Marco Baldi hat die Reaktionen aus dem Umfeld, aber auch in den Medien nicht vergessen. „Wir wurden als Auslaufmodell bezeichnet, in mancher E-Mail stand sinngemäß: ,Jetzt seid ihr vollkommen verrückt geworden...’“, erinnert sich der Geschäftsführer des Berliner Basketball-Bundesligisten. Im Sommer 2013 hatten die Verantwortlichen bei Alba bekannt gegeben, dass sie ein neues Team aufbauen wollen, junge deutsche Spieler wolle man entwickeln.

Zudem hieß es, der Klub wolle nicht – wie in den Jahren davor – allem hinterherhecheln: Teilnahme an der Europaliga, Kontinuität wahren, junge Spieler fördern, höchste Ziele anvisieren. Für manchen Außenstehenden schien sich Alba, lange Marktführer in Deutschland, achtmal Meister (zuletzt 2008), damit aus der Spitze zu verabschieden.

23 Siege in 29 Pflichtspielen

Etwa ein halbes Jahr später, nach Ende der Bundesliga-Hinrunde, sieht der Staus quo so aus: Von 29 Pflichtspielen (Bundesliga, Eurocup, Champions Cup) hat Alba 23 gewonnen. In der nationalen Liga liegt das Team von Trainer Sasa Obradovic auf Rang drei, im Eurocup wurde die zweite Gruppenphase souverän erreicht, in die gleich mit einem Sieg gegen Straßburg gestartet wurde. Im deutschen Pokal hat man die Chance auf das Erreichen des Final Four, Auslosung der Viertelfinalpartien ist am Sonnabend.

Zuletzt gewann Alba wettbewerbsübergreifend zehn Spiele hintereinander. Dies gelang zum letzten Mal 2009. Baldis Zwischenbilanz: „Rein von den Ergebnissen her ist es unfassbar. Damit war nicht zu rechnen, wenn man bedenkt, dass das eine völlig neue Mannschaft ist.“ Das sind die Gründe für die bisherige Erfolgsgeschichte des Alba-Jahrgangs 2013/2014:

Die neu verpflichteten Spieler haben eingeschlagen

Alba vollzog einen Radikalschnitt: Zwölf Spieler kamen neu ins Team. Aus dem Kader der Vorsaison sind nur noch Nachwuchsspieler Sebastian Fülle und Routinier Sven Schultze dabei. Großer Wert wurde auf deutsche Spieler mit Potenzial gelegt, fast alle wurden mit mehrjährigen Verträgen ausgestattet. Einheimische Profis werden immer wichtiger, da durch die Quotenregelung auf dem Spielberichtsbogen in einem Zwölfer-Kader sechs Deutsche stehen müssen.

Alba hat bei der Team-Zusammenstellung eine gute Mischung gefunden: Ob Junge oder Etablierte – „vom Charakter her sind alle hungrig“, sagt Kapitän Schultze. Baldi bezeichnet das Team als „homogen“, die Chemie stimmt. So sieht David Logan, Star der Mannschaft, seine Rolle auch darin: „Ich versuche, den jungen Spielern zu helfen, damit sie besser werden.“

Besonders stark ist die Defensive

Das Prunkstück des Berliner Spiels ist die Defensive. „Das ist unser Fundament“, sagt Baldi. „Wir haben die beste Defense“, erklärt Schultze. Zumindest gilt das für die Bundesliga. Kein Team hat nach 17 Spielen weniger Punkte (1170) kassiert als die Berliner. Im Eurocup ließ nur eine Mannschaft bisher weniger Zähler des Gegners zu als Alba (739): Unics Kasan (697). Die Russen sind allerdings auch das einzige Eurocup-Team, das alle bisherigen elf Spiele gewonnen hat (Alba: neun Siege, zwei Niederlagen).

Seit vielen Jahren hatte Alba keine Mannschaft mehr, die mit so viel Intensität und Härte agiert wie das Team heute. Schultze: „Wir spielen schnell, aggressiv und an der Grenze zu Fouls.“ In der Offensive hingegen „kann unser Spiel noch besser ineinandergreifen“, stellt Baldi fest. Obradovic ergänzt: „Aber es wird besser und besser.“

Berliner Mannschaft für die Gegner schwer auszurechnen

Alba profitiert davon, dass viele Spieler auf mehreren Positionen spielen können. Dadurch ist das Team sehr schwer auszurechnen. Es nutzt den Gegnern nichts, nur einen oder zwei Berliner auszuschalten, das Alba-Team ist breit aufgestellt. Acht verschiedene Spieler schwangen sich bisher zum Topscorer auf. Wenig überraschend führt Logan die Liste an, der zehnmal bester Werfer war.

Dass der US-Amerikaner nur auf eine durchschnittliche Einsatzzeit von 25 Minuten kommt, verdeutlicht ein weiteres Plus. Alba kann die Intensität sehr hoch halten, weil Obradovic mit einer Zehner-Rotation spielen lässt. Zehn Profis kommen zwischen elf (Jan Jagla) und gut 27 Minuten (Cliff Hammonds) zum Einsatz.

Bisher von Verletzungen weitgehend verschont geblieben

Baldi gibt ehrlich zu, dass man bisher auch etwas Fortune hatte: „Bestimmte Dinge kann man nicht beeinflussen.“ So blieb Alba in dieser Saison bisher von schwer wiegenden Verletzungen verschont. Der fünfwöchige Ausfall von Leon Radosevic wurde durch die Kurzzeit-Verpflichtung Urus Slokar gut kompensiert; auch beim Slokar-Deal hatte man das Glück des Tüchtigen.

Zur Erinnerung: Vor einem Jahr fielen die beiden Toptransfers Nathan Peavy (schon während der Vorbereitung) und Vule Avdalovic nach schweren Knieverletzungen für die komplette Saison aus.

Ein Saisonziel wird nicht ausgegeben

Bei den Siegen gegen Bamberg und Bayern München hat Alba gezeigt, dass man jeden Gegner schlagen kann. „Bayern ist der absolute Favorit auf die Meisterschaft“, sagt Baldi. Die Berliner selbst halten sich mit Prognosen sehr zurück. Nicht mehr in der Favoritenrolle zu sein, ist eine komfortable Situation. „Wir sind im Wachstum“, sagt Baldi. Und er warnt: „Man muss sehen, was ist, wenn eine Niederlagenserie kommt.“ Noch sei die Mannschaft sehr anfällig, zudem fehle es ihr an Erfahrung. Nein, ein Saisonziel will er nicht ausgeben. Aber Sportdirektor Mithat Demirel sagt: „Nach oben ist nichts verboten...“