Urs Fischer ist unzufrieden. Das ist nach einer Niederlage durchaus verständlich. Doch der Trainer des 1. FC Union haderte am Tag nach dem 1:2 beim FC Augsburg auch mit dem Gegner. „Ich habe ihm gesagt, dass ich enttäuscht bin über seine Leistung“, erzählt der Schweizer. Das Urteil war an Rafal Gikiewicz gerichtet, Unions ehemaligem und Augsburgs jetzigem Torwart, zugleich der Matchwinner beim Duell am Sonnabend. Ein Augenzwinkern inklusive.
Es liegt in der Natur der Sache, dass man bei den Köpenickern immer auch die Qualitäten des Gegners herausstellt, wenn es eine Niederlage setzt. Langjährige Erstligisten haben – zumindest gefühlt – mehr spielerisches Potenzial als ein Verein, der erst in seinem zweiten Erstliga-Jahr unterwegs ist.
Doch Fischer verortete den verpatzten Rückrundenauftakt nicht beim Kontrahenten, sondern bei der eigenen Mannschaft. „Es hat in erster Linie an uns gelegen“, sagt Fischer. Allein dies dokumentiert die neue Qualität, mit der Union im Januar 2021 unterwegs ist. Eine Qualität, die nicht nur noch ausschließlich auf das Erreichen des Klassenerhalts ausgerichtet ist, sondern mit der die Köpenicker auch mehr erreichen können.
Union Berlin muss aus Augsburg mehr mitnehmen
Die Voraussetzung ist natürlich, dass die Mannschaft aus den Fehlern und den Umständen, die zur vierten Saisonniederlage geführt haben, lernt. Allein der Umstand, nun erstmals in diesem bislang so positiv verlaufenen Spieljahr zwei Niederlagen am Stück kassiert zu haben, kann zu einer kleinen Herausforderung für die Mannschaft werden.
„Was das auslösen kann?“ Fischers Frage folgt eine kurze Pause ehe er erklärt: „Für uns ist wichtig, dass wir in Leipzig wie auch in Augsburg zwei gute Spiele gemacht haben. Dass wir in Augsburg eigentlich mehr hätten mitnehmen müssen. Aber es ist heutzutage eng, da geht es über Details, zum Beispiel effizient zu sein. Du wirst nicht 20 Möglichkeiten bekommen, um ein Tor zu erzielen.“ In Augsburg schoss Union fünf Mal auf das Tor, darunter Marcus Ingvartsen vom Elfmeterpunkt. Doch nur Ingvartsens Schuss von der Strafraumgrenze traf.
Union ist bereits Mitte der Saison an einem Punkt angekommen, an dem die spielerische Entwicklung, die die Mannschaft seit Sommer genommen hat, an ihre Grenzen stößt. Diese zu überschreiten, ist der nächste der von Fischer angekündigten Schritte auf dem Weg zu einem gestandenen Bundesligisten.
Union Berlin muss effizienter werden
„So viele Spiele hatten wir noch nicht, wo eine Mannschaft so tief stand. Auch wenn ich den Ballbesitz anschaue, 60:40 Prozent – das sind Erfahrungen, die du machen musst“, verdeutlicht Fischer. In der Hinrunde lag der durchschnittliche Ballbesitz bei 43 Prozent.
Und natürlich stellte Fischer das Positive heraus. Auch als Beleg für die spielerischen Möglichkeiten, die sich seine Mannschaft seit dem Klassenerhalt erarbeitet hat. „Wir haben unheimlich viele Bälle erobert, gerade im Gegenpressing“, zählt der Union-Trainer also auf. Auch im Spiel über die Flügel „hatten wir sehr viele Aktionen“, 26 Flanken hat der Schweizer notiert.
Aber auf den letzten 30 Metern hat zum Teil die letzte Konsequenz gefehlt, es gab teilweise falsche Entscheidungen. Da muss aus den Möglichkeiten, die wir hatten, mehr herauskommen“, nennt Fischer den Hauptaspekt seiner Spielanalyse.
Union Berlin ist aktiver auf dem Platz
Schließlich erlaubt sich der 54-Jährige noch einen Rückblick auf das Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg (2:2). Union hatte dort in der zweiten Halbzeit lange in Überzahl gespielt, den Vorteil jedoch nur bedingt nutzen können. „Auch wenn sich Wolfsburg gegen Ende zurückgezogen hat, gab es eine Phase nach dem Platzverweis, in der Wolfsburg sehr dominant auftrat. Wir waren da zu passiv“, erinnert sich Fischer.
Das habe sich nun geändert, wohl wissend, dass ein Spiel Elf gegen Elf ohnehin ein anderes ist. „Diese Passivität, die wir gegen Wolfsburg hatten, war gegen Augsburg überhaupt nicht da. Wir sind immer wieder angelaufen und haben versucht, die ganze Breite des Platzes zu gebrauchen“, bilanziert Fischer. Aktivität auf dem Platz, wie sie auch im kommenden Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky) in der Alten Försterei nur hilfreich sein kann.
Kurzum: Die Niederlage in Augsburg wird Union in die Kategorie „selbst schuld“ verorten müssen. Zeigt die Mannschaft erneut, wie sie aus solchen Fehlern lernen kann, ist der Klassenerhalt nur noch eine Frage der Zeit. Und der Blick kann sich neuen Zielen zuwenden.


