Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees ist ein mächtiger Mann. Seine Spiele, die er alle vier Jahre veranstaltet, sind ein Milliardengeschäft. Staaten und Städte wollen es liebend gern machen, geben darob allerlei märchenhafte Versprechen ab. Jacques Rogge weiß das, spätestens seit seinem Amtsantritt 2001. Aber die Macht, die das Amt ihm gibt, muss eben auch benutzt werden. Als im Frühjahr die Mönche in Tibet demonstrierten und die Weltöffentlichkeit aufmerksam machten auf die zum Himmel schreienden Menschenrechtsprobleme in ihrer von China okkupierten Region, schwieg der IOC-Boss. Tagelang kein Wort vom Belgier.
Vertan war die Chance, als oberster Olympier ein Machtwort zu sprechen und die Gastgeber seiner Spiele aufzufordern, Tibet die Fesseln abzunehmen. Ein Herr der Ringe ist eben nicht nur für den Kampf gegen Doping zuständig, auch Freiheit und Menschenwürde sollten seinem olympischen Geist entsprechen.
Eigentlich hätte Rogge aus dem Tibet-PR-GAU des Frühjahrs lernen müssen. Doch als in China unter der Woche die ersten angereisten Journalisten verblüfft feststellten, dass das Regime offenbar entgegen den Zusagen das Internet zensiert und blockiert, überließ er das Feld lieber seinem Mediendirektor. Der sich auch noch prompt auf die Seite der weltweiten Proteste stellte und seinen Chef damit entblößte. Rogge schwieg erneut, äußerte sich erst gut vier Tage nach Bekanntwerden des inakzeptablen Eingriffs in die Pressefreiheit. Wieder zu spät. Selbst wenn der IOC-Präsident nun versichert, er wolle alles für möglichst freie Berichterstattung in China tun, wird er den Makel des Schweigers nur schwer loswerden.
Interessant wird zu beobachten sein, wie sich das IOC und Rogge bis zum Ende der Spiele mit den Gastgebern der Spiele arrangieren. Oder besser für alle: auseinandersetzen. Gelegenheit dürfte es bald geben. Wenn Mitte kommender Woche der große Pulk aus Journalisten und Touristen in Peking eintrifft und somit die Bühne für die angekündigten Proteste der Menschenrechtler steht, muss das IOC eine Meinung haben.
Die sportliche Weltregierung namens IOC hat die Spiele nicht ohne Kalkül an das Reich der Mitte vergeben. China ist mit seinen 1,3 Milliarden Konsumenten ein Boommarkt für alle Sponsoren. Aber: Wo eine Staatsführung ihr Volk mit Militär und Repression kontrolliert und Menschenrechte ins Exil verbannt hat, darf nicht der schnöde Sport-Kapitalismus regieren. Wie schon seine Vorgänger steckt nun wohl auch Jacques Rogge in der Zwickmühle: Kommerz oder Menschlichkeit? In der politischen Gemengelage steht er wie schon im Fall Tibet mit dem Rücken zur Wand. Rogge sollte dabei bedenken, dass die Welt nicht von ihm erwartet, dass er das kommunistische China mit Stabhochsprung und Bodenturnen zur puren Demokratie wandelt. Die Welt erwartet nichts weiter als einen aufrechten Präsidenten, der im Sinne der Demokratie als Vorreiter handelt. Und das mit aller Macht.



