Leichtathletik-EM

Gesa Felicitas Krause: „Der Stolz wird einem genommen“

Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause über Motivationsprobleme durch zu langsame Dopingbestrafungen.

Gesa Felicitas Krause (M.) ist einer der Publikumslieblinge im Berliner Olympiastadion – egal, ob beim Istaf im Vorjahr oder jetzt bei der EMt

Gesa Felicitas Krause (M.) ist einer der Publikumslieblinge im Berliner Olympiastadion – egal, ob beim Istaf im Vorjahr oder jetzt bei der EMt

Foto: Hendrik Schmidt / picture alliance / Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin.  Als Gesa Felicitas Krause am Freitag ihren EM-Vorlauf über 3000 Meter Hindernis absolvierte, wurde es laut im Olympiastadion. Und das schon zur Mittagszeit. Die 26-Jährige ist ein Publikumsliebling. Die Popularität verdankt die Hessin auch einem Sturz. Im WM-Finale vergangenes Jahr kam sie unverschuldet zu Fall. Anschließend beklagte sie sich nicht, verblüffte mit Fairness und Sportsgeist. In Berlin will Krause nun ihren EM-Titel verteidigen.

Frau Krause, Sie haben sich bis zuletzt in den Schweizer Bergen auf die EM vorbereitet. Die Bilder sahen fast nach Urlaub aus.

Gesa Felicitas Krause: Ja, ich habe mich wie schon in den Jahren davor in Davos vorbereitet. Die Berge strahlen eine unglaubliche Ruhe aus, alles ist sehr harmonisch – gerade als Kontrast zu dem Trubel, der dann in Berlin auf einen wartet.

Aber mit Urlaub hatte Ihr Tagesablauf vermutlich nichts zu tun, oder?

Das stimmt. Ich hatte zwar wirklich keinen Stress, fuhr an freien Tagen auch mal mit der Bergbahn rauf. Aber vor allem konnte ich mich auf das Wesentliche konzentrieren und habe nun die nötige Frische für Berlin.

Das Wesentliche bedeutet: Die Verteidigung des EM-Titels über 3000 Meter Hindernis?

Es ist ein großer Traum, klar. Aber die Vorstellungskraft allein reicht nicht. Mein Start in die Saison war nicht so stark. Ich bin derzeit nur die Nummer sechs in Europa, damit ist man nicht in der Favoritenrolle. Dennoch möchte ich mir den Traum von einer Medaille im eigenen Land erfüllen.

Wie erklären Sie sich den schwachen Start in die Saison?

Wir haben das Training mit Blick auf Olympia 2020 verändert. Das hat mich allerdings mehr strapaziert, als wir gedacht hätten. Mit den Auswirkungen haben wir so nicht gerechnet. Das zeigt aber, dass im Sport eben nicht alles zu 100 Prozent planbar ist.

Bei der Deutschen Meisterschaft haben Sie dann aber souverän Ihren Titel verteidigt.

Ja, das war mein Ziel. Aber ich war vor dem Start so nervös wie lange nicht mehr. Mit der Zeit war ich auch noch nicht zufrieden. Ich bin da sehr ehrgeizig und eine so schwache Phase kannte ich bisher von mir nicht. Ich hoffe, dass ich in Berlin das, was ich in Nürnberg angedeutet habe, noch einmal steigern kann.

Wenn Ihr großes Ziel Olympia heißt, ist die EM dann nur eine Etappe?

Der Traum ist ganz klar eine Medaille in Tokio, darauf richten wir jetzt alles aus. Aber eine EM im eigenen Land nimmt man nicht nur nebenbei mit. Das ist etwas ganz Besonderes. Ich weiß nicht, ob ich so etwas noch einmal in meiner Karriere erleben werde. In Berlin ist eine ganz, ganz tolle Stimmung. Die Gedanken daran sind es, die einem helfen nach vorne zu schauen, wenn es mal nicht so gut läuft. Wenn ich an diese besondere Atmosphäre denke, dann kann ich das in positive Energie umwandeln.

Spüren Sie als WM-Dritte von 2015, als amtierende Europameisterin einen besonderen Erwartungsdruck?

Den spürt man immer. Aber letztlich kommt meine große Konkurrenz aus Ländern wie Kenia oder den USA, für die ist es wenig interessant, was ich in einem europäischen Rennen zeige.

Mit ihnen werden sie sich bei der WM 2019 in Doha wieder messen. Bei der WM im Vorjahr waren Sie zwar nach einem unverschuldeten Sturz im Finale nur als Neunte ins Ziel gekommen, trotzdem erhielten Sie für Ihren Umgang mit der Situation mehrere Auszeichnungen. Sie wurden sogar zur Leichtathletin des Jahres gewählt. Was bedeutet Ihnen das?

Im ersten Moment war ich damals einfach nur enttäuscht und konnte gar nicht verstehen, was die Leute in mir gesehen haben. Das war wie eine Art Trostpreis. Als dann aber die Preisverleihungen einige Monate nach London anstanden, hatte ich die Situation verarbeitet und habe mich unwahrscheinlich gefreut, dass Leute in mir ein Vorbild sehen. Ich hätte nicht gedacht, dass man mich noch einmal hätte trösten können. Heute kann ich mit dem Rennen leben, es ist ein Teil meiner sportlichen Geschichte.

Hat sich die Fanpost, die Sie erhalten, seitdem verändert?

Ja, auf jeden Fall. Viele haben mir geschrieben, dass ich sie inspiriert hätte. Es macht mich stolz, junge Leute für die Leichtathletik zu motivieren.

Sie haben noch eine weitere Ehrung erfahren: Bei der Hallenmeisterschaft in Dortmund haben Sie Anfang des Jahres nachträglich Bronze für die EM 2012 erhalten. Die ursprünglich Zweitplatzierte Svitlana Schmidt aus der Ukraine war wegen Dopings nachträglich disqualifiziert worden. Wie haben Sie die Medaillenübergabe empfunden?

Es sollte ja eigentlich ein schöner Moment sein, weil man die Medaille erhält, die man sich verdient hat. Aber die Zeitspanne zwischen 2012 und 2018 ist einfach zu groß. Natürlich bin ich glücklich über die Richtigstellung. Aber es ist etwas anderes, wenn man die Medaille und Anerkennung vor Ort bekommt. Der ganze Stolz, die Motivation für die nächsten Schritte werden einem genommen. Ich war damals sehr traurig, dass ich diese Medaille nicht gewonnen hatte. Das kann einen auch runterziehen. Ich hatte aber das Glück, dass ich die Erfahrung in Motivation ummünzen konnte und danach noch internationale Erfolge feiern konnte. Andere schaffen das dann nicht mehr, zerbrechen an ihrer Enttäuschung.

Also finden Sie, der Kampf gegen Doping müsste unmittelbarer werden?

Der Kampf gegen Doping ist grundsätzlich richtig. Aber die Aufklärung im Nachhinein ist problematisch. Ich finde es schade, dass nicht viel früher gedopte Athleten überführt werden. Sicher sind die nun geplanten Trainingskontrollen, gerade in der Vorbereitung, ein Schritt in die richtige Richtung. Aber da müsste es noch mehr geben, Schnelltests unmittelbar vor den Wettkämpfen zum Beispiel. Wir leben in einer hoch technologisierten Welt. Da stellt sich doch die Frage: Warum kann Doping erst Jahre später aufgeklärt werden?

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