Ein Kalifornier aus Berkeley, mit langen Haaren und einem smarten, gewinnenden Lächeln – na klar, denkt man mit Blick auf sein Porträt: ein Rockstar. Einer ohne schwarzes Leder oder Tattoos, mehr der Typ, der surft und das Erbe der Mamas and Papas fortführt.

John Bryant spielt Gitarre, seine Körperlänge hat den Lebensweg allerdings schon früh in eine unmusikalische Richtung gelenkt. Er misst 2,11 Meter, rockt nicht die Bühnen dieser Welt, sondern als Center von ratiopharm Ulm die Basketball-Bundesliga (BBL).

Vor allem dank seiner Dominanz schafften es die Schwaben letzte Saison bis ins Finale. Bryant wurde wie auch bei den vergangenen beiden Allstar Games zum wertvollsten Spieler (MVP) gekürt. Mit 16,8 Punkten ist er zweitbester Scorer der BBL.

Auch am Sonnabend war er der zweitbeste Werfer seiner Mannschaft, als Ulm den Einzug ins Finale des BBL-Pokals gegen die Artland Dragons schaffte (86:77). Bryant steuerte 16 Punkte bei und trifft nun mit seinem Team heute im Finale auf Alba Berlin (15 Uhr).

Im kleinen Finale mussten sich übrigens die Basketballer der Artland Dragons mit Platz vier zufrieden geben. Die Niedersachsen unterlagen am Sonntag in Berlin mit 76:88 (43:43) gegen den FC Bayern München. Vor 6738 Zuschauern in der O2 World zeigte sich das Team von Bayern-Trainer Svetislav Pesic nach der Halbfinal-Niederlage gegen Alba Berlin leicht verbessert und hatte seinen besten Werfer in Jared Homan mit 17 Punkten. Bei Artland kam Bryce Taylor auf 28 Zähler.

Nur die Friseure profitierten nicht

Nach seiner College-Zeit in Santa Clara spielte Bryant eine Saison für die Erie Bay Hawks in der NBA Development League (NBDL), 2010 wechselte er nach Ulm. Von seinem Entschluss haben eigentlich alle profitiert, außer die Friseure der Stadt.

„Ich habe meine Haare nicht mehr schneiden lassen, seit ich in Ulm angekommen bin“, verrät der 25-Jährige, wie es zu seinem Markenzeichen, dem wallenden, braunen Haupthaar kam. „Jetzt sind sie wirklich sehr lang“, gesteht Bryant, der beruflich ja mehrmals täglich schwitzt, „aber bis zum Saisonende lass ich sie so.“ Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass sein Team-Kollege Omar Samhan wie angekündigt mit dem Rasierer Maß nimmt, sollte Ulm Meister werden.

Zu repressiven Maßnahmen wie vor seiner letzten College-Saison wird es jedenfalls nicht kommen. „Da sagte mir mein Coach, dass er mich suspendiert, wenn ich nicht bis vier Uhr beim Friseur war.“ Die Haare kamen ab, wuchsen aber wieder nach. In einer Unterredung ein Jahr zuvor mit dem Trainer waren wesentlich Grundsätzlicheres besprochen worden.

Derzeit wiegt Bryant 126 Kilogramm. „Fünf Kilo könnten vielleicht noch runter“, gesteht er und erzählt: „In meinem ersten Jahr an der Uni wog ich in etwa 180 Kilo, im zweiten noch 170. Ich hatte einfach Basketball gespielt, das Studentenleben und auch einiges an Eiscreme genossen.“

Möglich, dass Bryant Ulm im Sommer verlässt

Alles änderte sich mit diesem einen Gespräch. „Der Coach sagte, dass ich im Basketball Karriere machen könnte, wenn ich abnehmen und hart trainieren würde. Genau das tat ich von diesem Moment an und ich wollte es immer mehr und so ist es noch heute“, erzählt Bryant, der jetzt auch mit Hilfe seiner Freundin, Kasey Monteith, die günstigerweise Fitnesstrainerin ist, den Speiseplan kontrolliert.

Der Ehrgeiz ist geweckt. „Es gibt keine Grenze, nur die, die du dir selbst setzt und die kannst du, wenn du hart arbeitest, überwinden. Ich bin noch nicht am Ende der Straße.“ Der Entschluss, nach Ulm zu gehen, „hat meinen Horizont unglaublich erweitert und ich versuche immer, Neues zu entdecken. Ich bekomme oft Besuch von meiner Familie. Wir waren auch schon Paris, nach amerikanischen Maßstäben ist hier ja alles nicht weit entfernt.“

Gut möglich, dass Bryant Ulm im Sommer verlässt. Sein Vertrag läuft aus, und er hat auch im Eurocup seine Visitenkarten verteilt. Vielleicht sogar bis in die NBA. „Mein Plan ist, besser und besser zu werden und für jemanden, der in Amerika aufgewachsen ist, ist die NBA natürlich der große Traum. Daran denke ich auch, wenn ich im Kraftraum bin oder noch extra an meinem Spiel arbeite. Wenn es nicht klappt, werde ich alles geben, um in Europa die bestmögliche Karriere zu haben.“