Morgenpost Online: Bei der Präsentation der neuen Trikots sagte Karl-Heinz Rummenigge, er würde die Champions-League-Shirts gern auch nächsten Mai in Rom sehen. Was sind Ihre Ziele?

Bastian Schweinsteiger: Das Champions-League-Finale in Rom wäre natürlich ein Traum. Aber mein primäres Ziel ist, mit der Mannschaft in Bundesliga und Pokal ganz oben zu stehen. Das wird schwer genug, es gibt ja schließlich noch Schalke, Bremen und auch Hamburg. Die drei werden wohl unsere größten Konkurrenten werden. Eventuell noch der VfB Stuttgart, der hat jetzt immerhin einen guten Torwart bekommen.

Morgenpost Online: Die Meisterschaft ist für den FC Bayern doch ohnehin jedes Jahr Pflicht. Die Frage ist: Welche Rolle spielen Sie international?


Schweinsteiger: Wenn man zurückschaut, war es aus deutscher Sicht immer Bayern München, das in der Champions League auch in den K.-o.-Runden lange dabei war. Das wollen wir in dieser Saison natürlich auch. Wir wollen versuchen, die ganz großen Mannschaften wie zum Beispiel den FC Barcelona oder Real Madrid oder die englischen Vereine zu ärgern.


Morgenpost Online: Ist die Bundesliga international konkurrenzfähig?


Schweinsteiger: Wir müssen uns nichts vormachen: Die Qualität der Bundesliga ist auch abhängig von TV-Geldern. Und da haben die Engländer, Spanier und Italiener uns einiges voraus. Aber die kochen auch alle nur mit Wasser auf dem Platz – die spielen auch nur Fußball. Ich denke, der FC Bayern ist in dieser Saison auf jeden Fall in der Lage, gegen Mannschaften wie den FC Chelsea oder Manchester United bestehen zu können, sie auch zu besiegen.


Morgenpost Online: Ihr Mannschaftskollege Philipp Lahm sagt: Wenn man die Champions League gewinnen will, muss man noch weiter wachsen.


Schweinsteiger: Es stimmt schon, wir können und müssen noch mehr als Mannschaft wachsen. Aber wir haben alle schon unsere Erfahrungen gemacht. Natürlich hat in den letzten Jahren zum Beispiel ein AC Mailand mit seinen etwas älteren Spielern die Champions League entscheidend geprägt. Aber ich denke, es liegt nicht am Alter, sondern an der Qualität der Spieler. Andere Mannschaften haben uns spielerisch vielleicht ein bisschen was voraus. Aber wir können das durch mannschaftliche Geschlossenheit wieder wettmachen und das werden wir auch.

Morgenpost Online: Das klingt wie das Credo der deutschen Nationalmannschaft.

Schweinsteiger: Ja, damit kann man es auch vergleichen. Wir hatten in der Nationalmannschaft auch nicht die spielerische Qualität von Portugal, Holland oder Brasilien, aber durch die mannschaftliche Geschlossenheit und den Teamgeist haben wir das ausgeglichen. Und wenn wir mit dem FC Bayern die Champions League gewinnen wollen, dann ist das nicht das einzige, aber ein gutes Mittel. Das könnte uns unterscheiden von anderen Mannschaften.

Morgenpost Online: Unter der Rubrik „Die besten Fußballspiele“ haben Sie auf Ihrer Homepage fünf Spiele aufgezählt. Unter anderem das Champions-League-Finale 1999, jenes 1:2 des FC Bayern gegen Manchester United, mit den beiden Gegentoren in der Nachspielzeit. Warum?

Schweinsteiger: Es war äußerst bitter, das zu sehen. Aber es war lehrreich. Meistens ist es doch so: Man führt 1:0 oder 2:0 in der 90. Minute, ist sich schon sicher, dass man das Ding gewonnen hat. In diesem Spiel hat man gesehen, dass man bis zur letzten Minute an den Sieg glauben muss. Dass man selbst kurz vor Schluss eine Partie noch drehen kann. Deswegen steht es da.

Morgenpost Online: Sie haben sich noch nicht auf einer Position fest etablieren können beim FC Bayern München. Wie sehen Sie selbst Ihre Rolle?

Schweinsteiger: Am liebsten spiele ich offensiv. Mir kam das System der Nationalmannschaft sehr entgegen. Bei den Bayern spielen wir ein bisschen anders. Aber ich bin flexibel einsetzbar: rechts, links, hinter den Spitzen.

Morgenpost Online: Hamit Altintop und Tim Borowski sagen das auch von sich.

