Kleine Fluchten

Wendland - Das Wandern ist des Kenners Lust

Im Biohotel „Kenners Landlust“ können Kinder ein Waldmuseum entdecken, während die Erwachsenen den Naturpark Elbhöhen-Wendland zu Fuß erkunden – oder einfach mal nichts tun.

Foto: Kenners Landlust

„Wald oder Forst?“, fragt Kenny Kenner während der Wanderung durchs Naturschutzgebiet Kellerberg im Wendland. Hm, was ist da der Unterschied? „Einen Forst pflanzt der Mensch künstlich an“, erklärt der Chef vom Biohotel „Kenners Landlust“. „Bäume gleicher Art und gleichen Alters wachsen in Reih und Glied nebeneinander.

In einem Wald dagegen wird die Natur sich selbst überlassen. Aus jedem Forst wird wieder ein Wald, wenn man ihn 100 bis 300 Jahre in Ruhe lässt.“ Zu sehen am Eltensteig im Westen der Göhrde, über den wir gerade stiefeln. Massive Fichten, Eichen und Buchen, groß, klein, alt, jung, gesund und gebrechlich, erheben sich im Wald.

Vor allem Wölfe haben es Kenny Kenner angetan. Seit 15 Jahren siedelt sich das Tier wieder in Deutschland an. Um ihn Eltern und Kindern „näherzubringen“ haben sich die Kenners mit dem Familienreiseveranstalter Vamos die „Wolfswoche“ ausgedacht.

Uns reicht das normale Urlaubsprogramm in dem Biohotel in Dübbekold, etwa 250 Kilometer von Berlin entfernt, mitten im Naturpark Elbhöhen-Wendland. Während die Eltern den Kellerberg erkunden, lässt sich der Nachwuchs von Försterin Tatjana Jensen im Bollerwagen zum Waldmuseum „Naturum“ ziehen, begleitet von zwei süßen Frettchen. „Waldzeit“ heißt die kostenlose Kinderbetreuung: Bäume hinaufklettern, Tiere beobachten. Beschäftigung für kleine Leute, Auszeit für große Leute, denen manchmal auch einfach nach Nichts(tun) ist.

Die Urlaubsherberge liegt in einem Bachtal am Rande der Göhrde im dünnsten besiedelten Landkreis der alten Bundesländer, Lüchow-Dannenberg. Außer Bäumen und Wiesen gibt es hier nicht viel, nur sieben Einwohner und 120 Gästebetten. 40 davon bei Barbara und Siegfried „Kenny“ Kenner. 1999 fand das Paar, das aus der Gegend stammt, seinen idyllisch gelegenen Hof. Nach Aufenthalten in Südamerika (sie) und Berlin (er) kehrten sie vor 15 Jahren zurück.

Fachwerkhaus mit sonnig gelbem Anstrich

Innerhalb von einem halben Jahr wandelten die Kenners den heruntergewirtschafteten Hof zum Biohotel um, setzten atmende Baustoffe und Farben ein, ölten und seiften die Holzoberflächen. Das großzügige Fachwerkhaus bekam einen sonnig gelben Anstrich, wurde mit Kaminzimmer, Spielraum und Einkaufsladen (wo vom Kopfkissen bis zur Handwaschseife vieles aus den Hotelzimmern erstanden werden kann) bestückt und um einen modernen Anbau mit Gästeteeküche sowie Tobe- und Spielraum obendrüber ergänzt.

Pfingsten 2000 haben sie das Haus eröffnet. Besonders beeindruckt das lichtdurchflutete Glashaus, das wie ein Wintergarten anmutet, Alt mit Neu verbindet und Platz für das Hotel-Restaurant bietet.

„Wir bieten Vollpension an, denn in Dübbekold und Göhrde gibt es kein Lokal“, sagt die Chefin des Hauses. Gekocht wird natürlich bio. Heute erfreuen sich die Gäste an Garnelen in einer feinen, cremigen Soße, Möhren-Kohlrabi-Gemüse, Pellkartöffelchen, Blumenkohlrahmsuppe, Biowiener, Reis und Grießpudding mit Pflaumen.

