Personalstrategien

Alba Berlin und die Eisbären – zwei Klubs, zwei Wege

Berlins Erstligaklubs im Eishockey und beim Basketball verfolgen sehr unterschiedliche Personalstrategien: Während die Eisbären erneut auf Kontinuität setzen, findet bei Alba der nächste Umbruch statt.

Der Grund für die Erfolge der Eisbären heißt Kontinuität

Die Erfolgsära des EHC Eisbären währt schon fast zehn Jahre. In dieser Zeit wurden sie siebenmal Meister. Dazu wurden einige Stars verpflichtet. Doch Hauptgründe für den Erfolg sind Kontinuität und die beste Nachwuchsarbeit. Von Marcel Stein

Geduld ist eine Tugend. Nur verliert der Fan gern mal seine Tugendhaftigkeit, wenn er sieht, wie die Konkurrenz in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) schon um die Jahreswende den eigenen Anhang mit Kaderplanungen für die neue Saison beglückt. Ausgerechnet beim Branchenführer, dem EHC Eisbären, wird konträr verfahren. Der treue Fan muss warten können. In der Saison gibt es in vertraglichen Dingen keinerlei Offizielles. Schon gar nicht im Bezug auf neue Spieler.

Aber viel mitzuteilen ist ja auch nicht. Denn die Berliner heben sich nicht nur in ihrer Mitteilungspolitik vom Rest der Liga ab, sie verfolgen einen anderen Kurs, wechseln nur wenig Personal, während die anderen Jahr für Jahr das halbe Team auswechseln. Am Mittwoch verkündeten die Eisbären den dritten Zugang, Verteidiger Shawn Lalonde, 23, Kanadier, kommt von den Rockford IceHogs aus der AHL nach Berlin. Frisches Blut tut gut. Auch beim EHC. Doch der Schlüssel des Erfolgs liegt in der Kontinuität.

Sieben Meistertitel gewannen die Berliner in den vergangenen neun Jahren. Vier Spieler waren bei allen Titeln dabei, es sind Spieler, die als 18-Jährige in das Profiteam aufgenommen wurden mit dem klaren Ziel, sie zu Akteuren zu formen, die die Mannschaft irgendwann anführen – und das Niveau in Deutschland bestimmen. Mit Rankel, Busch, Baxmann und Hördler wurde ein Konzept geboren bei den Eisbären, es ging darum, etwas aufzubauen, das von Dauer ist.

Voraussetzung dafür war die Unterstützung herausragender ausländischer Profis, die Manager Peter John Lee in Steve Walker, Mark Beaufait oder Denis Pederson fand. Die blieben selbst bis zu zehn Jahre im Klub, brachten den Verein auf das Niveau, auf dem er ist und fungierten als Ausbilder für die Talente. Die haben nun das Ruder übernommen, sind Eisbären durch und durch, dazu perfekt vorbereitet auf ihre Aufgaben. Weshalb es ihnen möglich war, das Team vergangene Saison zum siebten Titel zu führen.

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Aber es geht nicht nur darum zu gewinnen. Fans wollen feste Bezüge zu ihrem Klub, Fixpunkte, Helden. Woher sollen sie die nehmen, wenn jedes Jahr mehr neue als alte Gesichter auftauchen? Verweildauer bringt Identifikation, und für Fans ist nichts wichtiger, als sich identifizieren zu können. Für die Philosophie des EHC ist dieser Punkt strategisch bedeutsam gewesen beim Umzug vom kleinen Wellblechpalast in die große O2 World, wo das Zuschaueraufkommen verdreifacht werden musste. Ein Verein, bei dem alles austauschbar ist, hätte da Probleme bekommen.

Mit ihrer auf Langfristigkeit angelegten Ausrichtung fahren die Berliner seit zehn Jahren bestens, sie ist zum Markenzeichen des Klubs geworden und hat zu einer außergewöhnlichen Verquickung mit dem Anhang geführt. Der Fan kennt nicht nur die Oberfläche, er kann hinter die Fassade schauen, die Profis auf einer tieferen Ebene beurteilen, weil über die Jahre viel zu erfahren war über jeden.

Nachahmer für das Berliner Konzept gab es lange nicht, obwohl der Erfolg für sich sprach. Die Jungen von einst sind nun die alten Hasen und vermitteln den jungen Spielern, was ihnen mit auf den Weg gegeben worden ist. Harte Arbeit etwa, aber auch dieses unerschütterliche Selbstbewusstsein, das nur Sieger haben.

Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sich im Team einstellt, je länger es beieinander ist und Leistungen ermöglicht, die den Unterschied zwischen Gewinnen und Verlieren ausmachen können. In der nächsten Saison werden die Berliner mit 19 Spielern auflaufen, die bereits das Trikot der Eisbären trugen. Sie bleiben sich treu. Andere machen das inzwischen nach, am intensivsten kopiert Vizemeister Köln den Berliner Plan und startet auch mit 19 „alten“ Profis.