Schweinsteiger: Das ist gut für uns. Dann sind wir nicht so berechenbar, wenn viele Spieler auf dem Platz stehen, die flexibel sind. Ich sehe das nicht als Nachteil für mich, sondern als Vorteil für uns, für den FC Bayern München. So kann man in der Offensive den Gegner verwirren.

Morgenpost Online: In der Rubrik „Offensive Außenbahn“ des Fachmagazins „Kicker“ sind Sie die Nummer drei – hinter Franck Ribéry und Hamit Altintop, zwei Ihrer Teamkollegen. Spüren Sie den Druck in den eigenen Reihen?

Schweinsteiger: Den Druck habe ich doch schon seit dem Confed-Cup vor drei Jahren. Die Konkurrenz ist bei den Bayern schon immer groß gewesen. Jetzt vielleicht noch ein bisschen größer. Bei den Bayern misst man sich eben mit den Besten. Aber ich gebe nicht so viel auf solche Ranglisten.

Morgenpost Online: Auf wen geben Sie denn etwas?

Schweinsteiger: Auf das, was der Trainer sagt und die Mannschaft. Und auf meine besten Freunde.

Morgenpost Online: Ex-Nationalspieler Marco Bode sagte kürzlich, dass Sie sich in der Nationalmannschaft wohler fühlen und selbstbewusster auftreten.

Schweinsteiger: Das täuscht, ich fühle mich bei Bayern genauso wohl. Vielleicht liegt es daran, dass ich in der Nationalmannschaft offensiver ausgerichtet war, weil wir unser Spielsystem umgestellt haben. Vielleicht bin ich da ein bisschen mehr herausgestochen. Bei den Bayern bin ich defensiv stärker gebunden. Aber ich würde meinen: Ich trete genauso selbstbewusst auf wie in der Nationalmannschaft.

Morgenpost Online: In dieser Saison scheint der Star der Bayern der Trainer zu sein. Können Sie verstehen, dass so ein Rummel um ihn gemacht wird?

Schweinsteiger: Klar ist das verständlich. Jürgen Klinsmann kam aus Amerika zurück, hatte bei der Nationalmannschaft einen Riesenjob gemacht. Außerdem hat er neue Trainingsmethoden eingeführt. Hinzu kommt das neue Trainingsgelände. Das lenkt die Aufmerksamkeit auf ihn. Und uns nimmt das ein bisschen Druck – vielleicht auch nicht so schlecht.

Morgenpost Online: Was macht Jürgen Klinsmann aus?

Schweinsteiger: Er ist sehr direkt und hat ganz klare Vorstellungen. Auch wenn 99 Prozent der Menschheit sagen: So und so wird das gemacht, hinterfragt Jürgen Klinsmann vieles und sagt dann auch: Nein, wir machen das anders. Ihm ist egal, was Außenstehende denken. Und er steht zu dem, was er tut, auch wenn es anfangs vielleicht nicht populär ist. Das gefällt mir.

Morgenpost Online: Lukas Podolski wurde neulich auf das neue Freizeitangebot der Bayern angesprochen und gefragt, ob er seine freie Zeit lieber mit Goethe oder der Playstation verbringe. Die Antwort können Sie sich denken.

Schweinsteiger: Natürlich hat er Goethe gesagt.

Morgenpost Online: Fast. Er hat sich für die Playstation entschieden. Wie sieht es denn bei Ihnen aus? Womit werden Sie sich in der Zeit zwischen den Trainingseinheiten beschäftigen?

Schweinsteiger: Ich werde auf jeden Fall eine Sprache lernen. Ich will so viele Sprachen wie möglich lernen. Als Erstes steht Englisch an, ich will mein Schulenglisch verbessern. Aber daraus sollte jetzt bitte keiner den Schluss ziehen, dass ich in die Premier League wechseln will. Das hat damit nichts zu tun. Und dann werde ich mir auch noch irgendetwas anderes aussuchen. Vielleicht einen Kochkurs. Meine Freundin würde es freuen.

Morgenpost Online: Sie sagen von sich, Sie lieben es, Fehler zu machen – einfach um zu sehen, ob das überhaupt ein Fehler ist. Wie muss man das verstehen? Loten Sie gern Ihre Grenzen aus?

Schweinsteiger: Ja, vielleicht lote ich im Privaten gern Grenzen aus. Nur so kommt man manchmal an Menschen heran und findet heraus, wie jemand wirklich funktioniert.

Morgenpost Online: Und sportlich?

