Oder-Spree-Kanal

Unterwegs auf Brandenburger Wasserwegen

Bei einer Hausboottour von Fürstenwalde nach Eisenhüttenstadt erwartet den Bootsurlauber außergewöhnliche Architektur – vom Barockkloster bis zur sozialistischen Planstadt.

Foto: Patrick Pleul / picture alliance/ZB

Breit und träge strömt die Oder dahin, an einem Ufer ist Polen, am anderen Deutschland, und wir sind mittendrin. Samt unserer Unterkunft, denn wir sind mit einem Hausboot unterwegs. Um damit in Brandenburg fahren zu können, braucht man einen Sportbootführerschein Binnen – oder einen „Erfahrungsträger“, wie sich Skipper Rolf Schamberger bezeichnet. Wenn sich die Mitreisenden dann noch gut verstehen, nicht unter Platzangst leiden und ein paar Beulen am Kopf verschmerzen können, ist das Wochenende im Brandenburger Osten perfekt.

Gestartet sind wir in Fürstenwalde, wurden nach einem Mittagsstopp im hübschen Müllrose bei der Weiterfahrt auf dem stillen Oder-Spree-Kanal von Enten und Schwänen begleitet und an der Eisenhüttenstädter Zwillingsschleuse 16 Meter in die Tiefe befördert. Wir fuhren quer durch riesige Industrieanlagen, die heute nicht mehr „Eisenhüttenkombinat Ost“ oder „EKO“ heißen, sondern seit 2006 als „Arcelor Mittal Eisenhüttenstadt“ Teil des größten Stahlkonzerns der Welt sind – oder ganz einfach laut Rolf Schamberger „jetze ’nem Inder jehören“.

Und nun schippern wir also auf Deutschlands östlichem Grenzfluss. Jeder darf unter Schambergers Aufsicht das Hausboot mal lenken und feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Damit man nicht aus der Spur kommt, helfen seine Ansagen sowie leuchtend gelbe Kreuze am Ufer, auf die man zusteuern muss. Die Gefahr, dass man auf Grund läuft, ist glücklicherweise eher gering, denn die Boote haben einen Tiefgang von nur 35 Zentimetern. Die anderen Reisenden geben sich währenddessen dem meditativen Aufs-Wasser-Gucken hin.

Langsam schält sich die Flusslandschaft aus dem Morgennebel. Hüben wie drüben stehen Hobbyangler am Ufer. Sumpfig ist das Land an der Oder – ideal für die Mönche des Zisterzienserordens, die hier fernab von menschlichen Siedlungen ihrem Grundsatz „ora et labora“ („bete und arbeite“) ungestört nachgehen konnten. Ein Ausflug per Fahrrad bringt uns in das etwas vom Fluss entfernte Neuzelle. 1268 wurde das Kloster gegründet, das heute ein beliebtes Ausflugsziel ist.

Vor den Toren der barocken Anlage befindet sich die Kloster-Brauerei, die durch den „Brandenburger Bierkrieg“ regionale Berühmtheit erlangte. Die Neuzeller gewannen den jahrelangen Rechtsstreit mit dem brandenburgischen Agrarministerium und dürfen ihren „Schwarzen Abt“ seit 2005 offiziell als Bier bezeichnen, obwohl er nicht dem deutschen Reinheitsgebot entspricht.

Bier mit päpstlichem Segen

Nach diesem weltlichen holte man sich im Mai 2013 auch den geistlichen Segen – bei Papst Franziskus persönlich in Rom. Die bei der Audienz auf dem Petersplatz gesegnete Flasche Schwarzbier wird nun angeblich bei jedem Brauvorgang in den Biersud gesenkt, um diese Weihen weiterzugeben.

Der „Schwarze Abt“ macht sich auch als Likör gut, wie wir in der Schaubrennerei des Klosterhotels gleich um die Ecke nach der Verkostung von diversen Spirituosen erfahren. Nach dem Abendessen betätigen wir uns selbst als Brenner an einer kupfernen Tischdestille – mit der Erkenntnis, dass unser Destillat ein hervorragendes Reinigungsmittel abgeben könnte, aber nichts auch nur annähernd Trinkbares.

Aber wir müssen ja auch noch zurück radeln. Ein Stück durch den Ort und dann auf dem Oder-Neiße-Radweg nach Fürstenberg (Oder), wo unser Boot liegt. Die Kojen sind gemütlich, der Schaukelfaktor an Bord liegt bei annähernd Null.

Unser Ankerplatz ist sozusagen die Altstadt von Eisenhüttenstadt. Die Fürstenberger würden sich selbst – ähnlich wie Spandauer – jedoch nie als Eisenhüttenstädter bezeichnen, schließlich wurden sie 1961 eher unfreiwillig zusammengeschlossen. Geprägt ist der Stadtteil von Kopfsteinpflastersträßchen, hübschen alten Häusern und einer Kirche, von deren Turm der Blick bis zu den Hochöfen des Eisenhüttenwerkes reicht.

Aus dem Kiefernwald gestampft

Für dessen Arbeiter wurde Anfang der 50er-Jahre die erste sozialistische Planstadt aus dem Kiefernwald gestampft, hören wir bei einer Stadtführung von Eberhard Harz. Die ersten Wohnkomplexe erinnern in ihrer neoklassizistischen Architektur an die Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain, nur etwas niedriger. Zuerst hieß sie einfach nur Wohnstadt, dann sollte sie Karl-Marx-Stadt getauft werden, doch kurz vor der Umbenennung starb Stalin, also wurde die Stadt am 7. Mai 1953 kurzerhand in Stalinstadt umgetauft, der Titel Karl-Marx-Stadt ging drei Tage später an Chemnitz.

Nachdem der sowjetische Diktator in Ungnade fiel, musste ein neuer Name her: Seit 1961 heißt sie nun ganz pragmatisch Eisenhüttenstadt. Von den einst 16.000 Eisenhüttenwerkern sind noch 3000 geblieben, die hauptsächlich Karosseriebleche für den Automobilbau herstellen. Viele Plattenbauten wurden und werden abgerissen. Die architektonisch wertvollen Komplexe sind weitestgehend saniert.

Und dann erzählt unser Stadtführer natürlich auch gern von seinem berühmtesten Gast: US-Schauspieler Tom Hanks ließ sich Ende 2011 nach Abschluss von Dreharbeiten in Babelsberg von ihm die Stadt zeigen, weil er unbedingt eine „von Kommunisten gebaute Modellstadt“ sehen wollte. Später schwärmte er in diversen Talkshows in Deutschland und den USA von „Iron Hut City“, die auf ihn wie ein Disneyland gewirkt habe ...

Im vergangenen Frühjahr kam er noch einmal vorbei, um einen himmelblauen Trabant zu kaufen. Die Eisenhüttenstädter freut es und animierte sie zu dem Slogan „Hast du Hollywood mal satt, komm’ nach Eisenhüttenstadt“.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Tourismus Marketing Brandenburg und dem Tourismusverband Seenland Oder-Spree.