Basketball

Alba Berlin steht vor dem Play-off unter Schock

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Sebastian Arlt

Foto: Sergei Ilnitsky / picture alliance / dpa

Nach der Niederlage gegen Trier muss Alba beim nächsten Spiel am Sonnabend siegen. Doch die Krise beim Berliner Basketballteam erreicht durch die schwere Knieverletzung von Ali Traoré einen neuen Höhepunkt.

Der fromme Wunsch von Marco Baldi wird sich nicht erfüllen. „Vielleicht passiert ja ein Wunder und Ali springt in ein paar Tagen wieder durch die Halle“, meinte der Geschäftsführer von Alba Berlin.

Es wird kein Wunder geben. Zwar steht die endgültige Diagnose noch aus, aber die Knieverletzung, die sich Ali Traoré, der Center des Basketball-Bundesligisten, 31 Sekunden vor Ende der Partie gegen TBB Trier zuzog, ist schwerwiegend. Definitives wird für heute erwartet, wenn das stark geschwollene rechte Knie des Franzosen einer Arthroskopie unterzogen wird.

Am ersten Mai-Wochenende beginnt das Play-off um die Meisterschaft – und Pokalsieger Alba steht unter Schock. „Das ist so ein Moment, in dem einem fast das Herz stehen bleibt“, sagte Baldi.

Bereits der Dritte mit schwerer Knieverletzung

Allen war die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben, die schmerzliche 88:91-Niederlage gegen Trier war und ist noch in den Hintergrund getreten. Auch wenn die Berliner bereits am Sonnabend im letzten Punktrundenspiel gegen BBC Bayreuth (O2 World, 20 Uhr, HIER im Liveticker der Berliner Morgenpost) anzutreten haben. „Mann, das tut mir so leid“, meinte Traorés Center-Kollege Yassin Idbihi kopfschüttelnd.

Warum schon wieder? Diese Frage treibt bei Alba alle um – wobei jeder weiß, dass es keine Antwort darauf geben wird.

Hoffnungsträger Traoré, erst im Februar zu Alba gekommen, ist der Dritte im Team, der in in dieser Saison eine schwere Knieverletzung erlitten hat. Erst traf es noch in der Vorbereitung am 29. September 2012 Zugang Nathan Peavy (Kreuzbandriss links), dann am 6. Dezember 2012 Spielmacher Vule Avdalovic (Kreuzbandriss links), jetzt Traoré. Fast vergessen: Peavy-Ersatz Brian Randle bestritt wegen einer Entzündung am Fuß (Plantarsehne) zwischen Oktober 2012 und der Vertragsauflösung im Februar 2013 gerade einmal zwei Spiele für Alba.

Center Miralles steht bereit

Es gibt für solche Verletzungen wie bei Traoré oder den anderen nie einen guten oder einen schlechten Zeitpunkt. Aber es gibt zu bestimmten Zeiten die Möglichkeit zu reagieren, zu versuchen, einen Ersatz zu bekommen. Das ist jetzt nicht mehr möglich, seit dem 1. März ist das Transferfenster in der Bundesliga (BBL) geschlossen. Zumindest haben die Berliner in Albert Miralles noch einen zusätzlichen Center in der Hinterhand. Der oft unglücklich agierende Spanier saß zuletzt fast nur noch am Spielfeldrand, weil in der BBL lediglich sechs Ausländer zum Einsatz kommen dürfen. Bei Alba hatte man schon über eine Vertragsauflösung nachgedacht, jetzt kann der Klub froh sein, dass Miralles noch da ist.

Es ist für Spieler, Trainer und die Klub-Verantwortlichen jetzt schwer, wieder einigermaßen zur Normalität überzugehen. Doch es muss weitergehen. Und abseits von Traorés Knie-Fall dürfte niemandem entgangen sein, dass Alba sportlich in die Krise geschlittert ist. Phasenweise war die Partie gegen Trier, ganz speziell die letzten vier Minuten und elf Sekunden, eine Bankrotterklärung für das Team von Cheftrainer Sasa Obradovic. Während dieser Zeit wurde nach einem 5:21-Lauf aus einer 83:70-Führung das 88:91-Endergebnis.

Da waren sie wieder, die zwei Gesichter des Teams Alba 2012/2013. Die Mannschaft erinnert an Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Es ist Obradovic nicht gelungen, eine Konstanz hinzubekommen. Sicher gab es störende Faktoren: Besagte Verletzungen, die Integration immer wieder neuer Spieler, der wirklich Kraft raubende Spielplan mit bisher 59 Pflichtspielen (davon 30 Niederlagen) in der BBL, dem deutschen Pokal und der Europaliga. All dies lieferte immer wieder Gründe für die unglaublichen Leistungsschwankungen zwischen den Spielen, ja nicht selten zwischen dem einen und dem anderen Viertel.

Nur 31 Tage nach dem Jubel über den Pokalsieg

Immer wieder wurde von den Verantwortlichen darauf verwiesen, dass erst ab Mai die Meisterschafts-Entscheidung falle. Man werde auf Dauer von der Europaliga-Erfahrung profitieren, die Integration der Neuen sei dann abgeschlossen. Doch nimmt man Partien wie gegen den Mitteldeutschen BC, gegen Meister Bamberg und eben gegen Trier als Maßstab, wirkte das Alba-Team zuletzt phasenweise wie eine Truppe, die erst am Anfang des Zusammenwachsens steht. Dabei kann die Mannschaft doch Großes leisten: Der Pokalsieg und das Erreichen des Top 16 in der Europaliga waren aller Ehren wert. Nicht zu glauben: Es liegen nur 31 Tage zwischen dem Jubel über den Pokalsieg im Konfettiregen und der Tristesse gegen Trier. Mr. Hyde ist zurückgekehrt...

Am Mittwochabend erklärte Sportdirektor Mithat Demirel, von physischer Müdigkeit könne keine Rede sein. „Es hat eher mit dem Mentalen zu tun, das Wollen muss da sein.“ Wobei kein Zweifel darin bestehen kann, dass die Mannschaft will. Aber immer wieder gibt es Phasen, in denen die letzte Intensität fehlt. Das Team kann kein Ergebnis verwalten, wie zum Beispiel diese 83:70-Führung. Jedes Nachlassen rächt sich sofort.

Als Fünfter oder Sechster ins Play-off

In den vergangenen Wochen war immer mal von atmosphärischen Störungen zwischen Trainer und Spielern, auch zwischen Klubführung und Profis zu hören. Dass dies nicht förderlich ist, kann sich jeder ausmalen. Nach der Niederlage gegen Trier soll es in den Katakomben der Arena zu einem lauten Wortgefecht zwischen Baldi und Obradovic gekommen sein. Sicher ist: Nur ein absolutes Miteinander kann Berlin in dieser entscheidenden Phase zurück in erfolgreiche Bahnen führen.

Eigentlich scheint es egal, ob Alba nun – ohne Heimvorteil – als Fünfter oder Sechster ins Play-off gehen wird. Ein Sieg gegen Bayreuth würde Rang fünf bedeuten, im Viertelfinale ginge es dann gegen Bayern München. Als Sechster hieße der Gegner Ulm. Schwer wird es allemal. Für Dr. Jekyll aber machbar. Da muss man nicht an Wunder glauben.