Morgenpost Online: Sie waren zwei Jahre lang nur als Tourist in Deutschland, jetzt sind Sie dauerhaft da. Wie wirkt das Land auf Sie?
Jürgen Klinsmann: Ich würde es nicht nur auf die letzten zwei Jahre beschränken, ich habe länger in Amerika gelebt, ich war durch meinen Job mit der Nationalmannschaft zwar viel hier und habe auch viel mitgenommen, aber ich habe auch von außen, also aus amerikanischer Perspektive, verfolgt, dass ganz Europa in einem Wandel ist. Der Mauerfall, das Ende des Kommunismus, all das hat Europa geprägt. Und es herrscht auch in Deutschland heute ein anderes Lebensgefühl als vor 15 oder 20 Jahren. Im Alltag hat eine gewisse Internationalisierung stattgefunden. Die junge Generation wird teilweise schon in der Grundschule mit einer Fremdsprache vertraut. Die Integration spielt eine viel größere Rolle als früher. Deutschland ist multikultureller geworden.
Morgenpost Online:
Haben sich die Menschen in Deutschland verändert?
Klinsmann:
Ja, ich denke schon. Von der WM 2006 ist beispielsweise viel hängen geblieben, diese Mega-Party hat diesem Land richtig gut getan. Da ist ein Event zu einer Dimension vorgestoßen, die wir uns vorher gar nicht vorstellen konnten. Unabhängig vom sportlichen Verlauf. Das war ein ganz neues Bild, das Deutschland porträtierte. Alle Welt war erstaunt. Die Party ging weiter, auch als wir das Halbfinale verloren hatten. Dieser Event hat bei uns langfristig was bewirkt. Es gab uns einen Schuss mehr Gelassenheit, auch mal als Verlierer vom Platz zu gehen und trotzdem den Moment zu genießen.
Morgenpost Online:
Sie sagen „wir“, wenn Sie über Deutschland reden. Ist Deutschland oder Kalifornien für Sie Heimat?
Klinsmann:
Kalifornien ist für meine Familie immer noch die Heimat. Wir haben dort über zehn Jahre gelebt. Wir haben unser Zuhause nach wie vor dort. Die Familie wird immer ein bisschen pendeln, natürlich mit Hauptsitz München. Aber Kalifornien ist bei uns sehr verwachsen.
Morgenpost Online: Was fehlt Ihnen in Deutschland?
Klinsmann: Überhaupt nichts. Ich gehe in meiner Arbeit auf, die Familie ist um mich, die Kinder sind da.
Morgenpost Online: In Kalifornien sollten Ihre Kinder unbehelligt aufwachsen. Sind Sie jetzt vorbereitet auf ein Leben, in dem ihr Vater in der Öffentlichkeit die Hauptrolle spielt.
Klinsmann: Meine Frau und ich haben uns auch darüber viele Gedanken gemacht. Das wird ein Lernprozess für uns sein. Da gibt es keine richtige Vorbereitung. Wir werden wahrscheinlich erst in einem Jahr sehen, wie die Kinder damit zurechtkommen. Aber ich weiß, sie werden damit umgehen können, das schaffen sie.
Morgenpost Online: Dennoch, Kalifornien war auch für Sie immer ein Stück Freiheit und Privatsphäre. Jetzt wird über jeden Schritt, den Sie tun, berichtet. Wie kommen Sie damit klar?
Klinsmann: Ich habe durch den Job in der Nationalmannschaft sehr, sehr viel gelernt. Ich habe gelernt, dass das, was außen geschildert oder kontrovers diskutiert wird, letztlich gar keinen Einfluss auf die interne Arbeit hat. Ich habe gelernt, mir ein eigenes Gleichgewicht zu schaffen, unabhängig davon, was in der Öffentlichkeit gerade das Thema ist. Ich habe im Vergleich zum Spielerdasein von vor 15 Jahren komplett meine Blickweise geändert. Früher war es so, dass ich für alles sehr empfindlich war, für das, was die Öffentlichkeit, was die Leute sagen. Jetzt ist das für mich höchstens noch zweit- oder gar drittrangig, in erster Linie bestimme ich den Tag selbst und schaue, dass ich einen erfolgreichen Tag daraus mache, dass ich gute Arbeit abliefere.
Morgenpost Online: Beim 0:1 gegen Inter Mailand gab es Pfiffe. Lässt Sie so etwas kalt?
