Für Alex King ist die Sache klar: „Es ist einfach gut, im eigenen Bett schlafen zu können“, sagt der Basketballprofi von Alba Berlin. Allein schon aus diesem Grund sei es natürlich besser, ein Heimspiel zu haben. „Du kannst deine gewohnten Abläufe machen – und die Freundin ist auch da.“ Man kann auch sagen: Zu Hause ist es doch am schönsten.

Der Heimvorteil, in der O2 World zu spielen, soll auch am Sonntag (18.30 Uhr, Sport1) zum entscheidenden Punkt werden, wenn Alba im dritten Play-off-Halbfinalspiel gegen die Artland Dragons antreten muss. Es steht in der Serie „Best of five“ 1:1, bisher haben die Berliner und die Drachen jeweils ihr Heimspiel gewonnen. „Der Druck ist jetzt bei uns als Heimteam“, sagt Albas Trainer Sasa Obradovic.

Aber es gibt eben den Heimvorteil. Von Saisonbeginn an war es Albas Ziel, nach der Punkterunde möglichst weit vorne zu liegen – auch, weil man dann im Play-off in einem möglicherweise entscheidenden fünften Spiel in eigener Halle spielen darf. Als Dritter wäre das für Alba im Viertelfinale gegen Ulm der Fall gewesen, der aber beim 3:1 gar nicht eintreten musste. Im Halbfinale liegt jetzt der Vorteil ebenfalls bei Alba, weil die Drachen nach 34 Spieltagen nur Siebter geworden waren.

Es sind aber nicht nur die von King erwähnten weichen Faktoren. Alba ist in heimischer Arena eine Macht, von 31 Spielen (Bundesliga, Pokal, Eurocup) wurden 29 gewonnen. „Vor allem die Unterstützung der Fans hilft uns sehr“, sagt Kings Mitspieler Reggie Redding. Auch diese Hilfe gehört für King „zum Wohlfühlen“ dazu.

In 31 Heimspielen gab es 29 Berliner Erfolge

In dieser Saison haben in den 306 Partien der Bundesliga-Punkterunde die Heimmannschaften 175-mal gewonnen, 131-mal siegte das Gästeteam, ähnlich im Verhältnis – etwa 60:40 Prozent – sieht es auch im Play-off aus: 13 Heimerfolge in 21 Partien.

Spiele in eigener Halle, auf eigenem Platz, in vertrauter Umgebung – für Sportler scheint das besonders motivierend und stimulierend zu sein. Ein Phänomen, an dem sich seit Jahren auch die Wissenschaft abarbeitet. „Es gibt keine einzige Sportart, bei der Athleten und Teams erfolgreicher sind, wenn sie fern ihrer heimischen Sportstätte antreten.“ So lautet die Schlussfolgerung umfangreicher Untersuchungen, die die britischen Wissenschaftler Mark Allen und Marc Jones durchgeführt haben.

Allen und Jones sehen sogar Aspekte der evolutionären Psychologie als einen Grund dafür. Sie erklären den Heimvorteil „als einen Ausdruck des natürlichen Schutzreflexes gegenüber Gebietsverletzungen“. Tatsächlich konnten in den vergangenen Jahren mehrere Forschungsgruppen zeigen, dass Fußball- und Eishockeyspieler bei Heimspielen deutlich mehr Testosteron im Blut haben als bei Auswärtsspielen. Ganz so wie Tiere, wenn sie die Grenzen ihres Territoriums kontrollieren oder verteidigen.

„Ein Heimvorteil besteht aber nur, wenn die Spieler Selbstvertrauen haben und an den Vorteil in der eigenen Halle glauben“, schränkt der Münsteraner Sportpsychologe Bernd Strauß ein. Die Spieler müssten sich „immunisieren gegen den öffentlichen Druck“. Sonst könnte das Pendel in die falsche Richtung ausschlagen. „Wenn die Spieler Angst vor einem Misserfolg haben und beginnen, über sich selbst nachzudenken, kann es kritisch werden.“

Wissenschafter untersuchen das Phänomen

Bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung hat man sich in Deutschland vor allem am Fußball orientiert, wobei die Ergebnisse auch mit dem Basketball kompatibel sind. „Ein wichtiger Faktor, der den Heimvorteil ausmacht, ist der Lärm der Zuschauer, denn der beeinflusst die Schiedsrichter“, heißt es in einer gemeinsamen Studie von Daniel Memmert (Sporthochschule Köln) und Christian Unkelbach (Uni Heidelberg). Die beiden haben 1530 Fußball-Bundesligaspiele untersucht. „Je lauter das Gebrüll der Fans war, desto mehr Gelbe Karten wurden von den Schiedsrichtern gegen die Gäste-Elf verteilt.“ Meistens verlören die Mannschaften, die mehr Gelbe Karten kassiert haben.

Neben Faktoren wie weniger Reisestrapazen, Kenntnis der Gegebenheiten (Platzbeschaffenheit, Lichtverhältnisse oder speziell beim Basketball die Härte der Körbe) dürfte auch die mögliche Beeinflussung der Unparteiischen eher ein Vorteil für Heimteams sein. Gerade haben sich die Berliner ja bitterlich beklagt, in Spiel zwei bei den Dragons von den Schiedsrichtern benachteiligt worden zu sein. Sportdirektor Mithat Demirel verweist darauf, dass eben in Quakenbrück oder in Bamberg die Kulisse „ein Riesenfaktor“ sei. „Schon nach drei Minuten wird dort ,Schieber, Schieber’ gerufen.“ Da knicken manche Referees schnell ein.

In Südeuropa herrscht oft eine andere Stimmung

Die Atmosphäre in der O2 World ist weitaus freundlicher. „Alle fühlen sich hier wohl, auch die Gastmannschaften“, sagt Trainer Obradovic und verzieht dabei das Gesicht. Viel zu „gemütlich“ gehe es seiner Meinung nach in Albas Heimstätte zu. „In Quakenbrück ist es nicht so angenehm...“

Gerade in Südeuropa geht es aber noch ganz anders zur Sache. „Wasserflaschen, Münzen, sogar ein Handy sind da aufs Parkett geflogen“, erinnert sich Mithat Demirel an seine Zeit als Profi in der türkischen Liga. Dort musste am vergangenen Dienstag im Play-off-Halbfinale Karsiyaka Izmir – nach Ausschreitungen in der Begegnung davor – zur Strafe gegen Fenerbahce Istanbul vor ausgewählter Kulisse spielen: Es durften lediglich Frauen und Kinder unter 12 Jahren zuschauen. Der Heimvorteil war dahin, Izmir verlor 67:74 und schied aus.