Sie hatten allesamt Ringe unter den Augen. Und sahen mindestens genauso müde aus wie eine Woche zuvor nach ihrer Gdynia-Ludwigsburg-Rundreise, als sie Sonntagmittag vor Albas Trainingszentrum in Mitte aus dem Bus stiegen, der sie vom Flughafen abgeholt hatte. Dennoch gab es einen entscheidenden Unterschied: Albas Basketballer hatten nur 45 Stunden nach der knappen Niederlage im spanischen Malaga (62:67) in Trier ihre Serie von zuvor vier Niederlagen gestoppt, erzwangen dort noch die Verlängerung und siegten am Ende 88:80 (72:72, 35:36). Noch 19 Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit hatten sie dabei mit fünf Punkten zurückgelegen.
Spielmacher Heiko Schaffartzik zierte neben Augenringen auch noch eine geschwollene Nase. Triers Jarrett Howell hatte ihm mit einer massiven Attacke – halb mit dem Unterarm, halb mit dem Ellbogen – diese Verletzung zugefügt. Die Entscheidung der Schiedsrichter, nur ein unsportliches Foul zu pfeifen und kein disqualifizierendes, brachte Albas Coach Sasa Obradovic und Sportdirektor Mithat Demirel derart in Rage, dass beide alsbald der Halle verwiesen wurden.
„Schauspieler, Schauspieler!“
Es geschah kurz vor dem Ende des zweiten Viertels. Alba hatte als Team erst drei Fouls begangen und konnte sich noch eines leisten, ohne den Gefoulten an die Freiwurflinie zu schicken. Eine Allerweltssituation im Basketball, taktisch sinnvoll und auf allen Spielfeldern dieser Welt legitim. Schaffartzik foulte Howell dann auch, als dieser zum Korb zog. „Ganz normal“, erklärt Albas Spielmacher. „Als ich dann den Arm hob, um mich zu dem Foul zu bekennen, habe ich von ihm dann voll eins auf die Nase bekommen. Ich lag dann da und war auch ganz kurz weg. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich ‚Schauspieler, Schauspieler‘-Rufe und merkte, dass es irgendwie Tumulte gab.“
Und zwar vor der Bank der Berliner, die Howells Kommentar nach dem Spiel, dass es „ein ganz normaler Kontakt“ war und er „keinesfalls die Absicht hatte“, sein Gegenüber zu verletzen, schon im Moment des Geschehens nicht gelten lassen wollte. „So etwas habe ich in 20 Jahren Basketball noch nicht erlebt“, erregte sich Demirel. Der Ellbogen und/oder Unterarm zu Schaffartziks Kopf sei alles andere als „eine basketball-spezifische Bewegung“, schon gar nicht, „wenn das Spiel schon eine Sekunde zuvor unterbrochen wurde. Heiko wird die Nase gebrochen, und Sasa und ich fliegen raus“, ereifert sich Demirel – das ginge so nicht.
Jetzt drohen Geldstrafe oder sogar eine Sperre
Albas Sportdirektor hat dann während der Halbzeit den Schiedsrichtern gegenüber seinen Unmut in einem Maße deutlich gemacht, dass diese ihn mit einem disqualifizierenden Foul belegten. Jetzt drohen Geldstrafe und/oder Sperre, Coach Obradovic hat nichts zu befürchten, er kassierte „nur“ das dritte Technische Foul gegen die Bank, was dann den Regeln entsprechend automatisch zum Verweis führte.
Die Sicht Obradovic’ und Demirels, beide einstmals international tätige Spielmacher und mit allen Wassern gewaschen, wird – wie die Entscheidung der Referees zeigt – nicht von allen geteilt. Sicher ist, dass die Wucht, mit der Howell Schaffartzik traf, dadurch verstärkt wurde, dass sein eigener Mitspieler Albert Miralles wie eine Wand seinem Spielmacher den Ausweg nach hinten verstellte. Zudem fasste Schaffartzik auch noch nach dem Foulpfiff nach dem Ball, weshalb man Howells Attacke auch als Losreiß-Bewegung interpretieren kann, was die Schiedsrichter wohl getan haben. Allerdings: Ein Losreißen hat Demirel in den 20 Jahren schon öfter erlebt.
„Wir haben nicht zurückgesteckt“
Wie auch immer es war: Schaffartzik und sein Team standen vor der Wahl, mit einem „Die Welt ist schlecht und wir sind müde“ im Hinterkopf die fünfte Niederlage in Folge zu kassieren oder eben nicht. „Du fühlst dich nach einem Spiel, dass du hättest gewinnen können, nie gut“, sagt Obradovic, auf das Spiel in Malaga blickend. In Trier sei die Mannschaft im dritten Viertel noch durch Demirels und seinen Rauswurf „geschockt gewesen. Im vierten haben alle aber genau das umgesetzt, was wir in der Kabine besprochen hatten.“ Übrigens mit Schaffartzik, der wieder ins Spiel eingriff, als die Blutung gestillt war.
„Wir bekommen in der Bundesliga nichts geschenkt, jedes Mal geht es Knochen auf Knochen“, sagte Demirel. In Trier habe sein Team „nicht zurückgesteckt: trotz des Rückstands, trotz der gebrochenen Nase, trotz der Rauswürfe. Die Mannschaft hat Charakter gezeigt.“ Obradovic sprach von einem „wichtigen Sieg“ und bittet am Montagnachmittag wieder zum Training. Am Donnerstag (20.45 Uhr) trifft sein Team in der O2 World auf keinen Geringeren als Maccabi Tel Aviv. Natürlich mit Schaffartzik. „Ich bekomme schwer Luft und werde die Nase auch noch mal untersuchen lassen“, sagt Albas Spielmacher. „Aber sie war schon mal gebrochen. Ich kenne mich damit aus.“



