Theo Breiding

Mit ihm als Spielmacher begann die goldene Ära bei Alba Berlin. Sasa Obradovic kam 1994 nach Berlin, gewann mit dem damals aufstrebenden Klub 1995 den Korac-Cup und zwei Jahre später die erste Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte. 2012 kam er als Cheftrainer zurück und nach seiner ersten Saison, in der er sein Team in die Top 16 der Europaliga und zum Pokalsieg führte, aber in der Meisterschaft im Viertelfinale ausschied, vollzog der Klub eine radikale Zäsur. Junge, hungrige deutsche Spieler standen auf der Einkaufsliste ganz oben, die alle mehrjährige Verträge erhielten. Die Berliner Morgenpost traf den Trainer kurz vor der Busfahrt nach Quakenbrück zum Interview.

Berliner Morgenpost: Der Klub setzt mit seiner Personalpolitik auf Kontinuität. Wie stehen die Chancen, dass jetzt eine neue glanzvolle Ära entsteht, Herr Obradovic?

Sasa Obradovic: Die Spieler, die wir jetzt geholt haben, könnten schon für ein neues Alba stehen. Das Potenzial, das wir in ihnen gesehen haben, haben sie ja schon zum Teil gezeigt. Wir müssen ihnen die besten Möglichkeiten bieten, sich zu entwickeln, aber es wird Zeit vergehen, bis alle Teile des Puzzles zusammenpassen. Die letzte Saison sehen viele auch in einem zu schlechten Licht. Wir haben den ersten Titel in der O2 World geholt und uns für die Top 16 der Euroleague qualifiziert und dort vier Spiele gewonnen. Das hat es noch nie gegeben. Damals, im Jahr 1994, war das schon der Aufbruch in glorreiche Zeiten. Wir sind damals übrigens auch nicht gleich Meister geworden. Aber die Zeiten sind nicht miteinander zu vergleichen. Damals gab es Leverkusen und Alba, der Rest der Liga war nicht wirklich konkurrenzfähig. Das ist heute total anders. Die Liga hat sich außerordentlich entwickelt.

Wann begann die interne Diskussion um die Linie, verstärkt auf junge deutsche Spieler zu setzen?

Die gab es schon vor Beginn der vergangenen Saison, aber als ich kam, waren alle Spieler, die das Potenzial gehabt hätten, ein Faktor zu werden, woanders gebunden. Wir haben dann aber gleich damit begonnen, den Markt akribisch zu sondieren und mit Agenten gesprochen und konkrete Absprachen getroffen. Da haben alle, besonderes Mithat Demirel einen guten Job gemacht.

Es waren ja schon öfter deutsche Spieler bei Alba, die dann sehr wenig spielten, zum Beispiel Lucca Staiger oder Philip Zwiener. Haben Sie ihnen gesagt, kommt zu Alba, bei mir werdet ihr in jedem Fall spielen?

Bei der Zusammensetzung der Mannschaft war klar, wir müssen jeden einzelnen taktisch und technisch verbessern, aber ebenfalls, dass alle eine Chance bekommen müssen. Die Beispiele kann ich nicht wirklich kommentieren, aber es stellt sich natürlich die Frage: War es nur die Schuld des Klubs? Warum haben Spieler vielleicht nicht noch mehr investiert? Coaches sind doch nicht dumm oder blind, sie wollen immer die Qualitäten, die ein Spieler hat, nutzen. Ich habe immer junge Spieler gefördert, in Köln waren das beispielsweise Philipp Schwethelm und Tibor Pleiß. Coaches werden immer an ihren Titeln gemessen. Spieler zu entwickeln, ist auch wichtig. Man gibt jungen Leute ja eine Karriere.

Sie haben die vergangene Saison schon skizziert. Was haben Sie in Ihrem ersten Jahr als Trainer in der Bundesliga gelernt?

Na, ich habe vor allem die Liga kennengelernt, die Gewohnheiten der Coaches, wie sie ihre Teams spielen lassen. Das war hart, weil wir uns ja wegen unseres Spielplans auf manches Spiel kaum vorbereiten konnten. Dieses Jahr bin ich besser gewappnet, kann mich taktisch besser einstellen. In der Euroleague weißt du immer, was dich erwartet, in der Bundesliga gab es viele Überraschungen, weil die Gegner sich lange auf dich einstellen konnten. Das wird in dieser Saison viel einfacher für mich sein, weil ich weiß, wen ich vor mir habe.

In der zweiten Runde der Europaliga mussten Sie in der vergangenen Saison 14 Spiele absolvieren, im Eurocup werden es, so Sie sich qualifizieren, sechs sein. Wie groß wird der Unterschied sein?

Enorm. Wir werden natürlich versuchen, so weit wie möglich zu kommen. Keiner weiß, welche Verletzungen wir eventuell wegstecken müssen, aber ich denke nicht, dass wir vor dem Play-off so erschöpft und ausgelaugt sein werden wie in der vergangenen Saison.

Alle reden über Bayern München als den großen Topfavoriten. Sie kennen mit Heiko Schaffartzik, Yassin Idbihi, Deon Thompson und Nihad Djedovic vier der Bayern-Spieler sehr gut, weil sie letztes Jahr unter Ihnen gespielt haben. Sind die Bayern die Übermannschaft der Liga?

