Am Ende der Partie war der Hauptdarsteller urplötzlich aus dem Blickfeld der Zuschauer verschwunden. Sasa Obradovic, sonst unermüdlicher Antreiber seiner Mannschaft von Alba Berlin am Rande des Spielfeldes, betrachtete die letzten Minuten beim 97:58-Sieg gegen die Artland Dragons einmal ganz entspannt von seinem Trainer-Stuhl aus. Im Sitzen also. Ungewöhnlich für ihn: Der strenge Coach hatte anscheinend nichts mehr zu bemängeln. Und es wurde noch ungewöhnlicher. „Das war fantastisch heute“, sagte er zur Vorstellung seiner Spieler. So viel Lob von Obradovic ist selten.
Vielleicht war es ihm selbst ein bisschen rätselhaft, welche Leistung das Team bot, das erst am Abend zuvor von seiner Reise aus Tel Aviv zurückgekehrt war. Mit einer knappen Niederlage im Gepäck, aber offenbar keineswegs angeknackstem Selbstbewusstsein. Die Niedersachsen waren im vergangenen Frühjahr immerhin Halbfinalist, sie gelten als ernst zu nehmender Gegner im Kampf um die Meisterschaft. Doch sie wurden demontiert. 40 bittere Minuten lang.
Natürlich ist Platz eins in der Basketball-Bundesliga immer noch eine Momentaufnahme. Aber nach elf Siegen zum Auftakt bleibt festzuhalten: Von den aktuellen Top Ten der Tabelle haben die Berliner bis auf Bamberg und den Mitteldeutschen BC schon alle Konkurrenten besiegt. Wie Artland-Trainer Tyron McCoy zerknirscht zugab, „war Alba in allen Belangen des Spiels besser als wir“. Platz eins ist kein Zufall, sondern hat Gründe. Und die liegen nicht nur in den Problemen, die andere Topteams wie Bayern München, die Brose Baskets oder Oldenburg offenbaren.
McLean ist der effektivste Spieler der Bundesliga
Da sind zum einen die Zugänge. Center Marko Banic und Spielmacher Alex Renfroe wurden erst im letzten Moment verpflichtet, hatten aber nie Anpassungsschwierigkeiten, sondern sind vielmehr schnell zu Säulen in Obradovics Kader geworden. Was sich von einem anderen erst recht sagen lässt: Jamel McLean, aus Bonn nach Berlin gewechselt, hebt das Alba-Spiel auf ein neues Niveau. In der Bundesliga ist er der effektivste Spieler, selbst in der Königsklasse Europa League stehen in dieser wichtigsten aller Statistik-Kategorien nur drei Spieler vor ihm. Der Effektivitätsindex setzt sich zusammen aus positiven Aspekten wie Punkten, Rebounds oder Korbvorlagen, aber auch negativen wie Fehlwürfen und Ballverlusten. Gerade seine Reboundstärke ist für die Berliner eine neue Qualität.
Natürlich hilft, dass ein Großteil der eingespielten Mannschaft aus der Vorsaison zusammen geblieben ist. Die Teamchemie wird ständig gelobt. Hinzu kommt, dass einzelne Spieler sich wie erhofft individuell weiterentwickelt haben. Die beiden Deutsch-Amerikaner Alex King und Akeem Vargas etwa, die an ihrem Wurf gearbeitet haben und nun in der Bundesliga mit Dreierquoten über 50 Prozent glänzen. Wie eine Drohung muss der Konkurrenz erscheinen, dass andere, etwa Reggie Redding, Niels Giffey oder Vojdan Stojanovski noch einiges an Potenzial zu bieten haben, das sie bisher kaum zeigten. Wenn das auch noch geschieht, wird Obradovic in Zukunft öfters mal zum Sitzen kommen.





