Am Vormittag war Günter Voß schon in der Raumstation ISS. Das Alter seiner Mitreisenden: zwischen 61 und 82 Jahren. Lachend fügt der 68-Jährige hinzu: „Natürlich nur virtuell über eine App“. Aber auch im wirklichen Leben sind die Mitglieder vom SeniorenComputerClub Berlin-Mitte im Kreativhaus e.V. aufgeschlossen für Neues. „Wir warten noch auf eine Gruppenermäßigung für den Besuch im Weltraum“, scherzt Clubkoordinator Günter Voß.
Seit 17 Jahren gibt Voß, ehemals Produktionsleiter im Dokumentarfilmstudio der DEFA, Computerkurse für Senioren. Seit acht Jahren ist er ehrenamtlich „Mädchen für alles“ beim Club. Das Wissen, das er braucht, hat er sich autodidaktisch angeeignet. Alt im Kopf fühlt er sich nicht. „Wer sich immer wieder neuen Herausforderungen stellt, bleibt geistig jünger“: Davon ist der Mann mit dem mächtigen Schnauzer überzeugt.
Die Forschung gibt ihm recht. Dass die Kapazität des Gehirns im Laufe des Lebens abnimmt, so dass man ab einem bestimmten Punkt nicht mehr lernen kann, hat die Wissenschaft längst widerlegt. Die Ursache für einen möglichen geistigen Abbau, hat man festgestellt, liegt häufig im mangelnden Training. Denn nur durch geistige Aktivität werden die Verbindungen zwischen unseren Gehirnzellen gestärkt und neue Synapsen gebildet. Durch Lernen kann man im Kopf also fit und beweglich bleiben.
Heute weiß man auch: In einigen Punkten sind ältere Menschen jüngeren beim Lernen sogar überlegen. Zwar lässt die Lerngeschwindigkeit tendenziell nach und das Kurzzeitgedächtnis ist weniger agil. Dafür funktioniert das Langzeitgedächtnis bei Älteren besser. Und auch ihr größeres Vorwissen und ihre Lebenserfahrung sind von Vorteil: weil das Gehirn neue Eindrücke mit vielen bereits bestehenden verknüpfen kann.
Um mit den Enkeln in Kontakt zu bleiben, gehen sie ins Netz
Die Menschen, die in den SeniorenComputerClub kommen, verbindet die Freude, Neues zu entdecken – und die Lust, sich mit anderen auszutauschen. Der Senior im Club ist 93. Seinen ersten Computerkurs belegte er mit 89. Das Nesthäkchen ist 57. Angst sei es nicht, was andere Senioren davon abhalte, sich ihnen anzuschließen, sagt Clubkoordinator Günter Voß. Er spricht lieber von einer Hemmschwelle. „Wir bemühen uns, die so niedrig wie möglich zu halten.“ Und er macht Mut: „Man muss sich nur trauen anzufangen.“ Senioren würden allzu oft unterschätzt. „Dabei sind wir Alten doch smart“, sagt er. „Wir hinterfragen und bewegen eine Menge.“
Die treibende Kraft, sich mit den neuen Medien zu beschäftigen, sind häufig Enkel und Urenkel. Um mit ihnen in Kontakt zu bleiben, müssen auch Oma und Opa mit der Zeit gehen und sich mit Laptop, Tablet und Smartphone vertraut machen. Manchmal nicht ganz freiwillig, wie Regina (73) sagt. „Ein bisschen wird man dazu schon gezwungen“, sagt sie. „Überall heißt es: Gucken Sie im Internet.“
Regina hat als Krankenschwester und Zahntechnikerin gearbeitet. Sie kommt seit zehn Jahren mehrmals pro Woche in den Club. Außer dem PC-Training hat sie auch schon einen Smartphone-Kurs besucht. Inzwischen ist Regina firm im World Wide Web. Sie informiert sich online über Reisen und Kulturveranstaltungen, schlägt in Lexika nach, macht Homebanking und Onlineshopping. Es kam sogar schon vor, dass sie ihren Enkeln etwas erklären konnte. Und nicht nur das. Mit dem PC-Training ist Reginas Aktivitätsbedürfnis noch nicht gestillt. Daneben lernt sie auch noch Englisch und besucht einen Sportclub.
