Flug 6202 aus München setzte 17 Minuten vor der geplanten Ankunftszeit in Tegel auf, was irgendwie ganz gut zu einem Teil der Passagiere an Bord passte. Es war der letzte gemeinsame Flug für das Basketball-Team von Alba Berlin, dessen Saison Stunden zuvor am Sonntag ebenfalls früher als geplant zu Ende gegangen war. Kein Fan am Flugsteig, kein tröstendes Plakat – die Spieler starrten wortlos auf das sich drehende Gepäckband, bis endlich ihre Taschen erschienen. Aus im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft, zum zweiten Mal in Folge, diesmal aber, ohne den Gegner, die Münchner Bayern, ein einziges Mal bezwungen zu haben. Die Saison endete in Moll.
Zumindest der Blick zurück bietet auch Erfreuliches, wie den Pokalsieg, den ersten Titel seit 2009, und das Erreichen der Top16 der Europaliga, weshalb es auch schwer fällt, die Worte „peinlich“ oder „Versager“ zu verwenden. Ohnehin ist ja die Frage viel interessanter, wie es weitergeht. Und da fällt der Blick in die Zukunft auf einen Wald von Fragezeichen.
Der sich noch nicht gelichtet hat, auch nicht bei Marco Baldi. „Erst mal eine Nacht drüber schlafen“, hatte sich Albas Geschäftsführer nach dem Aus gesagt, aber: Der Mann, der im Klub in fast allem das letzte Wort hat, lag die ganze Nacht über wach. Was ihn umgetrieben hat, sei, „dass diese Saison so schwer zu fassen ist. Fest steht, dass wir ein ganz schlechtes Play-off gespielt, aber auch Erfolge wie lange nicht gefeiert haben“. Zudem sei der Klub wegen der zahlreichen schweren Verletzungen „aus dem Umbauen gar nicht mehr heraus gekommen“.
Ein Umbau könnte noch bevorstehen
Wobei ein noch gravierenderer Umbau erst noch bevor stehen könnte. Denn mit Heiko Schaffartzik hat nur ein Spieler für die kommende Saison einen Vertrag, und es halten sich hartnäckig Gerüchte, dass er heftig mit den Bayern flirtet. Oder wie war das Küsschen von Bayern-Coach Svetislav Pesic auf die Wange des Spielmachers am Sonntag zu deuten? Zudem kann der Klub mit Nihad Djedovic und den beiden schwer verletzten Nathan Peavy und Vule Avdalovic per Option verlängern. Mehr nicht. Und ohnehin muss zuvor geklärt werden, ob Trainer Sasa Obradovic in die Personalentscheidungen eingreifen wird, der mal in einem Nebensatz erwähnte, dass auch sein Vertrag eine Option für eine mögliche Trennung enthält.
Zur Personalie Schaffartzik sagt Baldi: „Der hat einen Vertrag.“ Dass sein Coach einst en passant seine Vertragssituation öffentlich gemacht hat, empfand Baldi als „unnötig“. Aber es sei immer geplant gewesen, mit Obradovic „längerfristig zusammenzuarbeiten. Dennoch müssen wir uns zusammensetzen, unsere Empfindungen abgleichen, alles sachlich analysieren, wobei auch Mithat Demirel sehr wichtig ist, weil der noch näher an der Mannschaft war und noch enger mit den Coaches zusammengearbeitet hat“. Baldi hat keine Zweifel, dass Obradovic und er dann „komplett auf einer Linie liegen, aber wir müssen natürlich alles besprechen“.
Dirk Nowitzkis Mentor Holger Geschwindner hatte vor Jahren in seiner launigen Art mal den Begriff des „Busfahrers“ kreiert. Gemeint waren die jungen deutschen Spieler, die zwar mit den Teams reisen, aber nie zum Einsatz kommen. Eine der Schwächen der Alba-Mannschaft, die jetzt so enttäuschend früh scheiterte, war sicherlich, dass sie mit gleich drei Busfahrern auf dem Spielbogen quer durch Europa und die Bundesliga zog. Ob Sebastian Fülle (20), Joey Ney (20), Steven Monse (23) oder David Herwig (20) – in keinem der Youngster sah Obradovic die „Qualität“, die einen Einsatz gerechtfertigt hätten.
Viel Last auf wenig Schultern
Auch Kapitän Sven Schultze bekam wenig Spielzeit, so dass nur Schaffartzik und Yassin Idbihi feste Bestandteile der Rotation waren. Das ist für eine Saison mit mehr als 60 Spielen zu wenig, zumal das Team immer wieder von schwersten Verletzungen seiner ausländischen Leistungsträger gebeutelt wurde. Zum anderen ist es aber auch ein Armutszeugnis. Denn Alba hat immer dafür gekämpft, dass sich der Anteil der Deutschen in den Bundesliga-Teams erhöht, und ist durch die intensivierte Jugendarbeit mittlerweile der größte Basketball-Verein des Landes. Bloß die Hoffnung, dass mit einer breiteren Basis auch mehr Spieler in der Spitze ankommen, hat sich nicht erfüllt. Wieder nicht. Seit der Regentschaft Luka Pavicevics kann man ja ohnehin schon von einer Alba-Ära der Busfahrer sprechen.
„Uns hat der Druck von unten gefehlt“, gibt Baldi zu, „von jungen Spielern, die in die Mannschaft drängen und die Qualität im Training hochhalten.“ In der so schnell angewachsenen Nachwuchsförderung sei der Klub einfach noch nicht bei den Jahrgängen, die helfen könnten. „Und so lange können und werden wir auch nicht warten“, erklärt Baldi und stellt in Aussicht, in Sachen deutscher Spieler sei „einiges in Vorbereitung“. Wobei es zwei Etagen höher auch noch Handlungsbedarf gibt. Sollte es beim Flirt Schaffartziks mit dem Stern des Südens bleiben, würde es viele Fans freuen, wenn auch sein bester Kumpel Yassin Idbihi bliebe. „Ich würde schon gern bleiben“, sagt Albas Nationalcenter, „aber wir müssen sehen, wie die Verhandlungen laufen.“
Sicher ist, dass Zeugwart Tommy Thorwarth, der wohl nicht zur Disposition steht, Anfang Oktober wieder mit den Trikot-Taschen und knapp 20 Boarding-Pässen in Tegel am Flugsteig stehen wird. Auf wen die ausgestellt sein werden, wird sich erst den Sommer über scheibchenweise zeigen.





