Es war zwar nur ein kurzer Heimatbesuch, aber Alex Renfroe, 28, hat ihn in vollen Zügen genossen. Am Mittwochmorgen ab in die USA, am Freitagnachmittag schon wieder zurück in Berlin. Doch dazwischen hat er in Nashville die kleine Olivia so oft wie möglich auf dem Arm gehabt. Zwar hatte der Basketballprofi von Alba Berlin die Geburt des ersten Kindes verpasst, doch als die Nachricht kam, dass Ehefrau Brandi entbunden hat, machte er sich in Absprache mit dem Klub gleich auf den Weg. Im Gepäck einen rosa Strampelanzug mit Alba-Emblem. „Noch ist er ein bisschen groß“, erzählt Renfroe. „Doch sie wächst da schon noch rein.“

„It’s Playoffs, Baby!“ Basketballfans kennen diesen Spruch, der sagen soll, dass mit den K.o.-Spielen nun die dramatische Saisonphase beginnt. Brandi und Alex Renfroe haben den drei Worten eine neue Bedeutung gegeben: Sie sind glücklich über ihr Play-off-Baby.

Gut, dass der junge Papa wieder rechtzeitig beim Team ist. Denn am Sonntag (20.15 Uhr, O2 World, Sport1) startet Alba gegen die EWE Baskets Oldenburg ins Play-off-Viertefinale. Ein Satz von Albas Geschäftsführer Marco Baldi sagt viel über den US-Amerikaner: „Alex ist ein ganz wichtiger Spieler für uns geworden.“ Je länger der Spielmacher, der aus Savannah (Georgia) stammt, bei Alba ist, desto stärker hat er sich in den Vordergrund gespielt. Renfroe hört sich dieses Lob an, grinst, er grinst übrigens sehr oft, und schüttelt den Kopf. „Ich bin eigentlich nie mit mir zufrieden. Es gibt immer etwas zu verbessern.“ Gerade weiter Fortschritte zu machen, „das macht doch richtig Spaß an diesem Job.“

Spaß hat er hier in Berlin, „weil wir ein sehr gutes Team sind.“ Die Profis verstehen sich gut, niemand schert aus, keiner stellt sein Ego besonders heraus. „Das ist auch ein Schlüssel dafür, dass wir bisher eine gute Saison gespielt haben“, sagt er. „Es passt einfach, bei uns Jungs kämpft jeder für jeden.“

Renfroe weiß, wie es auch anders sein kann. Denn er ist schon viel herumgekommen in seiner Profikarriere. In jedem Jahr, seit er 2009 nach dem College nach Europa gekommen ist, ein anderes Land, ein anderer Klub. Mindestens einer. Seine Tour durch Europa begann beim lettischen Klub VEF Riga, er spielte bei KK Zagreb, beim italienischen Zweitligisten Enel Brindisi, bei den Spaniern von Valladolid, von wo er während der Saison nach Bamberg kam. Dort holte er mit den Franken 2013 den Titel; weiter ging es zu Jenissei Krasnojarsk (Russland), im Frühjahr 2014 folgte ein Kurzengagement für eine Handvoll Play-off-Spiele in Vitoria (Spanien). Als Belastung hat er das Vagabundieren nur anfangs empfunden, in Lettland. Er hatte Heimweh, „meine Familie fehlte mir sehr.“

Bisher spielte er jedes Jahr für einen neuen Klub

Brandi, mit der er seit 2008 liiert ist, war in den USA geblieben, zumindest ein paar Mal konnte sie ihren Freund besuchen. Doch nach dem Jahr in Riga war Schluss mit der Einsamkeit in der Fremde, seitdem ist sie immer an seiner Seite. „Es ist sehr wichtig, sie bei mir zu haben.“ Integrationsprobleme hat es für ihn jedoch nie gegeben. Er liebe es, unterwegs zu sein. Und er ist offen gegenüber bisher Unbekanntem. „Das hält einen doch im Kopf frisch, wenn man sich immer wieder auf Anderes und Neues einstellen muss“, lautet sein Credo. Dass Alex Renfroe überhaupt zu Alba kam, hing mit der schweren Brustmuskelverletzung zusammen, die sich Spielmacher Jonathan Tabu während der Vorbereitung im September 2014 zugezogen hatte. Alba suchte Ersatz und holte – bis Ende Januar 2015 – Renfroe, der noch frei war. „Er hatte etliche Möglichkeiten, aber irgendwie zerschlug sich alles – und wir konnten ihn holen“, erinnert sich Baldi.

Der US-Amerikaner schlug so gut ein, dass sein Vertrag bis zum Saisonende verlängert wurde. „Ich war erleichtert“, erzählt er. Wenn Baldi den Profi beschreiben soll, fällt ihm sofort „die Leichtfüßigkeit“ Renfroes ein. Und natürlich seine Vielseitigkeit. In der Bundesliga hat der 28-Jährige bisher nicht nur 10,9 Punkte im Schnitt erzielt, er gab 4,3 Assists und schnappte sich 4,7 Rebounds. Gerade die starke Statistik bei vom Korb zurückspringenden Bälle erstaunt. „Das traut man ihm gar nicht zu, wenn man die Pakete neben ihm sieht“, sagt Baldi und denkt an Center, die um die 2,10 Meter groß sind und schon mal 120 Kilogramm wiegen. Renfroe dagegen ist 1,91 Meter groß und wirkt mit seinen 80 Kilogramm im Vergleich zu den Riesen wie ein Hänfling.

Schubserei mit Trainer Obradovic sorgte für viel Aufregung

Dennoch schnappt er ihnen die Bälle weg. „Vielleicht habe ich einfach einen guten Riecher“, sagt Renfroe. Baldi hat eine andere Theorie: „Der hat Sprungfedern in den Füßen.“

Oft wird Renfroe zu einem speziellen Auftritt im Februar befragt. Nicht auf dem Feld, sondern am Spielfeldrand während einer Auszeit. Es kam zu einer Schubserei zwischen ihm und Trainer Sasa Obradovic, für die die beiden von der Spielleitung der Bundesliga für eine Partie gesperrt und jeweils mit 2000 Euro Strafe belegt wurden. Im Urteil war von einer „Tätlichkeit in einem minderschweren Fall“ die Rede. Schnee von gestern für Renfroe. „Sasa und ich haben das Ganze gleich aus der Welt geschafft.“ Überhaupt veehrt er den Coach: „Wir waren bisher so erfolgreich, weil wir alle zusammenarbeiten. Spieler und Trainer.“ Die Mannschaft verstünde, was Obradovic will. „Und wir verstehen, warum er tut, was er tut.“

Mit Blick auf die Konkurrenz sagt Alex Renfroe mit fester Stimme. „Wir sind die Stärksten.“ Aber er weiß natürlich: „Entscheidend ist, dass man das auch beweist.“