Vor genau zwölf Tagen wurden die Basketballer von Alba Berlin in der O2 World mit tosendem Applaus in die Kabine verabschiedet. Sie hatten gerade das Überraschungsteam aus Ulm mit 89:58 deklassiert und waren nach ihrem neunten Bundesliga-Sieg in Folge erstmals in dieser Saison Tabellenführer. Teil zwei des Planes, die Spitze bis zum Play-off-Start nicht mehr abzugeben, ging dann aber in nicht einmal zwei Wochen gründlich daneben. Niederlage in Quakenbrück (89:97), Heimpleite gegen Bonn (78:86) und als vorläufiger Tiefpunkt ein 65:84-Desaster bei Aufsteiger Würzburg. Über Weihnachten und Neujahr hat Alba den Boden unter den Füßen verloren . Aus luftiger Höhe folgte der Sturzflug in die Krise, vom Platz an der Sonne auf Rang vier der Tabelle. Zwischen Alba und Meister Bamberg liegen jetzt sechs Punkte.
Morgenpost Online: Haben Sie das Formtief, in das Ihre Mannschaft in so kurzer Zeit gerutscht ist, vorhergesehen?
Gordon Herbert: Nein, ich habe es nicht kommen sehen. Mir haben die beiden Trainingseinheiten vor dem Quakenbrück-Spiel nicht gefallen, und ich war besorgt. Aber wir hatten zuvor sehr guten Basketball gespielt, haben gut gereboundet und uns nur wenige Ballverluste geleistet, gehörten in beiden Kategorien zu den besten Teams der Liga. Jetzt sind wir wieder in die Fehler zurückgefallen, die wir am Anfang der Saison gemacht haben. Und der Grund dafür ist, dass wir in den letzten drei Spielen den Wettbewerb nicht mehr richtig angenommen haben.
Morgenpost Online: Was stimmte nicht in den beiden Trainingseinheiten vor dem Artland-Spiel?
Herbert: Das ist schwer zu sagen. Es fehlte irgendwie die Bereitschaft, richtig und hart zu trainieren. Das liegt in der Verantwortung jedes einzelnen, uns Trainer eingeschlossen. Quakenbrück und Würzburg sind sehr schwere Auswärtsspiele. Die zwei Niederlagen tun weh. Aber die Heimniederlage gegen Bonn hat mich am meisten geärgert. Auch da haben wir wie in Würzburg den Kampf nicht angenommen. Ich denke, dass wir das Spiel gewonnen hätten, wenn wir ein wirklich gutes Basketball-Team wären. Aber das sind wir noch nicht. Jetzt müssen wir zu allererst wieder den Wettbewerb annehmen und uns aus dieser Situation herausarbeiten.
Morgenpost Online: Fünf Ihrer Leistungsträger, Kyle Weaver, DaShaun Wood, Bryce Taylor, Derrick Allen und Marko Simonovic kamen in Würzburg auf insgesamt 14 Punkte – wie wollen Sie bei denen den Schalter wieder umlegen?
Herbert: Mich interessiert nicht wirklich, ob wir unsere Korbleger treffen. Mich interessieren die Verteidigung, das Rebounden, der Kampf um freie Bälle. Wer ein Championship-Team sein will, muss auch Drecksarbeit machen. Jeder. Im Moment geht da nur Sven Schultze mit Energie wie ein wahrer Führungsspieler ran. Alle anderen müssen zulegen. Wir waren ein Team von zehn Spielern, wo jeder da war, wenn es bei einem anderen nicht so lief. Da müssen wir wieder hinkommen. Und dabei nicht aus dem Fenster gucken, sondern in den Spiegel. Da nehme ich mich nicht aus.
Morgenpost Online: Was haben Sie im Spiegel gesehen?
Herbert: Dass wir auf einem schmalen Grat wandern. Ich habe den Spielern freigegeben, sie sollten sich mit anderen Dingen beschäftigen. Sie antreten zu lassen, rumzubrüllen und endlos per Video auf den Fehlern rumzureiten, hätte nichts gebracht. Es gibt einiges anzusprechen. Das werden wir auch tun, aber auch positiv bleiben, uns das ansehen, was wir tun, wenn wir guten Basketball spielen.
Morgenpost Online: Sie hatten neun Spiele in 27 Tagen, im Januar spielen Sie siebenmal. Durch die Verletzung von Yassin Idbihi fehlt Ihnen Power unter den Körben. Wird sich Alba noch einmal mit einem Großen verstärken?
Herbert: Ich habe darüber bislang weder mit Marco Baldi (Alba-Geschäftsführer, d.Red.) noch Mithat Demirel (Alba-Sportdirektor, d.Red.) gesprochen. Ich bin sehr zufrieden mit unseren Centern Torin Francis und Yassin Idbihi, die nach anfänglichen Schwierigkeiten zu einer Macht geworden waren. Und Derrick Allen kann ja auch die ganz große Position spielen.
Morgenpost Online: Ist Ihr Team vielleicht nicht einfach nur müde und läuft auf dem Zahnfleisch?
Herbert: Es wäre ein Wunder, wenn wir nach all den Spielen und den ganzen Reisen nicht müde wären. Aber sich da durchzubeißen, schafft mentale Härte. Wir müssen härter werden. Ich war nach den letzten beiden Niederlagen enttäuscht, weil wir innerlich nicht bereit waren, den Kampf anzunehmen. Natürlich haben wir auch nicht gut Basketball gespielt, aber unterm Strich steht: Wir waren nicht bereit.
Morgenpost Online: Am Donnerstag kommt der 15., Ludwigsburg, am Sonntag Schlusslicht Göttingen – die richtigen Gegner zur rechten Zeit?
Herbert: Mir ist es egal, gegen wen wir spielen. Wir haben uns selbst in ein Loch gegraben und müssen da jetzt raus – egal gegen wen.