Lebenslange Lernbereitschaft gehört heute dazu
Lebenslanges Lernen, in Bewegung bleiben: Das ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Niemand kann sich mehr auf dem, was er in der Schule, der Ausbildung oder im Studium gelernt hat, bis zum Rentenalter ausruhen. Im Arbeitsleben fordern technische Innovationen, Umstrukturierungen, Fusionen und Expansionen dazu heraus, sich immer neue Kenntnisse anzueignen. Berufe sterben aus oder ändern sich so gravierend, dass Menschen sich auf ihrem Lebensweg neu erfinden müssen oder wollen.
Und auch im Privaten geht der Fortschritt an niemandem vorbei und verlangt Flexibilität und Lernbereitschaft. Wenn Bankfilialen schließen und Onlinebanking notwendig wird, wenn der Supermarkt flächendeckend Scannerkassen einführt, die der Kunde selbst bedienen muss, bleibt nur eins: lernen, um Schritt zu halten – auch im reiferen Alter. Zumindest, wenn man den Anschluss nicht verlieren will und sich in der Mitte der Gesellschaft wohler fühlt als am Rand.
Gut, wenn das Lernen dann auch noch Spaß macht und neue Freundschaften mit sich bringt. So wie bei den Mitgliedern des Seniorenclubs Herthastraße, einer Einrichtung der Wilmersdorfer Seniorenstiftung. Der Club ist für die Lernbedürfnisse von Menschen ab 55 bestens gerüstet. Von neun Uhr morgens bis spät in den Abend werden unter der Woche täglich mehr als zehn Kurse angeboten. Man kann dort Spanisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch und sogar Chinesisch büffeln. Die Kreativität lässt sich in Mal-, Puppenbau-, Kalligrafie- und Fotokursen schulen. Wer technisch etwas nachzuholen hat, belegt das PC- oder Internet-Programm. Auch Philosophieren, Schreiben, Bridge spielen, Gedächtnistraining und einen Chor gibt es. Und jede Menge körperliche Aktivitäten: von Tai Chi, Afrikanischem Tanz und Yoga über Gymnastik und Zumba bis hin zu Line Dance und Tischtennis.
Kleine Erfolgserlebnisse
Wir dürfen heute beim Chinesisch-Kurs dabei sein. Der Kurs trifft sich jeden Donnerstag um 16.30 Uhr. Neben Jürgen (71), Jutta (68) und Charlotte (71) sind heute Lucy (69), Christel (75) und Uta (74) dabei. Wegen des sonnigwarmen Wetters ist der Kurs auf die Terrasse im Garten gezogen. Sieben Köpfe neigen sich über die Zeitung in der Mitte des Tisches. Schwarze, blonde, graue Haarschöpfe, im Kreis gruppiert, damit alle etwas sehen können. Oben in den Bäumen zwitschern die Vögel, unten am Tisch, neben Rollatoren und Gehstöcken, schnattern sechs Frauen und ein Mann durcheinander. Lehrerin Ying Liu hat eine chinesische Zeitung mitgebracht, ihre Schülerinnen und Schüler versuchen, die Schriftzeichen zu entziffern.