Klinsmann: Das war vollkommen okay. Ich weiß, was die Mannschaft zum jetzigen Zeitpunkt zu leisten imstande ist. Der Fan hat eine vollkommen andere Blickweise. Der Fan sagt: ,Das ist Inter Mailand, das ist der Saisonauftakt, der ist groß angekündigt, und wir wollen Bayern gewinnen sehen. Und jetzt gewinnen die nicht, und das passt mir aber nicht.’ Und dann machen sie ihrem Unmut Luft. Ich habe über die Jahre hinweg recht gut gelernt, mich in andere Positionen hineinzuversetzen. Sie dachten, wir schlagen die zwei oder drei zu null. Dem war nicht so, da ist man einen Moment sauer. Ich kann das recht gut einstufen. Von daher sehe ich das relativ nüchtern.
Morgenpost Online: Luca Toni meinte, dass es schwierig sei, in Deutschland grundlegende Veränderungen durchzusetzen. Kommt auch daher die Skepsis vieler Fans Ihnen gegenüber?
Klinsmann: Ich weiß es nicht. Aber alles, was einem ein ungewisses Gefühl gibt, das bringt Skepsis mit sich. Jede Veränderung ist erst mal Theorie, ich kann es noch nicht fühlen, noch nicht leben, noch nicht anfassen, dadurch gibt es eine gewisse Unsicherheit. Man wird aus seinem gewohnten Umfeld gerissen. Und ob man im Endeffekt erfolgreich ist, ist ungewiss. Alle unsere Spieler hatten in der ersten Woche beispielsweise große Augen, weil sie nicht wussten, wie funktioniert der neue Ablauf, was habe ich im Sinn. Erst nach zehn, vierzehn Tagen und vielen Gesprächen hat sich das gelegt, und dann ging die Arbeit so richtig los.
Morgenpost Online: Und jetzt?
Klinsmann: Jetzt weiß jeder, was wir wollen. Ich hoffe, dass sich die Arbeit in den nächsten Wochen und Monaten auch auf das Spiel überträgt. Alles, was wir jetzt schon im Kleinen im Training machen, soll auch irgendwann im Spiel automatisiert sein. Ich weiß, dass das ein Geduldspiel ist. Ich weiß, dass man hier gerne Zeitvorgaben haben möchte.
Morgenpost Online: Der Aufschrei war groß, als Sie nach der Niederlage gegen Inter sagten, es könne ein paar Monate, vielleicht ein oder zwei Jahre dauern, bis man Ihre Philosophie sehen kann.
Klinsmann: Ich meinte damit nicht konkret ein oder zwei Jahre, ich meinte damit einen gewissen Zeitraum, in dem wir uns in einem Prozess befinden. Ich kann eben nur nicht sagen, wie lange dieser Prozess andauern wird. Ich weiß nicht, wie lange der Einzelne brauchen wird, gewisse Mechanismen aufzunehmen und sie umzusetzen. Der eine vielleicht zwei Wochen, der andere ein Jahr. Aber diese Zeitvorgaben empfinden die Leute als Ungewissheit, und das bringt dann die Skepsis.
Morgenpost Online: Ist das typisch deutsch?
Klinsmann: Ich weiß es nicht. Es ist sicherlich nicht amerikanisch. Dort tut man sich leichter. Aber es gibt speziell in der Fußballwelt, auch bei großen Klubs, bei Nationen, bei denen wir eigentlich denken, die wären sehr offen für Veränderungen, sie wären sehr spontan, große Vorbehalte.
Morgenpost Online: Welche Nationen meinen Sie?
Klinsmann: Ich glaube, dass sich italienische Klubs wesentlich schwerer tun als wir. Und auch der ein oder andere englische Klub würde das nicht umsetzen. In Deutschland sind wir in einer Phase, in der jede Kleinigkeit heftig diskutiert wird, wo aber der Wunsch nach Veränderung da ist. Und das ist schon mal das Gute. Aber mit der Veränderung kommt auch die Skepsis, weil sich Veränderungen erst noch bewähren müssen. Dennoch, der erste Schritt muss sein, sich neuen Ideen zu öffnen. Und diesen Schritt hat Deutschland gemacht. Die Neugierde auf Veränderung ist da. Der nächste Schritt, mit der Ungewissheit umzugehen, da ist man noch vorsichtiger.
Morgenpost Online: Ihr Projekt Nationalmannschaft haben Sie 2006 beendet, obwohl Sie Ihr Ziel, Weltmeister zu werden, nicht erreicht haben. Wäre das Projekt Bayern bei einem Champions-League-Sieg beendet?
