Nach den Ereignissen in Berlin und Leipzig im November 1989 kam meine Mutter nach Berlin, denn im studierten Beruf Textilingenieurin gab es keine Arbeit mehr im Raum Chemnitz. Grund dafür war die Arbeitsmarktverschiebung durch Verkäufe von Konkurrenzindustrien der ehemaligen DDR an Westbetriebe durch die Treuhand. Zu der Zeit beschäftigte sich mein Vater viel mit Kleinflugzeugen wie Doppeldeckern, war eine lange Zeit in Westberlin als Grafiker tätig und lebte zehn Jahre in England. Er war ein „68-er“, lebte von 1967 bis 1975 in Berlin. Kennengelernt haben sie sich auf dem Flugtag Fürstenwalde. Papa machte damals Rundflüge und Flugvorführungen, Mama eine Werbekampagne für Zigaretten. Sie war 34, er war 50. Papa flog eine Runde mit ihr. Fünf Jahre später kam ich als Kind deutsch-deutscher Eltern zur Welt. Papa war aber als Westler DDR-Fan, nahm an Demos teil und war sehr politisch. Er musste aber auch nicht unter den „Errungenschaften“ des realexistierenden Sozialismus leiden – und zwar: Bespitzelung, Mauertoten und Schüssen auf Flüchtende.
Er befand sich in Freiheit und musste sein Leben nicht aufs Spiel setzen, um in den Westen zu fliehen, und sagt frei nach Gregor Gysi: „Wenn die Generalprobe scheiße war, kann die Premiere trotzdem gut werden.“ Auch ein Zitat von Christa Wolf: „Ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben“, spricht für seine Einstellung der DDR gegenüber. Ich habe ihn gefragt, was das für ein Gefühl war, den Osten zu besuchen. Er sagte: „Ich hatte komischerweise jedes Mal Schuldgefühle. Es war immer befremdlich, von West nach Ost zu gehen.“ Und ich? Ich bin Berlinerin, kann hingehen, wohin ich möchte und weiß meine Freiheit wohl zu schätzen. Schön ist es, dass die Mauer weg ist, sonst wäre ich nicht da, schön ist es, dass es ein Deutschland gibt, nicht das schlechteste Land, wenn ich in den Fernseher gucke. Aber wie war das damals plötzlich „rüber zu dürfen“?
Die Öffnung der Mauer
November 1989. Mauerspechte, die Masse drückt von hinten. Im DDR-Fernsehen wird die Reisefreiheit bekanntgegeben, alle Leute setzen sich in ihre Trabbis, steigen auf ihre Fahrräder oder machen sich zu Fuß auf den Weg. Ganz Ost-Berlin ist auf dem Weg zur Mauer und zu den Grenzübergängen, die Menschen sind nicht mehr aufzuhalten.
Der Checkpoint Charlie war neben der Glienicker Brücke der bekannteste Grenzübergang, dessen Übergang nur von Ausländern und Mitarbeitern der ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR sowie von DDR-Funktionären benutzt werden durfte. Die Volksmengen drängten und drängelten und die Vopos (Volkspolizisten) waren rat- und machtlos.
Ein berühmtes Zitat eines Grenzbeamten der DDR am Telefon zu seinem Vorgesetzten lautete: „Ist uns scheißegal, wir fluten jetzt.“ Fluten hieß: Die Massen strömen lassen und die strömten in der Tat, es gab kein Halten mehr. Da wollte Volk zu Volk, alles nur nach drüben. Und was sich in 28 Jahren angestaut hatte (von 1961 bis 1989), das entlud sich jetzt. Und so kam es, dass ein West-Papa eine Ost-Mama kennenlernen konnte.
Die DDR-Regierung wäre gut beraten gewesen, ihren Bürgern die Reisemöglichkeit schon viel eher zu geben, denn die meisten wären wohl wieder nach Hause gefahren, was sie auch taten, denn sie wohnten ja da und hatten dort ihre Lieben. Das gewaltsame Zurückhalten der Menschen durch das Errichten der Mauer und die Einrichtung einer unüberwindbaren Grenze führte dann im Endeffekt zu der Entladung von 1989.
Mit Liebe wurde in der DDR nicht regiert, Leute, die über die Mauer wollten, wurden tot geschossen. Auf die Dauer bricht so etwas immer zusammen, das lassen Menschen sich nicht gefallen. Und daran, an die fortschreitende Demokratisierung der Völker und an das friedliche Miteinander aller Menschen auf diesem Planeten sollte immer erinnert werden. Und deswegen ist es mir völlig unverständlich, dass ein lebendiges Kunstwerk, das auf einem historischen Untergrund gewachsen ist, ein wunderschön bemaltes Stück Mauer entfernt werden soll. Wir Berliner müssen protestieren, bis es stehen bleibt!
Katharina & Linda, Jg. 8, Max-Delbrück-Gymn., Pankow




