Strand kann eine Qual sein. Dünen auch mit ihrem weichen Sand. Und Wind erst, wenn er von vorn bläst. Aber Timo Boll ist schließlich nicht in den Ferien mit seinen Nationalmannschaftskollegen vom Deutschen Tischtennisbund. Die Nordseeinsel Borkum soll helfen, mit der nötigen Muskelkraft und der rechten Ausdauer für das Wunder gewappnet zu sein. Das Wunder wäre der Olympiasieg eines Deutschen im Tischtennis in China, an der Wiege des Pingpongsports. Timo Boll trauen die Fachleute das im August zu, der junge Mann aus dem Odenwald hat schließlich schon einmal die Weltrangliste angeführt.
Boll macht nicht den Eindruck, als glaube er an Wunder. Im Augenblick ist er zu kaputt, an irgendetwas zu glauben. Er hat mit seinen Teamkollegen Christian Süß, Dimitri Owtscharow und den Frauen um Elke Schall Strandläufe gemacht und sich auf dem Mountainbike durch das tiefe Geläuf gequält, in dem die Kleinbahn der Insel früher ihr Gleisbett hatte, als brächten sie sich für die Tour de France der Radprofis in Form und nicht für die Olympischen Spiele vom 8. bis zum 24. August in Peking.
„Bis zur Schmerzgrenze“ ist Boll gegangen, schwor er, bevor er gestern von Borkum abreiste, „den ersten Schritt zu einer Medaille in Peking“. Fitnesstrainer Holger Obenauer vom hessischen Olympiastützpunkt, klagte Owtscharow, „hat uns auf maximalem Niveau gequält“.
Boll ist in China populärer als in Deutschland
Der Verband hinter Boll weiß um seine Chance in Peking. Tischtennis kann im August so groß herauskommen wie seit seiner Aufnahme als Olympiasport 1988 in Seoul nie. Die Chinesen sind völlig verrückt nach Pingpong, die 8000 Karten pro Tag für die Wettbewerbe vom 13. bis zum 23. August in der Pekinger Universität zählten zu den ersten, die vergriffen waren. Einer wie Boll genießt in China größeren Ruhm als daheim, wo in Borkum zum Training schon mal einige Insulaner wie Touristen aus Neugier in die Halle drängen und in ihrer Arglosigkeit das Randsportdasein des Sports in Deutschland belegen: „Welcher ist denn der Roßkopf?“
Mit Doppelsilber in Barcelona 1992 und Einzelbronze in Atlanta 1996 hat Jörg Roßkopf sich in der deutschen Öffentlichkeit so eine Art alleiniges Vertretungsrecht des Tischtennis offenbar auch für die Zeit gesichert, in der er selbst zu alt und nicht mehr gut genug ist, sich für Olympia zu qualifizieren.
Die Topvereine spielen in der Provinz
Trotz Millionen von Hobbyspielern ringt der Spitzenbereich des Sports in Deutschland um Beachtung. Um nicht in den Metropolen in der Beachtungslosigkeit zu versinken, haben sich Topvereine so in der Provinz angesiedelt, dass die Orte zuweilen der Fantasie Walt Disneys oder des „Playboy“ entsprungen zu sein scheinen – von Frickenhausen bis Busenbach.
Im Ringen um größere Öffentlichkeit durch Fernsehübertragungen ist den Funktionären fast keine Tradition heilig – von der Zählweise bis zum Spielsystem. Neulich würdigte das Fachblatt die ungehemmte Innovationsbereitschaft mit Zynismus auf dem Titel: „Biete Opfer, suche Sender“.
Die Vorbereitung wurde akribisch geplant
Ein Triumph in Peking im Fokus des Milliardenvolks China könnte dem Sport auch in Deutschland einen größeren Schub geben als alle geänderten Regeln. Der Deutsche Tischtennis Bund hat daher akribisch die Vorbereitung geplant. In Borkums Inselturnhalle wurde der gleiche rote Bodenbelag verlegt, auf dem in Peking gespielt wird, für die vorerst noch raren Einheiten an der Platte wurden die Olympiabälle („Double Fish“) geordert und sechs Originaltische aus China zum Stückpreis von 1000 Euro eingeflogen, deren Name beim Quälkurs noch blanke Ironie blieb: „Double Happiness“.
Kommende Woche muss die kostbare Tischbeute aufgeteilt werden, wenn die Frauen in Wesendorf bei Gifhorn zum Üben zusammen kommen und die Männer am Faaker See in Österreich, bevor sich die Trainingsgruppen schließlich Ende des Monats in Düsseldorf zum Abschlusslehrgang treffen. Stetig verschiebt sich nun die Gewichtung von Kraft- zu Techniktraining.
Boll macht die Patellasehne zu schaffen
Gespannt harrt der Verband, wie gut er seinen Star Boll, der hinter vier Chinesen und dem Weißrussen Wladimir Samsonow derzeit als Sechster der Weltrangliste geführt wird, bis zu den Spielen in Schuss bringt. Der Hesse hatte ein Vierteljahr kürzer treten müssen, weil er Ende des vorigen Jahres das Krafttraining auf Lanzarote übertrieben hatte. Im Knie stellten sich Schmerzen ein, die Patellasehne machte ihm zu schaffen. Auf Borkum klebte er zum Tischtennistraining einen blauen Kinesiotapestreifen, ein mit Acrylkleber beschichtetes Baumwollpflaster, längs über die rechte Kniescheibe. „Eventuell“, bangt Boll, „kann ich erst bei Olympia sehen, wo ich stehe.“
Die Schleiferei auf der Nordseeinsel hat Boll gut überstanden. Zum Training radelten die Tischtennisprofis wie die Urlauber mit Leihfahrrädern quer durch das Dorf am Imbiss „Barkasse“, der Polizeiwache und dem Walfängerfriedhof am alten Leuchtturm vorbei zur Turnhalle. Doch zur Beachtung der touristischen Blickfänge fehlte den athletisch getriezten Sportlern meist die Muße: „Ich schmeiß morgens ’ne Münze in meinen Körper, und dann drücke ich auf Start. Man muss einfach die Augen zu machen und durch“, sagt Elke Schall, die bereits zu ihren fünften Spielen reisen darf, „ab dem dritten, vierten Tag spürt man genau, wo alle Muskelgruppen sind und in den Pausen liegt man hilflos wie ein Marienkäfer auf dem Rücken oben auf dem Bett. Es ist einfach nur Kämpfen, Beißen, Schwitzen.“
An der Ecke der Upholmstraße hatte ein Insulaner eigens für die Nationalspieler eine grüne Bande drucken lassen und an den Gartenzaun gehängt: „Viel Glück in Peking“, stand drauf.