Jürgen findet das Datum „5. Mai“ und schaut stolz zu seiner Frau Jutta, die neben ihm sitzt. „Da, Déguó: Das heißt Deutschland“, ruft Charlotte aus. Die 71-Jährige mit der roten Brille freut sich: „Ha! Ist doch was hängen geblieben!“ Ying Liu lächelt und streicht sich ihre langen schwarzen Haare aus dem Gesicht. „Diese Statue ist eine Brücke für die deutsch-chinesische Freundschaft“, liest sie die Überschrift des Artikels vor. Das Foto zeigt ein fünfeinhalb Meter hohes Denkmal von Karl Marx, das am 5. Mai in Trier enthüllt wurde – ein Geschenk aus China an die Heimatstadt des weltberühmten Ökonomen zu seinem 200. Geburtstag. „Und das hier ist Shi Mingde, der Botschafter Chinas in Berlin“, ergänzt Ying Liu und zeigt auf ein kleines Portätfoto.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Chinesisch-Kurses kennen sich seit mehreren Jahren. „Hier geht es nicht nur um die Sprache, wir reden und lernen auch viel über die chinesische Kultur“, sagt Jutta. Ihr Mann Jürgen nickt. Etwas über das ferne Land erfahren: Das ist es, was ihn in den Chinesisch-Kurs zieht. Das Ehepaar genießt die geistige Anregung. „Durch das Lernen bleiben die Gehirnzellen fit und man hat kleine Erfolgserlebnisse, wenn man mal einen Satz richtig ausgesprochen hat“, sagt Jutta. Jeden Donnerstag, sagt sie, gehe sie mit Jürgen zufrieden heim und denke sich: „Wieder was gelernt!“
Früher wurde gestrickt, heute wird gebüffelt
Maud Meinel, Leiterin des Seniorenclubs Herthastraße, weiß, was ihre Klientel wünscht – und dass das Angebot immer wieder an die Bedürfnisse angepasst werden muss. Stand früher in Seniorenzirkeln beschauliches Handarbeiten wie Stricken und Häkeln hoch im Kurs, gab es später den Trend zu aufwendigen Exkursionen. Jung gebliebene Arbeitnehmer, die vorzeitig in Rente gegangen waren, hatten reichlich Zeit und Kraft für Ausflüge und Reisen.
Heute sind die meisten Club-Besucher um die 70 Jahre alt. Sie kommen aus Charlottenburg-Wilmersdorf, einige auch aus Steglitz oder Kreuzberg – wegen des großen Angebots und der guten Busverbindung. Es geht ihnen darum, mit Gleichgesinnten Hobbys zu pflegen oder sich lang gehegte Wünsche zu erfüllen, etwa das Erlernen einer Sprache. Auch der Drang, fit und aktiv zu bleiben, spielt eine Rolle – und die soziale Anbindung. Es gibt regelmäßig Feste im Club und eine Cafeteria. Hier kann man sich vor und nach den Kursen treffen, plaudern und Kontakte ausbauen.
Im Chinesisch-Kurs herrscht schon während des Lernens eine freundschaftlich-ungezwungene Atmosphäre. Frontalunterricht gibt es nicht, gepaukt wird miteinander und mit der Fibel „Das neue praktische Chinesisch-Lehrbuch“.
Gelernt wird in lockerer Runde
Ying Liu legt die chinesische Zeitung mit dem Artikel über das Marx-Denkmal beiseite und bittet ihre Schülerinnen und Schüler, jeweils einen Satz aus der Fibel vorzulesen. „Zhè shì bu...“ beginnt Jutta, was sich anhört wie „Schell schi buh“. Fragend schaut sie zu Ying Liu, die nickt ermutigend. Dann ist Uta an der Reihe.
Aufmerksam hören die Kursteilnehmer einander zu und verbessern gegenseitig ihre Aussprache. Und alle freuen sich, wenn jemand einen persönlichen Gedanken zum Text beisteuert. Etwa in Lektion 8, wo ein Hund namens „Bei Bei“ auftaucht, ein Kosename ähnlich wie „Bao Bao“. Schnell ist die Gruppe über diesen Namen, den der 2012 verstorbene Große Panda im Berliner Zoo trug, bei den neuen Publikumslieblingen Meng Meng und Jiao Qing. „Mögen die sich jetzt eigentlich?“, will Jutta wissen. „Nö, den Eindruck hatte ich nicht, ich war neulich erst im Zoo“, erzählt Christel. „Ich glaube, die wollen nichts voneinander wissen.“ Ein paar flapsige Bemerkungen, einige Lacher – dann geht es weiter im Stoff.

