Morgenpost Online: Sie haben sich im vorolympischen Ehrgeiz und Übermut Ende des vorigen Jahres im Training am Knie verletzt und anschließend ein Vierteljahr kürzer treten müssen. Wirkt sich die fehlende Wettbewerbspraxis noch aus, Herr Boll?
Timo Boll: Letztlich werde ich erst bei den Olympischen Spielen selbst sehen, wo ich wirklich stehe. Ich werde sehen, ob meine Verletzungen zum Jahresbeginn eher ein Nachteil waren oder sogar ein Vorteil, wie manche Leute sagen. Meine Form ist jedenfalls ansteigend. Bei den ProTour-Turnieren in Asien lief es schon ganz gut. Ich kann jetzt schlecht sagen, dass ich schon eine super Form habe und 100-prozentig eine Medaille hole.
Morgenpost Online:
Was macht für Sie den Reiz Olympischer Spiele aus?
Boll:
Ich kenne die besten Tischtennisspieler der Welt in- und auswendig. Aber im olympischen Dorf, da treffe ich die Superathleten aus allen Sportarten. Hier entsteht eine einzigartige Atmosphäre, und hier erlebt man wirklich die globale Kraft des Sports, ein internationales Miteinander.
Morgenpost Online:
Was bedeutet es für Sie, dass die Spiele in China stattfinden – einerseits ein Land, das Ihren Sport feiert, wie kaum ein anderes, andererseits eine Diktatur, die die Freiheit ihrer Bürger einschränkt, deren Menschenrechte nicht respektiert?
Boll:
Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ich kann doch nicht nach China fahren, um dort Demokratie zu predigen. Mir als Sportler bleibt doch nur, mein Land im Wettkampf fair, anständig und vielleicht sogar erfolgreich zu vertreten.
Morgenpost Online: Welche besonderen Beobachtungen haben Sie in China über das Leben der Menschen und ihren Alltag gemacht?
Boll: Wer den Chinesen offen und mit Respekt gegenüber tritt, wird viele Freunde finden. Und wer sich dort umschaut, wird feststellen, dass es unendlich viel freundliche Menschen gibt, die zufrieden wirken, obgleich sie nach unseren Maßstäben arm sind.
Morgenpost Online: Welche Verhaltenstipps leiten Sie aus Ihren Erfahrungen für Ihre Kollegen aus der deutschen Olympiamannschaft her?
Boll: Vor allem rate ich dazu, alle Vorurteile abzulegen, die Probleme dieses riesigen Landes zu verstehen und zu begreifen, wie schwierig es sein muss, in einem Land mit mehr als einer Milliarde Menschen Ordnung zu halten oder dafür zu sorgen, dass niemand verhungert. Wir aus dem wohlhabenden Westen sollten erkennen, dass Fortschritt in allen Teilen der Welt etwas Unterschiedliches bedeuten kann.
Morgenpost Online: Wie erklärt sich, dass die Chinesen Ihren Sport so dominieren?
Boll: Tischtennis ist dort traditioneller Volkssport. Es gibt Hunderte von Tischtennisschulen, und es gibt Millionen von jungen Spielern, deren Ziel es ist, sich auf dem Wege über sportlichen Erfolg neue Lebenswege zu erschließen.
Morgenpost Online: Inwiefern sehen Sie die Spiele aus der Perspektive Ihrer in China überaus populären Sportart als etwas Besonderes?
Boll: Ich glaube, dass die Teilnahme an Olympischen Spielen für jeden Sportler etwas ganz Besonderes ist. Wir wissen sehr gut, was da in Peking auf uns zukommt, weil wir Tischtennisspieler ständig in China spielen. Die Chinesen sind in Bezug auf Tischtennis sehr fanatisch. Die Euphorie wird riesengroß sein. Es wird ein tolles Gefühl sein, die olympischen Wettbewerbe in der Arena zu spielen. Beim ProTour-Finale haben wir ja die Bedingungen schon testen dürfen. Das Publikum sitzt extrem nah dran. Das wird ein richtiger Hexenkessel. Da muss man gute Nerven behalten.
Morgenpost Online: Wie und dank welcher Eigenschaften haben Sie es geschafft, sich erst als erster Deutscher gegen sie an die Spitze der Weltrangliste vorzukämpfen und dann über Jahre in der Weltspitze zu etablieren?
Boll: Ich bin ein fanatischer Ballspieler. Mich reizen die unendlich vielfältigen Varianten meines Sports. Man sagt mir gute Reflexe und schnelle Beine nach. Und sehr gute Augen. Der Tischtennisball trägt ja einen Herstellerstempel, und selbst wenn der Ball 3000 oder 4000 Umdrehungen pro Minute macht, kann ich diesen Stempel noch erkennen und Rückschlüsse auf Spin und Rotation des anfliegenden Balles ziehen. Na ja, ein wenig Trainingsfleiß, gute Nerven und Geduld gehören natürlich auch zum Erfolg.
Morgenpost Online: Welches besondere Rezept gibt es, als Europäer die chinesischen Weltklassespieler zu besiegen?
Boll: Du musst den ersten Satz gewinnen. Das hilft auf jeden Fall. Dann fangen sie an zu wackeln und passen sich dem Niveau ein bisschen an. Danach spielen sie nicht mehr so befreit auf und rufen nicht mehr alles ab, was sie können. Man selbst muss von Anfang an total präsent sein und immer an sich glauben. Man darf auf keinen Fall ehrfürchtig in der Box stehen und nur auf ihre Fehler hoffen. Man muss selbst ein bisschen was riskieren. Sie sind eine Klasse für sich.
Morgenpost Online: Wie gehen Sie mit der Beachtung als Tischtennisstar in China im Gegensatz zu der Wertschätzung, die Ihnen in der deutschen Öffentlichkeit entgegen gebracht wird, um?
Boll: Okay, in China bewundern mich viele Fans. Das ist schön. Ich werde da schon öfters erkannt. Aber bei Turnieren bleibt wenig Zeit für Freizeitbeschäftigungen. Da tigert man nicht durch die Stadtzentren. Aber was schon erstaunlich war, als ich in China für einen Verein gespielt habe, war die Erfahrung, dass ständig Tischtennis im Fernsehen läuft. Samstagnachmittag zeigen sie irgendwelche Jugendwettkämpfe, U 21-Spiele. Aber was Deutschland angeht – ich werde respektiert, und die deutsche Sportpresse hat mich bei der Wahl „Sportler des Jahres“ hinter Fabian Hambüchen auf den zweiten Platz gewählt. Kein Grund zur Klage also. Und wer weiß, was passiert, wenn das Fernsehen in Deutschland mal auf die Idee kommt, die fünftgrößte Sportart der Welt professionell auf den Bildschirm zu bringen:
Morgenpost Online:
Hambüchen soll sich bei der Wahl etwas beunruhigt bei Ihnen nach der Luftverschmutzung in Peking erkundigt haben.
Boll:
Nein, ich musste ihn nicht beruhigen. Er war ja selbst oft genug in China. Wir haben da lediglich unsere Erfahrungen ausgetauscht. Er wird schon seinen Weg gehen – in verschmutzter oder unverschmutzter Luft.





