Welche Tugenden zeichnen den typischen Profi von Alba Berlin aus? Die Entgegnung von Geschäftsführer Marco Baldi kommt schnell und präzise. Von hoher Intensität und großer Bereitschaft spricht er, von der Fähigkeit, eigenverantwortlich zu handeln, schwierige Situationen anzunehmen, hungrig zu sein und zu bleiben, in die eigene Entwicklung zu investieren. Es wird kein Zufall sein, dass die Stakkato-Antwort klingt wie ein Profil des jungen Mannes, der gerade seinen Vertrag beim Basketball-Bundesligisten um zwei Jahre bis 2017 verlängert hat. „Ich will das nicht zu hoch hängen“, sagt Baldi, „aber es stimmt schon: Akeem Vargas ist ein ganz gutes Symbol dafür, wo wir uns gerade bewegen.“
Der 24-Jährige als Symbol für den achtmaligen Deutschen Meister – niemand hätte das für möglich gehalten, als der damalige Zweitligaspieler im Sommer 2013 aus Göttingen in die Hauptstadt wechselte. Vargas ist doch nur einer zum Auffüllen des Kaders, um die Deutschen-Quote zu erfüllen, wurde gespöttelt. Hatte es vorher in Tübingen nicht geschafft, was will er jetzt bei Alba? Fast alle Personen aus seinem Umfeld haben ihm abgeraten, nach Berlin zu gehen, wo Deutsche in den Jahren zuvor allzu oft auf der Reservebank den Spaß am Basketball verloren hatten. Es kam ganz anders. Akeem Vargas, Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners, reifte ausgerechnet hier zum Nationalspieler. Am Donnerstag (20.15 Uhr, O2 World, live in Sport1) wird er sich mal wieder mit einigen der Besten des Kontinents messen, im Europaligaspiel gegen Real Madrid. „Ich denke, ich darf mich mit all den Stars ein bisschen austoben“, sagt er.
Sein Vertrag wurde gerade bis 2017 verlängert
Vargas hat sich damals Zeit genommen für seine Entscheidung. Hat bei einem halben Dutzend Bundesligisten vorgesprochen, sich die Trainingsbedingungen angeschaut. Bei Alba haben sie ihm gesagt: Es wird schwer für dich werden, dich hier durchzusetzen. Den Vertrag hat er dennoch unterschrieben, da hatten sie in Berlin einen ersten Eindruck von ihm: Der stellt sich schwierigen Situationen. Als er drei Wochen zu früh vor der Trainingshalle aufkreuzte, den nächsten: Eigenverantwortlichkeit, Investieren. Und so ging es weiter. „Es gibt Talentiertere, aber Akeem gibt immer alles“, sagt Sportdirektor Mithat Demirel, „dabei ist er völlig furchtlos, kennt keine Angst vor großen Namen.“ Trainer Sasa Obradovic lobt: „Akeem hat eine erstklassige Arbeitseinstellung. Das Team weiß, was es von ihm bekommt. Und das bekommt es jedes Mal.“ Hunger, Intensität.
Nun ist es nicht so, dass all diese Tugenden erst von Alba erfunden werden mussten. Schon eher passt: wiedergefunden. Die Rückbesinnung geschah auch nicht freiwillig. Im Kampf um die begehrtesten deutschen Spieler hat die Konkurrenz in München und Bamberg finanziell bessere Argumente. Die Berliner mussten ihr Scouting verbessern und das Gespür für schlummernde Potenziale schärfen. Und wurden vergangene Saison, mit neuen Spielern und neuem Programm, unverhofft Vizemeister und Pokalsieger. Jetzt sind sie Tabellenführer und erfolgreich in Europa. Ein bisschen ist es ein Aufstieg aus dem Nichts. Wie bei Vargas.
Bei seinem Agenten Patrick King häuften sich zuletzt die Anfragen. Doch in der aktuellen Win-Win-Situation musste Vargas nicht lange über seine Zukunft nachdenken, als Alba ihm eröffnete, an ihm festhalten zu wollen, zumal sein Gehalt in Berlin erhöht wurde. „Geld ist wichtig, aber nicht alles“, sagt er, „es geht auch um Loyalität gegenüber den Menschen, die einem geholfen haben, dahin zu kommen, wo man jetzt ist.“ Sollten diese warmen Worte nur Hülsen sein, wäre er ein beachtlicher Schauspieler, so trocken trägt er das vor. Fast so gut wie als Defensiv-Spezialist. „Es gibt sehr wenige, die so verteidigen können wie er“, beschreibt sein Kapitän Alex King die größte Qualität des Kollegen und fügt gleich noch eine hinzu: „Sein Ehrgeiz.“
Seine Spielweise hat ihm Ruf als Bad Boy eingebracht
Manche meinen, in der Mischung dieser beiden Stärken übertreibt Vargas es. Seine bissige Abwehrarbeit hat ihm mindestens das Image einer Klette, aber fast überall sogar jenes des Bad Boy eingebracht. Zumal er unumwunden zugab, mit allen Mitteln zu versuchen, den Rhythmus seiner Gegner zu stören. „Ach“, winkt Vargas ab, „das tun andere doch auch. Sie sagen es nur nicht so offen.“ Seine Statistik stimmt ihn in diesem Punkt gelassen – weniger als drei Fouls pro Spiel im Durchschnitt in der Bundes- wie in der Europaliga sind unauffällige Werte.
Andere sind es nicht – nicht mehr. Vargas war nicht damit zufrieden, ein reiner Zerstörer zu sein. Wenn andere ihn darauf reduzieren wollen, bitteschön. In dieser Saison hat sich seine Dreierquote auf 52 Prozent in der Bundesliga verbessert, von der Freiwurflinie sind es gut 80 Prozent. „Für mich als Person ist Berlin zur Heimat geworden, die Fans in Berlin sind für mich die besten der Welt“, sagt er, „aber im sportlichen Umfeld habe ich mich auch weiterentwickelt und werde es weiter tun.“ Das soll gegen Real auch Sergi Rodriguez zu spüren bekommen, im vergangenen Jahr wertvollster Spieler der Europaliga. Ein Gegner, der gut verteidigt werden muss. „An dem werde ich wohl am Donnerstag nicht vorbei kommen“, sagt Vargas und grinst. Andersrum wäre es ihm sicher noch lieber. An Intensität wird es Akeem Vargas nicht fehlen.