Schweinsteiger: Natürlich mache ich am liebsten so wenige Fehler wie möglich. Aber Fehler bringen einen weiter, wenn man daraus lernt. Wenn man fällt, muss man eben wieder aufstehen.

Morgenpost Online: In den vergangenen zwei Jahren mussten Sie sich viel Kritik anhören. Würden Sie die zwei Jahre nach der WM 2006 als Fallen bezeichnen?

Schweinsteiger: Überhaupt nicht, ich weiß auch gar nicht, wie die Leute darauf kommen. Ich habe immer meine Einsätze bekommen, habe gespielt, bei den Bayern, in der Nationalmannschaft, wir haben Titel geholt, sind jetzt Vize-Europameister geworden. Wenn ich gefallen wäre, hätten mich die Trainer doch nicht eingesetzt.

Morgenpost Online: Dennoch mussten Sie reichlich Kritik einstecken, es hieß im Kern, Sie würden in Ihrer Entwicklung stagnieren. War die Kritik aus Ihrer Sicht überzogen?

Schweinsteiger: Ich denke schon, dass das nicht immer ganz fair war. Die Wertschätzung fehlte mir manchmal. Aber ich kenne die Mechanismen, wie schnell man hochgejubelt und dann wieder extrem fallen gelassen wird. Manchmal reicht dafür ein Spiel. Die beste Antwort auf Kritik ist Erfolg. Und den hatte ich in den letzten Jahren, sowohl mit den Bayern als auch mit der Nationalmannschaft. Deswegen kann ich damit gut umgehen.

Morgenpost Online: Es wurde zuletzt häufig darüber diskutiert, wer nach dem Rücktritt von Oliver Kahn der neue Mannschaftsführer wird. Ihr Name fiel bislang nicht in dem Zusammenhang.

Schweinsteiger: Ich habe schon mal scherzhaft gesagt: Dafür müsste ich meinen Vertrag verlängern. Nein, natürlich wäre das für mich ein Motivationsschub. Allerdings sind Spieler wie Willy Sagnol, Lucio oder Mark van Bommel schon lange genug dabei und könnten das Kapitänsamt gut ausüben. Auf die drei läuft es wohl hinaus.

Morgenpost Online: Spätestens seit der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland sind Sie eine Person des öffentlichen Interesses. Wie geht man damit um?

Schweinsteiger: Ich bin sicher gereift. Es war auch ganz gut, dass ich schon in jungen Jahren in das Geschäft kam und meine Erfahrungen gesammelt habe. Jetzt passt man natürlich mehr auf, was man tut und was man sagt.

Morgenpost Online: Früher gab es von Ihnen Aussagen wie diese: „Toreschießen ist mir wichtiger als Sex.“

Schweinsteiger: Da war ich noch sehr jung, als ich das gesagt habe.

Morgenpost Online: Und jetzt?

Schweinsteiger: Ich bin immer noch der Gleiche. Alle, die mich genau kennen, wissen, dass ich ein ganz normaler Junge bin, der einfach Fußball spielen will. Und das Drumherum muss man akzeptieren. Ich kann es nicht beeinflussen.


Morgenpost Online: Ihr ehemaliger Mannschaftskollege beim FC Bayern, Sebastian Deisler, sagte einmal, in diesem Geschäft dürfe man keine Schwächen zeigen.


Schweinsteiger: Das ist auch so. Fußball ist ein hartes Geschäft, eins, wo man auch Ellenbogen braucht. Man muss versuchen, sich so stark wie möglich zu zeigen. Schwächen darf man im Privaten haben, nicht im Job.

Morgenpost Online: Bei der Europameisterschaft ist über keine andere deutsche Spielerfrau so viel geschrieben worden und keine andere ist so oft abgebildet worden wie Ihre Freundin Sarah Brandner.

Schweinsteiger: Darüber muss ich schmunzeln. Was soll ich dazu sagen?

Morgenpost Online: Vielleicht gefällt Ihnen ja, dass Ihre Freundin ein beliebtes Fotomotiv ist?

Schweinsteiger: Ich kann es nicht ändern. Das Stadion ist nun mal öffentlicher Raum. Wenn meine Freundin fotografiert wird, was soll ich da machen? Soll ich ihr einen Pappkarton überstreifen?

Morgenpost Online: Hätten Sie denn manchmal gern ein bisschen mehr Privatsphäre?

Schweinsteiger: Ja, manchmal schon. Zum Beispiel mag ich es während des Essens nicht so gern, Autogramme zu geben und fotografiert zu werden.