Peking 2008

Olympia war nie eine politikfreie Veranstaltung

Die Olympischen Spiele verstehen sich als unpolitische Veranstaltung. Doch sind die Spiele längst zu einem Tummelplatz der Politik geworden. Das IOC hat es so gewollt. Es erzog die Sportler über Jahrzehnte zur politischen Mündigkeit und fürchtet nun gerade in Peking die Konsequenzen.

Foto: AFP

Längst gerät die Lage völlig außer Kontrolle. Dabei haben die Olympischen Spiele noch nicht einmal begonnen. Die Aufmerksamkeit der ersten Demonstration im olympischen Dorf gönnte sich die amerikanische Schwimm-Olympiasiegerin Amanda Beard. Als Blickfang präsentierte sie stolz ein Poster ihrer Kampagne für die Tierschutzorganisation Peta: Textilfrei posiert sie darauf im Wasser.

Ganz unverhüllt zielt die Nackte auf die Quoten: „Die Olympischen Spiele sind ein großartiges Forum für mich“, schwärmt die Athletin. An der Botschaft, „keine unschuldigen Tiere töten“ zu lassen, findet Beard, „kann schließlich nichts Negatives sein“.

Darfur-Aktivist erhält kein Einreisevisum

Parallel schlägt in den USA Eisschnelllauf-Olympiasieger Joey Cheek Alarm. Nur einen Tag vor seiner Abreise nach Peking haben Chinas Behörden ihn ausgeladen: Kein Visum. Offensichtlich nehmen die Diktatoren Anstoß an seiner Gesinnung: Der goldmedaillendekorierte Athlet gehört zu den Gründern des „Team Darfur“, das China scharf attackiert, weil das Land als größter Waffenlieferant seinen Beitrag zum Völkermord liefert.

Vorige Woche machten neun deutsche Sportler Rabatz. Sie ließen sich für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ fotografieren. Vor sein Gesicht jedoch hielt jeder das Foto eines inhaftierten chinesischen Menschenrechtlers.

Bei den Mächtigen des Internationalen Olympischen Komitees herrscht hektische Betriebsamkeit. Seit 1984 in Los Angeles ihr Weltsportfest zuletzt boykottiert worden war, wähnten die Herren der Ringe sich dank der Integration aller potenziell gefährlichen Spaltpilze sicher. Seit dem Frühjahr nun bahnt sich an, dass Peking eines ihrer großen Ideale als naive Illusion enttarnt: „Ursprünglich dachten wir, wir seien nur eine Sportorganisation und hätten nichts mit einem politischen Status zu tun“, sagt der fürs Marketing zuständige norwegische IOC-Vorstandsmann Gerhard Heiberg, „das werden wir überdenken müssen – ob wir wollen oder nicht.“

Defizite bei der Gewährung der Menschenrechte

Der Versuch, sich zur politikfreien Zone zu erklären, um nicht zwischen die Fronten zu geraten, galt von Beginn an als untauglich. Mal nutzten amerikanische Athleten 1968 in Mexiko-City die Spiele als Plattform, um Rassismus anzuprangern, 1972 verübten Palästinenser in München den Anschlag auf Israelis, 1976 boykottierten afrikanische Länder die Spiele, 1980 viele westliche Nationen, 1984 der Ostblock. Und dass schon die Vergabe der Spiele politische Weiterungen birgt, wusste die IOC-Gesellschaft lange bevor sie 2001 die Spiele nach Peking gab, um der kommunistischen Diktatur den Weg in die internationale Staatengemeinschaft zu ebnen.

Die Defizite bei der Gewährung der Menschenrechte, der Meinungsfreiheit und im Zugang zum Internet brachten das Komitee erst in der vergangenen Woche wieder in die Bredouille. „Man muss in den Gesprächen mit Regierungen eine Situation schaffen, in der jeder sein Gesicht wahren kann“, lehrte IOC-Chef Jacques Rogge gestern die Kollegen, nachdem Kritik an der allzu zögerlichen Haltung des Komitees gegenüber dem Gastgeberstaat aufgekommen war: „Es muss für beide Seiten eine Win-win-Situation entstehen.“

Die Funktionäre wollten mündige Athleten

Zwei Entwicklungen der vergangenen zwei Dekaden sorgen für die wachsende Politisierung der Spiele und bringen deren Bosse in Not: Einerseits trägt die Forderung der Funktionäre nach mündigen Athleten Früchte, dass so viele Sportler wie nie Zivilcourage gegenüber einem ganzen Staat wagen.

Inzwischen bangen die IOC-Bosse sogar, dass nicht einmal ihr in der olympischen Charta unter Artikel 51 festgelegtes politisches Demonstrationsverbot für Sportler seinen Zweck ausreichend erfüllt. Ihnen dämmert, welch’ verheerende Entscheidungen drohen: Ihnen graut vor dem Signal, das sie setzen müssten, wäre ein für Menschenrechte innerhalb der Sportstätten eintretender Sportler zu bestrafen.

Der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach hat daher angekündigt, über Sanktionen „hochsensibel“ befinden zu wollen. Um nicht per se mit Ausschluss drohen zu müssen, soll nuanciert geahndet werden wie nie: „Jede Bestrafung sollte davon abhängig gemacht werden, um was für einen Verstoß es sich handelt.“

Regierungen beeinflussen olympische Komitees

Andererseits werfen die Spiele mit etwa drei Milliarden Dollar Gesamteinnahmen aus Sponsoren- und Übertragungsrechten einen Reibach ab, der Begehrlichkeiten wachsen lässt. Regelmäßig funken Regierungen nun ihren Nationalen Olympischen Komitees so energisch dazwischen, dass die Beschreibung als feindliche Übernahme noch zu galant wäre.

Immer wieder werden Versuche unternommen, rechtmäßig gewählte NOK-Spitzen zu entmachten. Voriges Jahr suspendierte das IOC daher Panama, vorige Woche erst den Irak, weil dort die Regierung Gelände und Geld konfisziert hatte. Auch im Sudan, in Nepal oder Ägypten galt es, die Autonomie des Sports zu verteidigen. „Die Ausgangslage im Verhältnis zu Regierungen ist schwierig“, berichtete IOC-Chef Jacques Rogge, „sie sind souverän, wir sind es nicht.“