Sieben Bypässe hat Dr. Ibrahim Massaad. 82 Jahre ist der Mann alt und längst im wohlverdienten Ruhestand. Und was macht sein Sohn? Adel Massaad setzt seinen alten Herrn auf eine Tribüne in Algerien, damit dieser bei der Olympia-Qualifikation mitleiden kann. Einem Wettbewerb, „wo keiner lacht und die Schwarzen weiß vor Anspannung sind“, sagt der Junior über die afrikanische Kontinental-Qualifikation im Tischtennis. Welch ein Glück, dass alles gut ging. Der Vater ist wieder wohlbehalten in Deutschland zurück, und der Sohn tatsächlich qualifiziert. Mit 44 Jahren.
„Mein Vater ist unglaublich stolz auf mich“, sagt Adel Massaad, der in seinem bürgerlichen Leben Öffentlichkeitsarbeit für deutsche Unikliniken macht. Endlich hat er die Olympia-Teilnahme geschafft, dabei war er schon 1992 für die Olympischen Spiele in Barcelona qualifiziert – bevor das Nationale Olympische Komitee Ägyptens mehr als zwei Drittel seiner Sportler wegen Geldmangels zurückzog.
Früher immer nur an Roßkopf gescheitert
Adel Massaad war gefrustet, hörte kurz darauf mit dem Leistungssport auf, nachdem er national in dieser Zeit nur an Jörg Roßkopf regelmäßig gescheitert war. „1990 bin ich beim Top-12-Turnier Zweiter geworden, bei der deutschen Meisterschaft wurde ich Dritter – und verloren habe ich immer gegen Jörg!“, sagt Massaad. Nachtragend ist er jedoch nicht. Gerade hat er die Einladung des TTC Jülich angenommen, in der nächsten Saison als vierter Ersatzmann bereitzustehen.
In den vergangenen Jahren hatte sich der in Moers geborene Adel Massaad eher auf dem Rücken der Pferde fitgehalten als mit dem Tischtennisschläger. Der passionierte Reiter besitzt vier Pferde, die sich allerdings die Aufmerksamkeit mit seiner achtjährigen Tochter teilen müssen. Nebenher spielte Massaad nur noch in unteren Ligen, bevor ihn noch mal der Ehrgeiz packte – und schuld daran ist Boxidol Henry Maske. Am 31. März 2007 gab dieser in München sein Comeback gegen Virgil Hill, das er nach Punkten gewann. 3748 Tage hatte Maske nicht mehr im Ring gestanden und meldete sich mit 43 Jahren mit einem Paukenschlag wieder zurück.
"Ich wollte das Gleiche wie Maske schaffen"
Massaad war einer der knapp 16 Millionen Menschen am Fernsehen – und wie elektrisiert. Drei Monate später sollte er selbst 43 Jahre alt werden, doch noch am selbigen Abend stand für ihn fest: „Ich wollte das Gleiche wie Maske schaffen, ich wollte beweisen, dass nicht andere zu entscheiden haben, wann man zu alt für etwas ist“, sagt Adel Massaad heute. „Ich wollte unbedingt meinen Traum verwirklichen und zu den Olympischen Spielen fahren – 16 Jahre, nachdem ich trotz Qualifikation zu Hause bleiben musste.“
Am Geld sollte es nicht noch einmal scheitern. Der ägyptische Verband versprach, ihn bei der Afrikaqualifikation starten zu lassen, wenn er die Kosten selbst trage. „Zum einen fühlte man sich wohl aus Respekt vor meinem Alter verpflichtet“, sagt Massaad, „zum anderen weil ich für Ägypten 1990 die Goldmedaille bei der Afrikameisterschaft gewonnen habe.“
Sechs Matchbälle vergeben – und trotzdem qualifiziert
Keine vier Monate nach dem Maske-Kampf trat Massaad bei den 9. All Africa Games in Algier an, um einen der sechs für den afrikanischen Kontinent reservierten Plätze bei den Olympischen Spielen zu ergattern. In der entscheidenden Partie, die über den letzten Startplatz entscheiden würde, traf Massaad jedoch auf Sofian Boudjadja, einen Algerier, der in der französischen Liga spielte. Das heimische Publikum stand von Anfang an hinter Boudjadja. Dennoch lag Massaad mit 3:2 Sätzen und 10:4 Punkten vorn. Er hatte sechs Matchbälle, die er alle vergab und den Satz noch mit 12:14 verlor. „Die Halle stand Kopf, Sofian riss die Arme hoch und brüllte“, erinnert sich Massaad, bevor ihm der Kampf von Maske wieder einfiel. „Da habe ich beim Seitenwechsel auch die Arme hochgerissen, meine Stirn auf seine gedrückt und noch lauter gebrüllt.“ Massaad gewann den letzten Satz mit 11:4.
Er jubelte und feierte mit seinem betagten Vater seinen späten Triumph und fragte sich erst später: „Ob dieser Kampf für sein Herz wohl gut war?“ Nach Peking wurde er seinen größten Fan und Glücksbringer leider nicht mitnehmen können. „Das wäre für ihn doch zu anstrengend.“





