Fabian Hambüchen hat bei den Olympischen Spielen in Peking die erste deutsche Mehrkampf-Medaille seit 72 Jahren verpasst. Ein Absturz beim Kolman-Salto am Reck verdarb ihm das Konzept, als erster Deutscher nach dem 1936 siegreichen Alfred Schwarzmann auf das Podium der Allrounder zu steigen. Mit 91,675 Punkten stürzte der Wetzlarer auf Platz sieben ab. Nach zwei Geräten auf Platz 18 liegend, schob sich der 20-Jährige nach Ringen und Sprung in Medaillennähe, ehe der Schock am Reck alle Träume beendete. „Natürlich bin ich sehr enttäuscht und sehr unglücklich. Aber ich habe ja noch drei weitere Chancen, um eine gute Leistung zu bringen. Der Sturz hat mich schon geschockt. Bumms, klatsch – da lag ich auf dem Boden.“
Gold holte der überragende Chinesen Yang Wei, der mit der Traumnote von 94,575 Punkten eine neue Weltbestmarke aufstellte. Unter dem frenetischen Jubel der 18 000 im ausverkauften Nationalen Hallenstadion von Peking erkämpfte der achtfache Weltmeister sein drittes Olympia-Gold nach den beiden Team-Titeln von 2000 und 2008. Silber ging an Kohei Uchimura (Japan/91,975) vor dem überraschend starken Franzosen Benoit Caranobe (91,925). „ Platz sieben und die Top Ten sind erstmal stark und trotzdem schade. Die Verletzung ist kein Grund, warum es nicht klappt“, sagte Hambüchen, „die letzten Zehntel, die am Ende gefehlt haben, habe ich am Barren verloren." Die Ursachenforschung fiel Vater und Trainer Wolfgang Hambüchen nicht leicht. „Es war einfach nicht sein Tag, die hundertprozentige Präzision hat gefehlt. Gerade am Reck war die Abstimmung irgendwie nicht da“, sagte Hambüchen senior.
Schmerzhafte Kapselverletzung im kleinen Finger
Der enttäuschte Superstar war schwer gehandicapt in die Entscheidung gegangen. Erst am Abend zuvor hatte er beim Abschlusstraining entschieden, trotz seiner schmerzhaften Kapselverletzung im kleinen Finger der linken Hand überhaupt den Wettkampf aufzunehmen. „Ich bin nicht hier, um zu jammern. Jetzt ziehe ich das Ding durch“, hatte er angekündigt. Die Verletzung hatte er sich vor zwei Tagen im Mannschafts-Finale am Barren zugezogen.
In die Entscheidung startete Hambüchen dann trotz der Verletzung mit einer ansprechenden Boden-Übung und durfte nach dem zweiten Gerät durchatmen, als ihn das ungeliebte Pauschenpferd diesmal nicht abwarf. Für einige Favoriten wie den Chinesen Cheng Yibing und den Athen-Zweiten Kim Dae-Eun (Südkorea) wurde das Pferd schon zum Verhängnis. Sie büßten mit unfreiwilligen Abgängen ihre Medaillenchancen ein, Ex-Weltmeister Hiroyuki Tomita (Japan) leistete sich einem Absturz an den Ringen.
Gute Leistung an den Ringen
Auch an den Ringen kam Hambüchen (15,025) glänzend durch, ohne aber den übermächtigen Yang Wei gefährden zu können. Mit 16,625 Punkten zog der Routinier erstmals an die Spitze des Klassements, die er von da an nicht mehr hergab. Auf Hambüchen hatte Yang Wei somit bei Halbzeit des Wettkampfes einen Riesen-Vorsprung von 2,125 Punkten und baute diesen nach dem Sprung sogar auf 2,7 Zähler aus, weil Hambüchen bei der Landung leicht übertrat (15,975).
Am Barren musste Hambüchen gravierende Punktabzüge in Kauf nehmen. Damit lag er vor dem Reck nur auf dem siebten Platz mit einem Punkt Rückstand auf die Silbermedaille und war gezwungen, volles Risiko zu gehen. Beim Kolman-Salto, den er seit seinem Patzer bei der WM 2006 im Wettkampf immer gemeistert hatte, versagten Hambüchen schließlich die Nerven. „Beim Reckfinale darf das nicht passieren. Ich habe im Flug mein rechtes Knie verloren“, analysierte er. Seine Hoffnungen ruhen nun auf dem Reck-Finale am Dienstag, wo er die Möglichkeit hat, die schlimmen Sekunden des Mehrkampfes vergessen zu machen.
dpa





