Wie schlecht es um das Team von Alba stand, war im letzten Viertel an der Mimik von Sasa Obradovic zu sehen. Fast apathisch schlenderte Berlins Trainer an der Seitenlinie entlang, keine Wutausbrüche, keine Beschimpfungen gegen die eigenen Spieler oder die Schiedsrichter, keine seiner sonst üblichen Irrwisch-Veitstänze. Wortlos fügte sich Obradovic in sein Schicksal, resigniert und fassungslos über das, was sich da gerade im Münchner Audi Dome abspielte. 67:88 hieß es am Ende, es war eine Demütigung seiner Truppe durch den FC Bayern, das erste Viertelfinal-Playoff-Spiel wurde für die Berliner zum Debakel.

Eine Leistung, mit der sie so keine Chance haben dürften in der „Best of five“-Serie. „Das nächste Spiel ist ein ganz anderes und ein neues“, schnaufte Coach Obradovic nach der Partie und schien sich dabei Mut einzureden. „Wir müssen aber deutlich stärker werden“. Durchaus. Mit solch einer Leistung ist die Saison kommenden Sonntag vorbei, nach der dritten Niederlage im dritten Spiel.

Der FC Bayern führte seinen Gegner vor, und als das Spiel zu Ende war, meinte ein altgedienter Hallenordner auf Höhe Block L: „Die Berliner haben ja so schlecht gespielt wie Barcelona.“ Hohn gab es also obendrein auch noch.

München feierte schon vor dem Abpfiff

München feierte, und das tat es schon vor dem Anpfiff. Der Audi Dome seit Tagen ausverkauft, die ganze Stadt war infiziert vom Play-off-Fieber. Schon am Vormittag gab es Fangesänge am Marienplatz, und das bei Basketball, bisher in München undenkbar. Das erst vor drei Jahren in der Zweiten Liga angeschobene Projekt Profi-Basketball ist angekommen in der Stadt, längst etabliert als Sportart Nummer zwei.

Von Sportart Nummer eins waren auch Vertreter erschienen. Bastian Schweinsteiger, mit Mütze und Trikot seines Kumpels Steffen Hamann, saß vorn neben Arjen Robben. Beide wurden von den 6700 Zuschauern vor Spielbeginn mit Ovationen gefeiert. Warum mit den Mannschaftskollegen zu einem Auswärtsspiel fahren? Dortmund? Belanglos. Kurz vor halb sieben gingen sie dann doch aus der Halle. Fußball schauen, wenigstens im Fernsehen. Die große Party zum Spielende verpassten sie. Denn die Musik spielte an diesem Sonnabend beim Basketball, und wie. In den Viertelpausen ertönte der Bayerische Defiliermarsch, Fans tanzten in Tracht und Lederhose, es herrschte Oktoberfeststimmung, und das Anfang Mai. Mia san mia. Und wer ist Alba?

Die Bayern überrollten ihre Gäste

Die Gäste wirkten schon in den ersten Minuten hilflos und überfordert. Alba ging es wie unlängst den Fußballern des Hamburger SV einige Kilometer weiter nördlich in der Allianz Arena. Erst stand es 0:6, dann 2:9.

Aber es kam noch schlimmer. 7:18 nach fünf Minuten, ein Fiasko bahnte sich an, die Bayern überrollten ihre Gäste. Das Vorhaben der Berliner, die Rebounds zu gewinnen und schnelle Tempogegenstöße der Bayern zu unterbinden, scheiterte gründlich. „Diese Fastbreaks“, sagte Obradovic später, „waren der Schlüssel zum Sieg der Bayern.“ Genau wie die Schwäche bei den Offensiv-Rebounds. Kaum ein Ball, den sich die Gäste dabei sichern konnten.

Plötzlich drehte Alba das Spiel

Und doch begann für die Münchner plötzlich das Zittern. Innerhalb weniger Minuten drehte Alba das Spiel, führte plötzlich 25:23. Die Wende hin zum Guten? Eher ein Ausrutscher nach oben. Schon zur Halbzeit lagen die Gäste wieder 39:44 hinten, im dritten Viertel ging schließlich gar nichts mehr. Angeführt vom überragenden Trio Robin Benzing, der auf insgesamt 16 Punkte kam, Tyrece Rice (15) und Steffen Hamann (14) setzte sich die Demontage des Gegners fort. Bayern baute den Vorsprung auf 24 Punkte aus (78:54), die letzten zehn Minuten bestanden aus Ergebnisverwaltung.

Ob die Mehrbelastung durch die Spiele in der Europaliga nun ein Grund seien, warum die Mannschaft offenkundig auch körperliche und konditionelle Schwächen offenbarte, wurde Sasa Obradovic noch gefragt. „Das kann ich nicht mehr hören“, grummelte der Coach daraufhin, „das darf keine Entschuldigung sein.“ Warum es aber gleich so schlimm lief, dafür hatte er aber auch keine schlüssige Erklärung. Nachvollziehbar, dass Bayern-Trainer Svetislav Pesic wesentlich euphorischer wirkte. „Meine Mannschaft hat sich exzellent verkauft“, sagte Obradovics langjähriger Lehrmeister und fügte mit einer hanebüchenen Untertreibung noch hinzu: „Es war eines unserer besten Spiele in dieser Saison.“ Unfug. Es war das beste überhaupt, und dazu noch ein ganz besonderes für den Präsidenten des Vereins. Für Uli Hoeneß.

Hoeneß schlich sich still und leise durch den VIP-Ausgang

Erstmals nach Bekanntwerden seiner Steueraffäre war Hoeneß als Gast im Audi Dome, nutzte das ausgeschaltete Hallenlicht beim Einlauf-Spektakel der Bayern-Spieler, um halbwegs unbemerkt seinen Platz einzunehmen, klatschte bei den gelungenen Aktionen seiner Mannschaft begeistert in die Hände und wirkte im Beisein seines Bruders Dieter fast noch gelöster und entspannter als am Mittwoch in Barcelona.

Nach dem Spiel schlich sich Hoeneß auch nicht still und leise durch den VIP-Ausgang in die Promi-Lounge. Er ging quer über das Parkett, winkte kurz ins Publikum, genoss den Beifall, der während der Ehrenrunde der Spieler auch für ihn aufbrandete. Nächsten Sonntag, zum dritten Play-off-Spiel gegen Alba wird Hoeneß wohl wieder kommen, dann vielleicht etwas müder als gestern. Tags davor ist die Meisterfeier mit den Fußballern auf dem Marienplatz, dem Rathausbalkon. Vielleicht darf er in einigen Wochen dann zur nächsten Titelsause dorthin. So Mitte Juni. Dann mit den Basketballern.

Die zweite Partie findet am Mittwoch in der Berliner O2 World statt (ab 19.30 Uhr im Live-Ticker der Berliner Morgenpost).