Die beiden Mädchen stiegen in ein Flugzeug. Sie flogen zehn Stunden nach Shanghai. 30 Minuten dauerte das Spiel, kaum ein Ball gelang. Schweigend stiegen sie mit einem Berg von Kosten wieder in den Flieger und dachten nur: „Was machen wir hier eigentlich?“
Sara Goller, 24, kann sich noch gut an diesen Sommer 2005 erinnern, als sie immer wieder in der Qualifikation zu den Turnieren der Weltserie scheiterten. Jene Monate, als in ihrer ersten Profisaison mit Laura Ludwig, 22, wenig darauf hindeutete, dass die Beachvolleyballspielerinnen von Hertha BSC als bestes deutsches Team einmal zu den Geheimfavoriten bei Olympischen Spielen gehören würden – eine Rolle, die sie bei der Europameisterschaft in Hamburg bestätigten. Im Endspiel besiegten sie die Norwegerinnen Hakdal/Torlen mit 25:23 und 21:19 und gewannen den Titel.
"Du brauchst ein dickes Fell"
In ihrer neuen Wahl-Heimat Hamburg sicherten sich die Olympia-Teilnehmerinnen den Siegerscheck von 20¿000 Euro. „Wir wussten, dass wir alle schlagen können“, sagte die 24-jährige Goller, die mit ihrer Partnerin wegen der hervorragenden Trainingsbedingungen am Olympia-Stützpunkt in die Hansestadt gezogen ist. „Ich bin sehr zufrieden, sie haben sich enorm weiter entwickelt“, sagte ihr Cheftrainer Olaf Kortmann, der das Erfolgsduo nach Peking begleiten wird. Im deutschen Halbfinale hatte die beiden gegen Okka Rau und Stephie Pohl knapp mit 25:23 und 21:19 gewonnen. Die verloren ihr Spiel um Platz drei und verpassten so die vorzeitige Olympia-Qualifikation. Das Ticket nach Peking haben Goller und Ludwig dagegen seit einer Woche sicher.
Ihre drei Profijahre haben Goller vor allem eins gelehrt. „Du brauchst ein dickes Fell.“ Das Duo hat diese Zähigkeit bewiesen und dabei eine Karriere hingelegt, die beispielhaft steht für die Professionalisierung ihres Sports, den der Sender RTL vor drei Jahren gleichermaßen unrealistisch wie erfolglos als Bikiniveranstaltung zu inszenieren versuchte.
Angetrieben von einer nationalen Konkurrenzsituation, die lediglich in Brasilien intensiver ist, bauen sich die besten deutschen Duos inzwischen immer größere Betreuerteams auf. Sowohl bei den Männern als auch den Frauen stehen drei deutsche Duos unter den Top 15 der Welt – nur zwei pro Land qualifizieren sich für Olympia. Und so arbeiten an den Medaillenprojekten von Goller und Ludwig sowie Julius Brink und Christoph Dieckmann bei den Männern jeweils rund zehn Mitarbeiter mit. Mittelstand am Strand.
Alleinstellungsmerkmal Hertha BSC
Sie sei im Umgang mit Zahlen schrecklich, sagt Goller. Und dennoch gründete sie nach dem Krisenjahr 2005 mit Ludwig eine eigene Firma, die „Ludwig und Goller GbR“. Sie suchten sich neben Olaf Kortmann einen zweiten Trainer, der sie seitdem zu jedem Turnier begleitet. Zeitgleich beauftragten die beiden eine externe Agentur mit ihrer Vermarktung, die auf die publikumswirksame Idee kam, die beiden für den Berliner Bundesligisten Hertha BSC starten zu lassen – „als Alleinstellungsmerkmal“, wie Manager Roland Weißbarth sagt. Ein knappes Dutzend Sponsoren hat er inzwischen an Land gezogen, so bleibt immerhin das Preisgeld, im Jahr 2007 rund 100.000 Euro, als Gewinn für Goller/Ludwig übrig.