Bei Alba findet schon wieder ein kompletter Umbruch statt

In den vergangenen Jahren hat es der Berliner Basketball-Klub nicht geschafft, Kontinuität aufzubauen. Als neunter Zugang kommt der US-Amerikaner Clifford Hammonds nun zu Alba. Von Sebastian Arlt

Wer als eingefleischter Fan von Alba Berlin auf dem neuesten Stand sein will, muss schon wieder in den Geldbeutel oder zur Scheckkarte greifen. Trikots mit aufgeflockten Namen wie Morley, Idbihi oder auch Schaffartzik sind out. Zach Morley, Yassin Idbihi oder Heiko Schaffartzik werden künftig nicht mehr für den Berliner Basketball-Bundesligisten spielen. Bald werden Shirts mit Timor, Logan oder Hammonds im Angebot sein. Bar Timor, David Logan oder Clifford Hammonds gehören zu den Profis, die in der kommenden Saison für Alba auf den Korb werfen werden.

Die Verpflichtung von Spielmacher Hammonds wurde am Mittwoch offiziell gemeldet. Der 27 Jahre alte US-Amerikaner kommt vom bosnischen Meister BC Igokea Aleksandorvac und unterschrieb bei Alba einen Zweijahresvertrag. Er ist damit die neunte Verpflichtung der Berliner für die Saison 2013/2014.

Albas Cheftrainer Sasa Obradovic hob die Erfahrung von Hammonds hervor, der in Europa bereits in Griechenland, Frankreich, Türkei und Bosnien gespielt hat. Für Efes Pilsen Istanbul kam er zu Einsätzen in der Europaliga, der höchsten europäischen Spielklasse.

In Frankreich trug der Amerikaner das Trikot bei Topclub Asvel Villeubanne. „Er ist ein guter Spielorganisator, der physisch und schnell spielt und stark verteidigt“, lobte Obradovic. Hammonds versprach: „Ich werde hart dafür arbeiten, dass unser Team in der Bundesliga wie im Eurocup eine gute Rolle spielt.“

Bisher schon neun Neue – es gibt einen kompletten Umbruch, zum momentanen Stand bleibt keiner der Stammkräfte. Die einzige feste Größe ist Obradovic, der mit einem großen Vertrauensbonus sein Amt vor einem Jahr angetreten hatte. Verkörpert er doch noch so richtig das erfolgsverwöhnte Alba aus der Vergangenheit. Mit ihm holten die Berliner 1995 den Korac-Cup und 1997 die erste von insgesamt acht Meisterschaften. Doch unter dem Strich blieb zum Saisonende trotz des Pokalsieges und des Erreichens des Top 16 in der Europaliga vor allem das frühe Aus im Play-off-Viertelfinale hängen.

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Jetzt also alles auf Null. Wieder einmal. Denn in den vergangenen etwa zehn Jahren ist es Alba kaum gelungen, Kontinuität über längere Zeit zu schaffen. Spieler kamen und gingen oft nach einem Jahr wieder. Und nachdem zwischen 1993 und 2005 in Svetislav Pesic und Emir Mutapcic gerade einmal zwei Trainer das Sagen hatten, waren es seitdem fünf (Henrik Rödl, Luka Pavicevic, Muli Katzurin, Gordon Herbert, Sasa Obradovic). Untrügliche Zeichen dafür, dass die Klub-Führung bei der Personalauswahl nicht immer glücklich agierte.

Alba-Nostalgiker sind sich sicher, dass früher alles besser war. Doch Vergleiche führen in die Irre. Es haben sich die Bedingungen komplett verändert: Einst, als Alba siebenmal hintereinander Meister wurde (1997-2003), hatte man unbestritten das höchste Budget und konnte sich die besten Ausländer leisten, von denen damals überhaupt nur zwei erlaubt waren. Und in Sachen Nachwuchsarbeit (Kooperation mit TuS Lichterfelde) war man der Konkurrenz um Lichtjahre voraus.

Gerade hat Alba von der Bundesliga (BBL) 18.000 Euro bekommen, der Lohn für die Auszeichnung „Vorbildlicher Jugendstandort“. Seit etlichen Jahren hat Alba die Nachwuchsarbeit auf eigene Beine gestellt, fast eine Million Euro gibt man inzwischen jährlich dafür aus, mit Preisen und Anerkennung für das soziale Engagement wurde der Klub seitdem überhäuft.

Bisher ist allerdings aus der Masse in der Spitze noch keiner angekommen, der wie einst ein Mithat Demirel, Ademola Okulaja oder Jörg Lütcke zu einer festen Größe werden konnte.

Nicht heute und nicht morgen wird aus der Alba-Jugend ein neuer Nationalspieler herauskommen, aber beim Klub ist man sich sicher, dass langfristig das Programm junge Basketballer mit großer Qualität hervorbringen wird. Deutsche Spieler sind seit Einführung der Quote (sechs Einheimische müssen im Zwölferkader stehen) sowieso zu einem noch wertvolleren Gut geworden. Alba scheint gelernt zu haben: Fünf Deutsche, alle noch nicht am Ende ihrer Entwicklung, wurden jetzt mit längerfristigen Verträgen an den Klub gebunden.

Zumindest ein erster Schritt auf dem Weg zu neuer Kontinuität.