Warum aber haben sich Jutta, Christel und die anderen für Chinesisch entschieden? Diese Sprache, in der man endlos viele Schriftzeichen auswendig lernen muss, weil jedes Zeichen ein Wort bedeutet? Selbst ein hochgebildeter Professor, gibt Lehrerin Ying Liu zu, könne niemals alle Schriftzeichen beherrschen. Sie selbst, erzählt sie, sei schon mit drei Jahren von ihrer Mutter angehalten worden, Schriftzeichen zu malen, um in der Schule mitzukommen. Später studierte Ying Liu chinesische Literaturwissenschaft. Seit mehr als 20 Jahren lebt sie in Berlin und arbeitet als Dolmetscherin und Privatlehrerin. „Immerhin gibt es so gut wie keine Grammatik im Chinesischen“, sagt sie. Dafür eine andere Hürde: Schon eine leichte Variation in der Aussprache kann einer Aussage einen völlig anderen Sinn geben.
Der Ehrgeiz erwachte im Reich der Mitte
Davon kann Jutta erzählen. Seit sie denken kann, ist die 68-Jährige vom Reich der Mitte fasziniert. 1989, sagt sie, habe sie mit ihrem Mann Jürgen China bereist. „Gleich am ersten Tag wollte ich im Bus den Fahrer freundlich in seiner Sprache begrüßen. Doch statt ebenfalls ,Guten Tag’ zu sagen, schüttete er sich aus vor Lachen“, erzählt Jutta. Sie erfuhr, dass sie ihn wegen ihrer fehlerhaften Aussprache mit dem Satz „Ich muss Pipi machen“ angesprochen hatte. Die anderen Kursteilnehmer lachen. Sie kennen die Anekdote schon, finden sie aber immer wieder gut. Nicht zuletzt, weil sie sie an eigene Erlebnisse erinnert, etwa beim Bestellen im China-Restaurant.
Das Missverständnis weckte Juttas Ehrgeiz, die Sprache zu lernen. Vielleicht auch gerade, weil sie so schwierig ist: „Englisch, Französisch: Das kann doch jeder“, sagt sie und lacht.
Auch bei Lucy stand ein persönliches Erlebnis am Anfang ihrer Lernkarriere. Die geborene Peruanerin hat aufgrund der Arbeit ihres deutschen Mannes schon an vielen Orten in der Welt gelebt, unter anderem in Taiwan. Dort praktizierte sie Karate und bekam zum Abschied von ihrem Lehrer eine Karte mit chinesischen Schriftzeichen geschenkt. „Ich wollte unbedingt verstehen, was darauf steht“, sagt sie. Mittlerweile schätzt Lucy auch die anderen Projekte, die Ying Liu mit der Gruppe umsetzt. So haben alle in wochenlanger Arbeit kunstvolle Masken für das chinesische Mondfest angefertigt, das im Club gefeiert wurde. Das jährliche gemeinsame Essen beim Chinesen ist ebenfalls ein Höhepunkt im Kalender.
Geschichte und Geschichten teilen
Uta nennt ihr Interesse am Land als Motivation, den Kurs zu besuchen. „Die Kultur, die politischen Verhältnisse, die Kindererziehung: Das finde ich spannend.“ Alles wird offen und kritisch mit Ying Liu diskutiert, Tabus gibt es nicht. Auch nicht, was das eigene Leben angeht. So antwortet die Lehrerin auf die Frage, was ihr am Unterrichten im Seniorenclub Spaß mache, dass sie auf diese Weise erfahrenere Menschen kennenlerne.
