Das Moselstadion ist nicht der Generali Sportpark, Trier ist nicht Unterhaching. Vor einem Jahr wollte Lucien Favre gleich nach seinem ersten Pflichtspiel als Cheftrainer von Hertha BSC von seinem Amt zurücktreten. Zu erschreckend waren damals trotz eines 3:0 gegen Regionalligist Unterhaching die Defizite seiner Mannschaft gewesen. Auch Eintracht Trier präsentierte sich gestern Abend als Regionalliga-Klub, was seit Einführung der Dritten Liga nur noch für Viertklassigkeit steht – aber nicht einmal dort zählt Trier zu den ambitionierten Vertretern.
Doch was heißt das, wenn Hertha BSC sich im Pokal auf Reisen macht? Allerdings plagten Favre nach dem 3:1 (1:1) der Berliner diesmal keine Rücktrittsgedanken: „Vor einem Jahr in Unterhaching war unser Sieg unverdient, dieses Mal ist es verdient, dass wir die zweite Runde erreicht haben.“
Ein wenig hatte das Team aus der ältesten Stadt Deutschlands den Hauptstadtklub dennoch gepiekt – und das trotz früher Berliner Führung durch Marco Pantelic. Raffael hatte Cicero bedient, der sofort weiter zu Pantelic passte. Der Torjäger hatte keine Mühe, aus 15 Metern flach einzuschieben (8. Minute). Lukasz Piszczek hätte nach Flanke von Patrick Ebert erhöhen können, doch sein Kopfball klatschte an den linken Pfosten (13.).
Die Trierer schienen das als Wink des Schicksals zu begreifen. Jetzt trauten sie sich etwas zu. Erstaunlich: Hertha ließ die unterklassigen Kicker viel zu oft widerstandslos gewähren. Im Nieselregen verschwamm der Drei-Klassen-Unterschied zusehends. Hertha spielte zu brav – und vor allem zu lässig. Etwa als SVE-Spielgestalter Thorsten Wittek, ein gebürtiger Berliner, Pantelic und Ebert nahe der Eckfahne nach Belieben narren durfte; sein Zuspiel setzte Kevin Lacroix noch ans Außennetz (21.).
Besser machten es der Kapitän und der Innenverteidiger in der 26. Minute: Ecke Wittek, Lacroix übersprang Cicero und Fabian Lustenberger. Die schlechteste Figur in dieser Situation aber machte Torwart Drobny – 1:1.
„Wir dachten nach dem 1:0, wir sind schon fertig. Aber Trier ist eine gute Viertliga-Mannschaft, sie haben schnell nach vorn gespielt“, sagte Favre. Hertha ließ nach gutem Start die Entschlossenheit eines Erstligisten vermissen, der seinen Fans deren sehnlichsten Wunsch erfüllen will: „Pokalfinale, Pokalfinale, wir träumen jedes Jahr vom Pokalfinale“, sangen die rund 200 mitgereisten Anhänger zur Melodie von Michael Holms Evergreen „Mendocino“.
Favres Pausenansprache fiel kurz aus, zwei Minuten vor den Gastgebern waren die Hertha zurück auf dem Platz des kleinen Moselstadions, das mit 5830 Zuschauern bei weitem nicht ausverkauft war. Mit seiner Laufbahn und den wenigen Stehplatzreihen war das Stadion so etwas wie der Gegenentwurf zu einem Hexenkessel. Die von einem Fanblock auf der Gegengerade ausgehende, wenige Stimmung hätte Piszczek Sekunden nach Beginn der zweiten Halbzeit verstummen lassen können. Doch seinen Volleyschuss aus zwölf Metern parierte Triers Torhüter Pero Miletic. So mussten die Berliner ihrerseits Drobny danken, der einen 18-Meter-Schlenzer von Gustav Schulz um den Pfosten drehte (53.).
Wie es sich für den Pokal gehört, weckte jede Minute mehr den Ehrgeiz des Außenseiters – doch dann passte Raffael auf Lustenberger: Der 20-jährige Schweizer startete durch, enteilte Lacroix und lupfte den Ball über den herausstürmenden Miletic, 2:1.
Für die Entscheidung in einer am Ende doch eindeutigen Partie sorgte Ebert, der in der 81. Minute nach einer präzisen Flanke des eingewechselten Maximilian Nicu per Kopf zum 3:1 traf.
Anschließend verhalf Favre noch dem erst vor drei Tagen als Zugang präsentierten Tunesier Amine Chermiti zu seinem Debüt im Hertha-Trikot. Der glanzlose Einzug in die zweite Hauptrunde im diesjährigen DFB-Pokal bringt Hertha 225.000 Euro an Prämie.
Torschütze Patrick Ebert: „Unser Ziel war es, hier zu gewinnen. Das haben wir geschafft. Und wir wissen auch, dass wir besser spielen können.“