Daran, wie sich die Bayern verstärkt haben, sieht man, sie meinen es ernst und sie sind sicherlich auch einer der Favoriten. Sie investieren auch viel in junge Spieler. Es bringt, glaube ich, nichts, sich zu sehr mit den Bayern zu beschäftigen. Für mich als Alba-Trainer ist das nächste Spiel entscheidend. Gegen die Besten braucht man keine besondere Motivation, die bessere Ausgangsposition fürs Play-off holst du dir gegen die kleineren Teams. Bamberg hat kein einziges Spiel in den Top 16 der Euroleague gewonnen, aber holte vier entscheidende Siege in der Bundesliga, die am Ende das Heimrecht brachten. Die Bayern stehen doch jetzt im Prinzip unter Druck, auch in die Top 16 zu kommen und dort vier Spiele zu gewinnen und vielleicht sogar noch einen Schritt weiter zu gehen.

Gibt es einen Svetislav-Pesic-Faktor?

Pesic ist immer ein Faktor. Er ist einer der besten Coaches, die es gibt. Er hat Gewicht, er ist eine Persönlichkeit. Was mir an ihm gefällt, ist, dass er noch immer so emotional ist, obwohl er ja nun schon etwas älter ist. Er hat noch immer diese Energie, und ich glaube, er könnte auch, ohne seinen Beruf auszuüben, nicht leben. Zumindest wäre er dann ein ganz anderer Mensch.

Was macht einen guten Coach aus? Spieler zu finden, die in seine Systeme passen oder Systeme zu erfinden, die den Qualitäten der Spieler entsprechen?

Beides. Zuallererst: Du wirst nie den perfekten Spieler finden, auch wenn du alles Geld der Welt hast. Du suchst natürlich immer Spieler, die in deine Philosophie bestmöglich passen und sie dann noch weiter in deine Richtung zu bringen. Aber dazu hast du ja nur selten die Zeit, weil du Resultate liefern musst. Eine Wurftechnik zu verändern, kann zwei Jahre dauern, und du hast keine Garantie, dass es am Ende auch klappt. Durch Verletzungen wirst du ohnehin oft gezwungen, deine Routine zu verlassen und dabei geht es zuerst um die Verteidigung, dass du auf jeden Gegner eine Antwort hast.

David Logan sagt, er hätte während der Vorbereitung noch nie so hart trainiert wie in Berlin. Sven Schultze erzählt, Sie hätten es im Vergleich zum Jahr davor ruhiger angehen lassen. Was stimmt?

Sven hat Recht, ich habe mich verändert. Alles andere wäre auch schlecht. Mein Ansprüche sind immer noch die höchsten, aber ich habe meinen Kommunikationsstil verändert, bin umgänglicher geworden. So lange die Spieler aber im Training auf dem Parkett sind, verlange ich vollen Einsatz und eine vorbildliche Einstellung.

Wie wichtig war der Sieg im Champions Cup gegen Bamberg?

Sehr wichtig, weil Bambergs Team schon viel länger komplett zusammen war als wir. Wir haben den Meister geschlagen und das war nach den Abgängen von Schaffartzik, Thompson oder Djedovic auch eine Botschaft an unsere Fans, dass auch jetzt wieder Spieler hier sind, die Basketball spielen können, vielleicht sogar ein wenig besser. Wer weiß?

Noch einmal zurück in die Vergangenheit: Als Sie als Spieler hier waren, hatten Sie noch Haare auf dem Kopf. Der ist jetzt aber schon seit langem kahl rasiert. Warum?

Na, das ist doch ganz offensichtlich, da ist nicht mehr sehr viel. Die erste Totalrasur werde ich übrigens nie vergessen. Sascha Djordjevic, einer der größten Spielmacher aller Zeiten, hat mich das allererste Mal rasiert, direkt in der Kabine nach einem Spiel bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta. Er hatte seinen Kopf bereits zuvor rasiert und hat gesagt, komm mal eben rüber, wir machen das jetzt mal. Jetzt kann ich mir es gar nicht mehr anders vorstellen, und es ist ja auch so etwas wie ein Markenzeichen geworden.

Ein anderes Markenzeichen ist, dass Sie immer extrem gut gekleidet zu den Spielen erscheinen. Wie viele Anzüge haben Sie für die neue Saison gekauft?

Keinen. Wir tragen jetzt alle einheitliche Anzüge des Klubs. Aber es stimmt schon, ich bin gern gut angezogen, es ist eine Art Ventil, und shoppen zu gehen, entspannt mich. Aber dazu habe ich eigentlich gar keine Zeit.

Manchmal aber springt der Träger dieser eleganten Anzüge wie wild hin und her, flucht und wirft mit Ausdrücken um sich, die man lieber nicht ins Deutsche übersetzen sollte. Glauben Sie, dass Sie die Spieler damit erreichen?

Nein, nein das mache ich nur für mich. Ich weiß auch, dass ich daran arbeiten muss, aber das ist nicht einfach. Den Spielern sage ich, guckt bloß nicht in meine Richtung, konzentriert euch auf eure Aufgaben. Wenn ich eine Reaktion zeige, dürft ihr euch davon nicht ablenken lassen. Gleiches gilt auch für die Pfiffe der Schiedsrichter oder Provokationen der Gegenspieler.

Wann werden wir ein Interview auf Deutsch führen, Herr Obradovic?

Ich arbeite dran, wirklich. Letzte Saison hatte ich keine Chance, ich war einfach zu erschöpft. Ich sollte ja schon bei der Saisoneröffnungs-Pressekonferenz mein Statement in deutsch abgeben. Ich hatte mir auch alles aufgeschrieben, aber da hat mich auf einmal mein ganzes Selbstvertrauen verlassen. Ich habe gedacht, dann können dich alle auf Youtube sehen, wie du da herum stammelst. Ich habe ein Deutsch-Lern-Programm in meinem Telefon, und wenn ich ein wenig Zeit habe, lerne ich ein paar neue Wörter oder einen Satz. Es geht langsam voran.