Das ist ein Erfolg, denn die Kosten sind immens. Goller und Ludwig haben zwei feste Trainer, einer von ihnen ist während der 300 Tage, an denen sie jährlich unterwegs sind, immer dabei. Dazu kommen ein Abwehrtrainer, ein Trainer für die Athletik und einer für die Regeneration. Als sie bei der Saisonvorbereitung für zwei Wochen nach Fuerteventura flogen, bezahlten sie zwei Trainer, einen Physiotherapeut und zwei Trainingspartner auf Honorarbasis – allein für Flug und Unterkunft kamen so rund 8000 Euro zusammen. „Am Ende kann das ein paar Plätze bei großen Turnieren ausmachen“, sagt Goller, „dann hat es sich gelohnt.“
Brink und Diekmann hoffen auf olympische Medaille
Auch Julius Brink, 26, entspricht nicht immer dem Image des Sunnyboys, das sein Zehntagebart und das Dauergrinsen versprechen. Er sitzt in seinem Hamburger Hotelzimmer vor dem Laptop, Rechnungen überweisen. „Sehr geehrter Herr Brink“ schreiben die Honorartrainer dort hoch seriös, „sonst krieg ich Ärger mit meinem Steuerberater.“ Er und sein Partner Christoph Dieckmann, 32, wecken noch größere Hoffnung auf eine olympische Medaille als Goller und Ludwig, bei vier der vergangenen neun Weltserien-Turnieren standen sie auf dem Treppchen. Bei der EM war nach den strapaziösen Wochen im Viertelfinale gegen Kay Matysik und Stefan Uhmann mit 1:2 Schluss.
Auch Brink/Dieckmann haben längst das Professionalitätslevel erreicht, das die bei Olympia favorisierten brasilianischen und amerikanischen Top-Duos schon seit gut zehn Jahren vorleben. Sie beschäftigen einen Stab von vier Trainern, teilweise hoch spezialisiert auf ihre Aufgabe. So trifft sich Brink ein bis zweimal pro Woche mit dem ehemalige Weltklasse-Abwehrspieler Markus Dieckmann, dem Zwillingsbruder von Christoph und trainiert Defensivaktionen.
Die Zeit des Freestyle ist vorbei
„Früher war das alles ein bisschen mehr Freestyle“, sagt Brink, „da habe ich vor den Turnieren auf der Luftmatratze in einer Turnhalle gepennt. Heute ist ein Physiotherapeut dabei, der zwei Stunden vor dem Spiel die Muskulatur aktiviert, und ich bin um zehn Uhr im Bett.“
Schließlich geht es um viel: 43.500 Dollar gibt es inzwischen für einen Sieg bei einem der sechs Grand Slams, die Preisgelder steigen. Bei den Olympischen Spielen in Peking waren die Beachvolleyballwettbewerbe die ersten, die ausverkauft waren. Von dem neuen Interesse der Sponsoren profitieren die besten deutschen Teams – da fällt es wenig ins Gewicht, dass die deutsche Turnierserie nach dem Ausstieg von RTL vor zweieinhalb Jahren noch immer um das Überleben kämpft. Brink/Dieckmann haben sich eine der aufwendigsten Homepages (brinkdieckmann.de) von Sportlern überhaupt einrichten lassen. Zudem produziert ihr Management Video-Material, das Fernsehsendern kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Oft im Bild: die Sponsoren. Nach diesem Prinzip arbeitet die Surfszene schon seit Jahren hochprofitabel.
Kampf um die Werbeverträge
Nennenswerte Werbeverträge bekommen nur die besten Teams, und so zeigt sich auch die nationale Konkurrenz gut präpariert. Das zweite deutsche Olympiateam David Klemperer und Eric Koreng finanziert einen hauptamtlichen Trainer. Und auch die Olympiafünften von Athen 2004, Okka Rau und Stephie Pohl, lassen sich inzwischen bei jedem Turnier betreuen. Höchst erfolgreich: Obwohl sie im EM-Halbfinale knapp mit 1:2 gegen Goller/Ludwig verloren haben, ist ihnen das Olympiaticket nur noch theoretisch zu nehmen.
Ein bisschen ist das wie im Krieg. Die einen rüsten auf, die anderen ziehen nach. „Wir hätten früher nicht gedacht, dass wir zu den Turnieren immer einen Trainer mitnehmen würden“, sagt Pohl, „aber die anderen machen es auch so. Das geht nicht mehr anders.“