„Bei uns in China hat man Respekt vor dem Alter und vor der Lebenserfahrung“, sagt Ying Liu. „Ich höre hier viele Lebensgeschichten, nehme an Schicksalen teil. Das interessiert mich und berührt mich sehr.“ Auch sie selbst erzählt den anderen gern von ihrem Leben. So kennen alle die Fotos von ihrem Mann, ihrem Sohn und dem international bekannten chinesischen Konzeptkünstler Ai Weiwei, mit dem die Familie seit vielen Jahren befreundet ist.
Gemeinsam neue Blickwinkel entdecken
„Menschen brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können. Aufgaben, die bewältigbar sind, ermöglichen uns die positive Erfahrung, dass wir etwas bewirken, bewegen, gestalten können, auch wenn es bisweilen anstrengend ist“, sagt Hirnforscher Gerald Hüther. Die erfolgreiche Bewältigung von Herausforderungen stärke das Gefühl von Selbstwirksamkeit.
Der Chinesisch-Kurs fordert die Lernenden heraus und eröffnet ihnen neue Perspektiven. Im Senioren-PC-Kurs in Mitte müssen die Teilnehmer technische Hürden überwinden. Zugleich ist das Internet ihr Fenster zur Welt, das sie nicht mehr missen möchten.
Die ehemalige Verwaltungsmitarbeiterin Christel (81) schätzt, dass sie über das Internet Zugang zu wichtigen Informationen erhält, zum Beispiel über Gesundheit. Nur 18 Prozent aller Menschen in Deutschland leben noch ohne Computer, hat sie gelesen. Sie vermutet, dass diese überwiegend älteren Menschen nicht mehr alles mitbekommen. Das will sie vermeiden. Dieter (82), ehemals Kellner in der gehobenen Gastronomie und Flughafenverkehrsleiter, hat im Kurs gelernt, routiniert E-Mails zu schreiben. Er kann Unterlagen scannen und verschicken und Fotos bearbeiten. Dank seines Berufs ist er viel herumgekommen und hat Sprachen gelernt: Englisch, Französisch und Spanisch. Im Moment lernt er weiter Spanisch. Am Lernen gefällt ihm auch, dass er sich mit anderen austauschen kann und Spaß hat. Das eint ihn mit zahlreichen lernenden Senioren. Für viele von ihnen ist der soziale Zusammenhalt ein Ankerpunkt. Einsamkeit im Alter kann tödlich sein, das gemeinsame Lernen ist gut für den Kopf – und für die Seele.
Lernen macht glücklich
Auch wer Vorwissen hat, kann von den Kursen profitieren – gerade im Bereich Technik. So ist Peter (67) als Journalist für Tageszeitungen und Technikmagazine mit Schwerpunkt Musiksoftware zwar vom Fach. Schon Mitte der 1980er-Jahre hat er mit einem Computer gearbeitet. Dennoch kann auch er immer noch dazulernen, zum Beispiel den Umgang mit dem Betriebssystem Android. Zu Hause produziert Peter Techno-Musik mit dem eigenen Tonstudio auf dem Rechner. Sein Offline-Tonstudio hat er längst abgeschaltet.

„Die technische Entwicklung schreitet so rasant voran, das hätte selbst ich nicht gedacht“, sagt Computer-Experte Bogdan Przezdziak (70). Er hat den SeniorenComputerClub, der sich selbst finanziert, vor rund zehn Jahren gegründet und gibt bis heute sein Wissen weiter. 1969 hat der gebürtige Pole in Warschau am Institut für Rechenmaschinen selbst seinen ersten Computer gebaut. Damals waren die Rechner noch drei, vier Meter lang und hoch wie Schränke. In der Forschungs- und Entwicklungsabteilung hat er als Programmierer und Systembetreuer gearbeitet.
