir meinten, sie brauche einen Coach mit sauberer Vergangenheit."
In einem Aktenordner, dekoriert mit Glitzer und Luftschlangen, sammelt Marlean Felix Zeitungsartikel, die von Ruhmestaten ihrer flinken Tochter zeugen. "Ist dies die nächste Marion Jones?", prangt in fetten Lettern über einem Foto von Allyson. Niemand hofft es, so wahr ihr Gott helfe.




