Kommentar

Was Christoph noch von Robert Harting lernen muss

Berliner-Morgenpost-Redakteur Dietmar Wenck über zwei sehr ungleiche Brüder.

Robert (vorn) und Christoph Harting haben sich nicht viel zu sagen

Robert (vorn) und Christoph Harting haben sich nicht viel zu sagen

Foto: pa

Berlin. Die Prognosen lagen nahe: Christoph Harting kann bei der EM in Berlin Gold gewinnen. Robert Harting soll ruhig seinen würdigen Abschluss bekommen – aber eine sportliche Chance hat er nicht. Der 28-jährige Christoph präsentierte sich die Saison über in guter Form, gewann den deutschen Meistertitel mit nur einem Wurf, war gesund und fühlte sich stark wie lange nicht. Sein fünfeinhalb Jahre älterer Bruder schleppte sich in der Vorbereitung mit einem Sehnenanriss im Knie herum und schaffte es gerade so, für die Titelkämpfe in Berlin nominiert zu werden.

Das Ende ist bekannt. Der Favorit blamierte sich in der Qualifikation bis auf die Knochen, blieb ohne gültigen Versuch. Dabei, sagt er, werfe er 63 Meter aus dem Stand. Robert Harting hätte trotz aller negativen Vorzeichen fast die Bronzemedaille gewonnen. Es fehlten 81 Zentimeter. Für seine kämpferische Leistung wurde er zu Recht gefeiert.

Man würde es sich zu einfach machen mit dem Urteil, Christoph Harting fehle ja nur die Bereitschaft, sich zu quälen. Das tut er, sonst wäre er nicht in der Lage, den Diskus so weit zu schleudern, wie er es schon getan hat. Er ist nur anders als sein Bruder nicht willens, alles dem Sport unterzuordnen. Das muss man nicht gut finden, aber ist er dafür jemandem Rechenschaft schuldig? Man muss es ja auch nicht gut finden, dass das Berliner Publikum Robert Har­ting einen so schönen Abschied bereitet hat und er danach trotzdem mehr über seine Leistung haderte, als sich daran zu erfreuen. Er kann offenbar selbst jetzt nicht loslassen in seinem Ehrgeiz. Andererseits hat genau diese Verbissenheit ihm drei WM-, zwei EM-Titel und einen Olympiasieg eingebracht.

Den feierte 2016 in Rio auch Christoph Harting. Er bringt alle körperlichen Voraussetzungen mit, weitere Medaillen folgen zu lassen. Nur wahrscheinlich nicht, wenn er weitermacht wie bisher. Nach seinem Scheitern in Berlin hat er gesagt, er müsse jetzt einiges hinterfragen. Das klingt nach einem Sinneswandel, der ihm sportlich weiterhelfen kann. Die Chancen werden für einen 28-Jährigen seltener. Auf die WM nächstes Jahr in Katar hat er keine Lust. Für ihn zählen ja nur Olympische Spiele. Aber ist es von ihm nicht etwas naiv zu glauben, dass er 2020 in Tokio Olympiasieger wird, wenn er in einer EM-Qualifikation nicht mal einen von drei Versuchen unfallfrei aus dem Ring bekommt?

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