Sich mit Neuem zu beschäftigen hat Bogdan Przezdziak nie gestört. Eigentlich habe er sein Leben lang immer weitergelernt, sagt er. Sich weiterzuentwickeln gehört für ihn zum Lebensglück. Auch wenn er beobachtet, dass die Gesellschaft die Grauhaarigen häufig nicht so ernst nimmt, bleibt er gelassen und kontert: „In zehn Jahren sind die anderen auch Senioren!“ Einen geistigen Abbau kann er bei sich nicht feststellen – im Gegenteil. Der 70-Jährige glaubt sogar, dass man im Alter immer besser werden kann. „Wenn man mehr Zeit hat, kann man sich mit Problemen tiefer beschäftigen.“
Endlich an die Uni – mit der Gasthörer-Card
Einen großen Vorteil haben ältere Lernende in jedem Fall. Das weiß Felicitas Wlodyga, Gründerin und Leiterin des Gasthörer-Card-Programms der Freien Universität Berlin (FU). „Anders als junge Studierende haben ältere Erwachsene die Möglichkeit, das zu lernen, was sie wirklich interessiert und was ihnen Freude macht. Oder auch, was sie schon immer machen wollten und zum Teil nicht konnten oder durften“, sagt sie.
2200 Gasthörende nutzen das Angebot der FU pro Jahr. Freiberufler und Teilzeitbeschäftigte sind genauso dabei wie Frauen in der Erziehungsphase und Senioren. Der Anteil der über 65-Jährigen liegt bei etwa 65 Prozent. Mit der Gasthörer-Card „Classic“ können Vorlesungen verschiedenster akademischer Disziplinen gemeinsam mit jungen Studierenden besucht werden. Die Gasthörer-Card „Art“ mit Schwerpunkt Kunstgeschichte bietet das Lernen unter Gleichgesinnten.
„Die Lehrenden genießen den nachhaltigen Bildungshunger und das wechselseitige Geben und Nehmen, das sich in diesen reinen Gasthörer-Kursen jenseits des Lehrbetriebs entwickeln kann“, sagt Felicitas Wlodyga. Doch auch im Uni-Seminar mit Studenten könnten die Beiträge von Älteren die Lerninhalte sehr bereichern. Hier sei es allerdings wichtig, dass die Gasthörenden wissen, wann sie sich stärker einbringen können und wann sie sich besser zurücknehmen, auch um Studierende mit ihrem Wissensvorsprung nicht zu verunsichern.
Weitere Projekte in Planung
„Bildung macht glücklich“, sagt Felicitas Wlodyga. Das würden die Mitglieder des Chinesisch-Kurses von Ying Liu sofort unterschreiben. Von der Idee, irgendwann perfekt Chinesisch sprechen zu können, haben sich alle längst verabschiedet. Von der Lust aufs Lernen nicht. Zwei Teilnehmerinnen des Kurses sind sogar selbst als Lehrerinnen aktiv: Die 74-jährige Uta leitet beim Deutschen Roten Kreuz Exkursionen in Kunst und Wissenschaft. Die 68-jährige Jutta, von Beruf Autorin, hat einen Erzählkreis im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ins Leben gerufen und ist in der dortigen Seniorenvertretung engagiert.
Jutta ist es auch, die das nächste große Projekt des Chinesisch-Kurses vorantreibt: eine gemeinsame Reise nach China, in Berlins Partnerstadt Peking. Eine Erfahrung, die die Gruppe inspirieren und noch stärker zusammenschweißen dürfte.
Adressen:
Seniorenclub Herthastraße, Herthastraße 25 A, 14193 Berlin. Mehr Infos: Telefon 89 17 295Der SeniorenComputerClub Berlin-Mitte bietet im Juli und im August eine Sommerakademie mit vielen Schnupperkursen. Mehr Infos: Telefon 27 57 91 10Gasthörer Card-Programm der FU Berlin: Mehr Infos unter Telefon 838 51424 oder 838 51476



