Dieter Hoeneß saß Montagnachmittag in einer Besprechung, da klingelte das Telefon. Als der Manager von Hertha BSC den Anruf annahm, stutzte er kurz. „Ah, Mr. Boskovic, sehr schön von Ihnen zu hören.“ Am Telefon war Alexander Boskovic, ein Teambetreuer der serbischen Olympiaauswahl im Fußball. Vier Tage hatte sich der Verband einfach nicht mehr gemeldet. Dabei hatte das Sportgericht Cas Hertha im Streit um eine Abstellungspflicht Recht gegeben – der Verein hatte seinen Mittelfeldspieler Gojko Kacar von den Olympischen Spielen in Peking zurückbeordert. Das Gespräch dauerte keine fünf Minuten. Die Serben baten um einen weiteren Einsatz Kacars im letzten Vorrundenspiel gegen Argentinien. Hoeneß lehnte ab.
Wenn Kacar nicht heute um 10.30 Uhr in den Flieger nach Berlin steigt, in dem Hertha bereits einen Platz reserviert hat, werde es teuer, teilte Hoeneß dem Serben höflich mit. Er gab Boskovic noch einmal bis 17 Uhr Zeit, die entsprechenden Schritte einzuleiten. Vergeblich: „Die Anwälte der Serben ignorieren das Urteil“, sagte er grimmig, „Kacar wird heute definitiv nicht im Flugzeug sitzen.“ Der Verein reichte unmittelbar Klage beim Weltverband Fifa ein. Hoeneß äußerte scharfe Kritik an Fifa-Präsident Joseph S. Blatter. „Nachdem er die Vereine und Verbände so im Stich gelassen hat, appelliert Blatter auch noch an die Solidarität“, sagte er im DSF: „Auch in der Situation, in der wir uns im Moment befinden, kommt nichts.“ Sollte die Fifa bis heute Abend nicht eingreifen, wird Klage beim Cas eingereicht. Es dürfte um mehrere Hunderttausend Euro gehen: Schalke 04, das im Fall Rafinha den brasilianischen Verband verklagt, fordert rund eine halbe Million Euro.
„Wir sind nicht wild auf Klagen“, sagte Hoeneß, „aber wir sind in dieser Angelegenheit klar im Recht und müssen das im Interesse des Vereins auch wahrnehmen.“ Das hatte er am Sonntagabend bereits Kacar telefonisch mitgeteilt, auf dessen Bemühungen hin die Serben wohl erst ihre Sprache und Hoeneß’ Telefonnummer wiederentdeckten. „Er hat sich tadellos verhalten“, betonte Hoeneß. Hertha hat nun einen Rückflug morgen um 10.30 Uhr reserviert. Für die Uefacup-Aufgabe bei NK Ljubljana (wo der Italiener Alberto Bigon neuer Trainer ist) am gleichen Abend war Kacar nicht eingeplant. Sonntag, zum Liga-Auftakt in Frankfurt, schon.
Herthaner bei Olympia
Trotz des illegalen Einsatzes von Gojko Kacar steht Serbien nach zwei von drei Gruppenspielen als Tabellenletzter vor dem Aus bei seinem Olympiadebüt. Nach einem 1:1 gegen Australien und einem 2:4 gegen die Elfenbeinküste bleiben den Osteuropäern vor dem morgigen Spiel gegen Favorit Argentinien nur theoretische Chancen.
Besser lief es bislang für den zweiten Berliner in Peking, Solomon Okoronkwo. Nigeria liegt nach zwei Spielen mit vier Punkten auf Platz zwei der Gruppe B. Okoronkwo war bei Hertha BSC zuletzt nur noch Ersatz und hat die Freigabe für das Turnier bekommen.
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