Lernen

„Im Gehirn bleibt nur das hängen, was einem wichtig ist“

Lernen heißt, lebendig zu sein: Davon ist Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther überzeugt. Wie man auch im Alter fit bleibt

Hirnforscher Gerald Hüther

Hirnforscher Gerald Hüther

Foto: www.gerald-huether.de / BM

Gerald Hüther (67) ist Neurobiologe und Hirnforscher. Bekannt wurde er als Autor zahlreicher Bücher, darunter: „Mit Freude lernen – ein Leben lang“ und „Was wir sind und was wir sein könnten“. Ziel der von ihm initiierten „Akademie für Potentialentfaltung“ ist es, „Menschen ihre angeborene Lust am eigenen Denken und am gemeinsamen Gestalten wiederfinden zu lassen und ihnen die Entfaltung ihrer Talente und Begabungen zu ermöglichen“. Wir sprachen mit ihm über die Lernfähigkeit des Gehirns, Wege, sich geistig fit zu halten – und darüber, wie man Demenz vorbeugen kann.

Herr Hüther, was lernen Sie gerade?

Gerald Hüther: Für mich sind Lernen und Leben identisch. Kein Lebewesen kann überleben, ohne zu lernen. Ich lerne jeden Tag alles Mögliche. Das sture Auswendiglernen von Sachverhalten allerdings halte ich für Blödsinn. Was habe ich heute gelernt? Dass das, was in unserer Lokalzeitung stand, größtenteils uninteressant war. Dabei geht es beim Lernen gerade darum, dass man sich mit Dingen beschäftigt, die einen interessieren. Mich interessiert das Zwischenmenschliche. Im Moment beschäftige ich mich damit, wie ich Menschen, die sich irgendwie verloren haben, helfen kann, einander wiederzufinden. Und ich beschäftige mich mit der Bildung von Gemeinschaften, die dem Einzelnen das Gefühl geben, über sich selbst hinauszuwachsen. Solche Fragen begeistern mich.

Was können ältere Menschen tun, um geistig jung zu bleiben? Kreuzworträtsel lösen?

Das Gehirn ist kein Muskel, den man durch Üben trainieren kann. Im Gehirn bleibt nur das hängen, was einer Person wirklich wichtig ist, was ihr unter die Haut geht. Dann sind im Hirn die emotionalen Zentren aktiviert. Das wirkt wie Dünger auf die Nervenzellen. Wenn jemand gerne Kreuzworträtsel macht, dann merkt er sich diese Begriffe auch leicht. Viele Menschen richten sich aber zu sehr nach anderen und machen das, was andere interessiert, damit sie mitreden können und dazugehören. Jemand, der sich mit dem beschäftigt, was ihn interessiert, ist keine Egoist, sondern ein Mensch, der bei sich selbst und damit mit sich selbst im Reinen ist. Er kann am Ende des Tages sagen: Das war ein schöner Tag heute.

Was kann man tun, um Demenz vorzubeugen?

Es hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass der menschliche Organismus wie eine komplex aufgebaute Maschine funktioniert, bei der es irgendwann zu Abnutzungserscheinungen und Defekten kommt. Diese Vorstellung haben die meisten Menschen auch in Bezug auf ihr Gehirn, unser kompliziertestes und störanfälligstes Organ. Wie bei alten Maschinen sucht man nach einer Möglichkeit der „Rostbekämpfung“. Forscher suchen nach der „Pille gegen Altersdemenz“. Aber wer solche Medikamente entwickelt, braucht Interessenten, die diese Pillen vermarkten, um dabei möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Göttinger Neurowissenschaftler vom European Neuroscience Institut haben jetzt unter Berücksichtigung der Epigenetik den Verlust von Lernvermögen im Alter untersucht und dabei eine Art „Schalter für das Lernen können“ gefunden. Dieser ist häufig schon zu Beginn der zweiten Lebenshälfte „dereguliert“ und damit quasi auf „Aus“ gestellt. Diesen Schalter können wir umlegen.

Wie funktioniert der Schalter für das „Lernen können im Alter“?

Verstehbarkeit, Gestaltbarkeit und Sinnhaftigkeit lauten die Zauberwörter. Untersuchungen haben gezeigt, dass es Menschen gibt, deren Gehirn zwar aussieht, als hätten sie schwerste Demenz, gleichzeitig zeigen sie keine Symptome. In der erwähnten Untersuchung handelte es sich um Nonnen. Was hatten sie gemeinsam? Sie hatten Freude an ihrem Leben, das Gefühl, dass sie verstehen und gestalten können und dass ihr Leben sinnvoll ist. Das „Schalter umlegen“ beginnt im Kopf. Das Gehirn selbst hat längst eine Lösung gefunden, um sich trotz des durch die Schädeldecke begrenzten Wachstums ein Leben lang weiter entwickeln zu können.

Wie denn?

Nicht, indem es immer größer wird, sondern durch Intensivierung, Ausweitung und Verbesserung der Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen, also durch fortwährende Optimierung der von ihnen geknüpften Beziehungen.

Es gibt keinen Unterschied zwischen alten und jungen Gehirnen?

Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Lernen im Alter oder in anderen Lebensabschnitten. Das Einzige, was passiert, ist, dass viele Menschen im Laufe ihres Lebens die Offenheit, die Lernlust und die Gestaltungsfreude verlieren. Ihnen sollte man helfen, indem man sie einlädt, ermutigt oder inspiriert, sich wieder auf das Leben und seine Überraschungen einzulassen. Alles andere funktioniert nicht. Die so häufig zitierte Altersgrenze gibt es nicht.

Neulich erzählte mir eine junggeblieben wirkendende 84-jährige Dolmetscherin, sie habe mit Erschrecken festgestellt, sie könne plötzlich keine Sprachen mehr lernen. Ihr Partner dagegen wohl.

Wenn sie sich ihr ganzes Leben mit Sprache beschäftigt hat, ist ihr das im Alter vielleicht nicht mehr so wichtig und es gibt anderes, was ihr am Herzen liegt. Es gibt auch Rentner, die nie Zeit haben und von einer Aktivität zur nächsten hetzen. Was steckt hinter dem Ehrgeiz, der sie im Hamsterrad laufen lässt? Möglicherweise erfüllen sie Erwartungen anderer und sind somit nicht mehr bei sich. Gerade das Alter bietet doch den Vorteil, dass man nicht mehr ständig anderen beweisen muss, wie gut man ist. Eigentlich bin ich froh über jedes Jahr, das ich älter werde, weil ich nun auf einen noch reicheren Schatz an Erfahrungen zurückgreifen kann. Studien zeigen: Am glücklichsten sind die Kleinen und die Alten. Am schlechtesten dran sind die im mittleren Alter. Sie wissen am wenigsten, wo es langgeht. Und ausgerechnet sie versuchen den Alten zu sagen, sie seien zum Lernen zu blöd.

Sie glauben wirklich, dass man bis zum Lebensende weiterlernen kann?

Aus biologischer Sicht heißt Lernen nichts anderes, als lebendig zu bleiben. Lernen geht immer. Wer nichts mehr lernen kann, ist tot. Denken Sie an Menschen, die nach einem Schlaganfall ihre Fähigkeiten wiedererlangen konnten.

Ihr Geheimrezept, um geistig fit zu bleiben?

Ich halte mich fit, indem ich mit wachen Augen durch die Welt gehe und jeden Augenblick dieses Lebens genieße.

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