Klinsmann: Nein, die Aufgabe mit dem FC Bayern ist konträr zu der mit der Nationalmannschaft. Die Nationalmannschaft hatte große Probleme, lag am Boden, als ich sie übernahm. Mit der WM im eigenen Land stand ein Megaevent vor der Tür. Ich habe mich mit einer Vehemenz reingearbeitet, weil ich diese Deadline hatte. Ich hatte keine Zeit, Kompromisse zu schließen oder hier und da langfristige Konzepte anzugehen. Ich hatte nur das Datum 9. Juni 2006 im Kopf. Und da geht man ganz anders zu Werke, als wenn man wie jetzt beim FC Bayern einen erfolgreichen Klub, der im letzten Jahr zwei Titel gewonnen hat, in die nächste Epoche führen darf. Da hat man eine andere Denkweise. Meinen Zweijahresvertrag sehe ich als Anfang. Wenn der Verein glücklich ist mit der Arbeit, dann können aus den zwei schnell mehrere Jahre werden.
Morgenpost Online: Sie planen also langfristig mit dem FC Bayern?
Klinsmann: Ja, es war für meine Familie und mich ein großer Schritt, nach Europa zu kommen. Es war ein großer Schritt zu sagen, wir lassen uns in Deutschland nieder. Ich erhoffe mir, dass mein Trainerstab und ich, dass wir unsere Handschrift kenntlich machen können. Und wir sind davon überzeugt, dass dann auch Titel kommen. Für mich ist der FC Bayern ein weiterführendes Projekt, eines ohne Deadline.
Morgenpost Online: 2006 schrieb die Gazzetta dello Sport, Sie haben Deutschland mit Ihrer positiven Art zum Lächeln verholfen. Dieses Lächeln ist Ihr Markenzeichen. Aber wie ehrlich ist das nach einer Niederlage?
Klinsmann: Wenn ich das tue, ist das absolut ehrlich, das bin ich.
Morgenpost Online: Für den Außenstehenden sieht es nach einer Schutzmauer aus.
Klinsmann: Nein, ich brauche mich überhaupt nicht zu verstellen, um es jedem in irgendeiner Form recht zu machen. Ich versuche wirklich, den Tag und den Moment zu leben. Und ich glaube, dass ich relativ realistisch in den Tag hineinblicke, auch mit negativen Dingen realistisch umgehen kann. Wenn etwas nicht funktioniert, wenn etwas mehr Zeit bedarf oder wenn ein Spiel mal in die Hose geht.
Morgenpost Online: Wenn beim FC Bayern was in die Hose geht, ist das immer gleich eine Schlagzeile.
Klinsmann: Natürlich kenne ich die Konstellation. Jedes Trainingsspielchen, und bis jetzt hatten wir nur Trainingsspiele, wird schon so aufgehängt, als gehe es um die Champions League. Aber für mein eigenes Umfeld, also in erster Linie für meine Spieler und meinen Trainerstab, ist es wichtig, dass wir die Dinge mit Optimismus und auch mit Glaubwürdigkeit angehen. Wir haben ein starkes Team zusammengebastelt, wir haben Experten, die an ihre Arbeit glauben. Sie sind mit Selbstbewusstsein hierher gekommen, sie müssen sich vor niemandem verstecken, sie müssen sich nicht rechtfertigen. Sie wissen, dass ich sie geholt habe, damit sie Verantwortung in ihren Bereichen übernehmen. Das gibt mir auch eine Spur Gelassenheit. Ich weiß, ich bin umgeben von Leuten, die auf ihren Gebieten top sind und die mit mir das gleiche Ziel verfolgen. Natürlich wollen wir ganz nach oben, natürlich wollen wir gewinnen. Wenn es am Tag eins nicht klappt, dann wird es an einem der nächsten Tage klappen. Ganz bestimmt.
Morgenpost Online: Man kann also nach einer Niederlage lächeln?
Klinsmann: Ich weiß ein Spiel einzuschätzen. Für mich ist es wichtig zu sehen, dass die Spieler an ihr Limit gehen. Es gibt Nuancen, die ein Spiel entscheiden können. Ein Fehlpass, ein Freistoß, der in den Winkel geht. Wenn ich weiß, dass jeder versucht hat, sein Leistungsmaximum zu geben, dann hat er mit mir null Probleme. Dann kann ich auch ohne Probleme mit Niederlagen umgehen.
Morgenpost Online: Sind Sie ein guter Verlierer?
Klinsmann: Nein, überhaupt nicht. Ich bin kein guter Verlierer. Ich fresse im ersten Moment ein bisschen was in mich rein. Aber wenn ich das Gefühl habe, dass alles versucht wurde, dann bin ich innerlich gelassen, dann kann ich das einstufen. Wenn ich das Gefühl habe, sie haben nicht das gemacht, was wir abgesprochen haben, dann kann es in die andere Richtung richtig kritisch zugehen. Aber das mache ich dann intern, dass mache ich nicht vor der Kamera. Dann werde ich richtig deutlich.