Firlefanz sucht man vergeblich

Gesättigt plumpsen wir in unserem Urlaubsreich auf das bequeme Doppelbett. 22 unterschiedlich gestaltete Wohneinheiten gibt es in „Kenners Landlust“. Familienzimmer beziehungsweise Suiten bieten großzügigen Wohn- und Schlafraum. Klein und gemütlich zeigen sich die Doppelzimmer, manche davon barrierefrei.

Alle Zimmer sind hell, mit Vollholzmöbeln eingerichtet und Naturfotografien von Kenny Kenner an den Wänden. Überflüssigen Firlefanz sucht man vergeblich, alles ist bio, selbst die Kopfkissen. Sie sind mit Dinkel gefüllt. Bei jeder Bewegung knirscht es unterm Kopf. Gewöhnungsbedürftig. Werden wir schlafen können? Und ob!

Jeder Tag ist hier ein Abenteuer. Der nächste fängt für die Kleinen mit einem Guten-Morgen-Gruß bei den Hasen an. Nach einem schnellen Frühstück stürmen die Sprösslinge hinaus zum Hotelspielplatz auf der Wiese, die Erwachsenen lassen sich drinnen weitere Brötchen mit Biokäse, -marmeladen und -aufstrichen schmecken.

Dann nehmen wir das Auto und probieren eines der Ausflugsziele in der Hotelmappe. Immer wieder tauchen Pferdekoppeln, Kuhweiden und sanierte Bauernhöfe mit kunterbunten Blumenkübeln auf. Ein Örtchen ist hübscher als das andere. Unsere Route führt durch Pomeissel, Kovahl, Neu Darchau zur Elbe. In Kovahl wollen wir auf einen Aussichtsturm hochkraxeln. Den gibt es nicht mehr, verraten uns zwei freundliche Frauen auf Nachfrage. Schade. Aber die Aussichten aus dem Autofenster und das Bilderbuchwetter entschädigen uns – und der Halt in Neu Darchau erst recht.

Zum Strand der Elbe

Die Kinder sammeln neben der Fähranlegestelle Stöcke, die Biber mit ihren Zähnen weiß und glatt gewetzt haben. Auf der anderen Seite des Flusses grüßt das „Café zur Elbe“ mit schönem Innenhof. Aber wir wollen zum Strand. In der Elbtalaue transportiert der Elbstrom viel pulveriges Etwas und lagert es in großen Sandbänken ab, zum Beispiel beim Dörfchen Jasebeck, das hinter der Puppenstübchenstadt Hitzacker schlummert.

Der Wagen parkt am Deich, die Füße tragen über eine große Wiese mit umgekippter Eichenruine und eine Böschung runter zur Flussschleife mit den schönsten Strandpartien. Die Kinder buddeln und gucken Schiffe. Unsere Füße scharren im feinen, gelben Sand.

Tags darauf machen wir nachmittags einen letzten Familienausflug. Wir laufen ins etwa einen Kilometer entfernte Örtchen Nieperfitz, wo es eine kleine Sensation geben soll. Blumenkübel und bunte Gärten schmücken auf den Nachbargrundstücken niedliche Fachwerkhäuser. Wo sind sie denn nun?, wollen die Kinder wissen. Ach ja, die Wollschweine. Am Ende des Dorfes wohnen sie, die Schweine, die sich als Schafe verkleiden. Mit ihren goldbraunen Löckchen sehen sie in der Abendsonne aus wie lustige Fantasiegestalten. Wieder was dazugelernt – wir wissen nun, was Wollschweine sind, und kennen den Unterschied zwischen Wäldern und Forsten.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Elbtalaue-Wendland Touristik GmbH und dem Biohotel „Kenners Landlust“.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.