Es wurde eine lange Nacht für die Pokal-Helden von Alba Berlin. Erst kurz nach Mitternacht waren die letzten Basketballprofis im „Amano“, einer Bar in der Auguststraße in Mitte, eingetrudelt. Und dann wurde bis in den frühen Montagmorgen der 86:80-Finalerfolg gegen Ulm gebührend gefeiert. Manche Spieler hatten noch das weiße Pokalsieger-T-Shirt an und die Goldmedaille umhängen. Genüsslich ließ sich der eine oder andere die obligatorische Zigarre schmecken.

Kapitän Sven Schultze gab die Parole aus: „Wir haben uns mit einer tollen Leistung selbst gekrönt, jetzt dürfen wir ein bisschen genießen – und dann werden wir weiter angreifen.“ Zwei Tage hat Cheftrainer Sasa Obradovic der Mannschaft freigegeben, am Mittwoch geht es weiter, neuen Zielen entgegen.

In der Stunde des Triumphes wurde nicht nur nach vorne geschaut, sondern auch zurückgeblickt. Eigentlich, so Albas Geschäftsführer Marco Baldi, sei der Klub etwas zu seinem Glück gezwungen worden. „Die Entwicklung in der Bundesliga hat uns geholfen, unseren Weg zu gehen.“ Weil es in der Liga einige Klubs gibt, „die einfach mehr Geld haben als wir“, war mehr denn je Kreativität gefragt. So entschlossen sich die Entscheider bei Alba, eine junge Mannschaft aufzubauen, durch viele längerfristige Verträge auf Kontinuität zu setzen. Wie und ob das überhaupt klappen würde, wusste natürlich niemand im Voraus.

Selbst ein Spieler wie David Logan will sich noch verbessern

Inzwischen ist man klüger: Schneller als dies je erwartet werden konnte, hat sich der Jahrgang 2013/2014 zu einem hervorragenden Team entwickelt. „Es ist grandios, dass auf unserem Weg schon so früh ein Titel herausgesprungen ist“, freut sich Baldi. Er gibt ehrlich zu: „So eine Mischung kann man nicht am Reißbrett entwerfen, da ist auch Glück dabei.“ Albas Mannschaft besitzt sicherlich nicht die höchste individuelle Qualität, doch Geschlossenheit und unbedingter Wille zeichnen das Team aus. Gerade diese beiden Eigenschaften waren der Schlüssel zum Pokalsieg in Ulm.

Jeder Spieler will sich noch verbessern, selbst ein abgezockter Profi wie David Logan, der schon bei Spitzenklubs wie Maccabi Tel Aviv oder Panathinaikos Athen gespielt hat. Die Chemie in der Mannschaft stimmt. Jan Jagla, der in seiner Profikarriere bisher bei neun Klubs unter Vertrag stand, erzählt: „Selten habe ich erlebt, dass eine Mannschaft so als Team spielt.“ Jeder kenne genau seine Rolle, jeder wisse, dass er wichtig ist. „Es gibt keinerlei Neid.“

Die Gefahr des Abhebens besteht bei den Alba-Profis nicht

Und die Spieler bilden auch mit Obradovic eine Einheit. „Sasa ist kein einfacher Trainer“, sagt Baldi und lächelt dabei. „Aber jeder weiß: Der bringt mich weiter.“ Der Serbe ist fordernd und impulsiv. Selbst in den letzten Sekunden im Finale, als der Erfolg schon klar war, verlangte er hundertprozentigen Einsatz. Als Leon Radosevic im Hochgefühl des Sieges zu lasch agierte, wurde Obradovic zum HB-Männchen. Nur mühsam konnte Assistenztrainer Milenko Bogicevic seinen Chef beruhigen.

Durch den Titelgewinn wird jeder Einzelne wachsen, das Team in seiner Gesamtheit noch mehr gefestigt. Für viele ist es eine neue Erfahrung, selbst Spieler wie Levon Kendall oder Reggie Redding haben in ihrer Karriere noch keinen Titel gewonnen. Die Gefahr, dass einer abhebt, sieht Baldi nicht: „Da bekommt keiner Flügel.“

Kapitän Sven Schultze warnt vor zu großer Euphorie

In der vergangenen Spielzeit gewann Alba ebenfalls den Pokal, im Play-off-Viertelfinale schied der Klub, der die ganze Saison lang mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte, dann allerdings aus. Sportdirektor Mithat Demirel will das nicht vergleichen: „Dieses Jahr hat die Mannschaft viel mehr Substanz.“

Zumindest hat Alba ein deutliches Zeichen an die Liga gesendet: Mit dem achtmaligen Deutschen Meister ist zu rechnen. Schultze rät allerdings von zu großer Euphorie ab: „Ball flach halten.“ Jagla sagt aber auch: „Keiner ist satt, im Gegenteil.“ Die Konkurrenz kann das ruhig als Drohung auffassen.