Schon lange ist Hiddensee, die kleine Schwester Rügens, kein Geheimtipp mehr. Aber noch immer ist „dat sönken Länneken“ (das süße Ländchen) ein Reiseziel für Individualisten. Die Insel lockt seit jeher mit viel Ruhe und Einsamkeit, was für die Hauptsaison allerdings eingeschränkt gilt. Dann wird es angesichts der vielen Tagesgäste doch manchmal etwas voll.

Hotelsilos, Kurpromenade, Diskotheken und Zeltplätze wird man hier vergeblich suchen. Die abgeschirmte Insellage hat vieles ursprünglich und beschaulich erhalten. So wird die Insel von Salzwiesen, Heidelandschaft, feinem Natursandstrand und einem hohen Kliff bestimmt und gehört damit zu einer der wenigen noch intakten Naturlandschaften Mitteleuropas.

Lange Zeit waren die Bewohner auf der kargen Insel sehr arm. Deshalb war der aufkeimende Fremdenverkehr gegen Ende des 19. Jahrhunderts für die Bevölkerung ein Segen, und es wurde viel unternommen, um Menschen zum Besuch der Insel zu ermuntern. Schon bald vermieteten viele Einheimische ihre Häuser an die Fremden, während sie selbst auf Hausböden und Stallräume auswichen.

Vor allem Künstler fühlten sich von der Einsamkeit und Schönheit angezogen. Und so wurde sie schnell zur Lieblingsinsel von Dichtern, Musikern, Malern und Schauspielern. Die Liste berühmter Namen ist lang: Albert Einstein gehört dazu wie auch Sigmund Freud, und natürlich Gerhart Hauptmann, der hier ein Haus besaß, in dem er oft seine Ferien verbrachte. Sie alle haben dazu beigetragen, dass die Insel weithin bekannt wurde.

Mit der Fähre von Schaprode auf Rügen erreicht man in 40 Minuten Vitte, den Verwaltungsort der Insel. Der Name weist auf die Bedeutung des Fischfangs hin, denn die Fischhandelsplätze werden als „Vitten“ bezeichnet. Der Fischfang war für lange Zeit die Haupternährungsquelle der Insel. Auch heute noch bildet der Hafen das gesellschaftliche Zentrum des Dorfes, in dem sich die Einheimischen gern zum Schnacken treffen.

Pommersche Tradition mit mediterranem Einschlag

Zum „Hotel Godewind“ ist es nur ein kurzer Spaziergang. Am eher schmucklosen Hauptgebäude fällt vor allem der Gastrobereich auf. Dieser ist urgemütlich, und die Speisekarte bietet Gerichte in guter pommerscher Tradition mit mediterranem Einschlag. Für die gleichbleibende Qualität sorgt ein eingespieltes Küchenteam, dessen Chef schon seit zwei Jahrzehnten an dieser Stelle tätig ist.

Zur Philosophie des Hauses gehört auch, dass es keine Sperrstunde gibt und auch keine Saison, denn es ist ganzjährig geöffnet. Als „Szenetreffpunkt“ ist die im Jahr 1910 gegründete Gaststätte zudem das lebendige Geselligkeitszentrum des kleinen Ortes.

Dies liegt nicht nur, aber vor allem an Andreas Meinhof, der allabendlich seine Runde durchs Restaurant macht, dabei jeden Gast begrüßt und sich nach dem Befinden erkundigt. Mit seinem trockenen Humor verbreitet er immer gute Laune unter den Gästen. Beliebt sind insbesondere die Anekdoten und Witze aus der DDR-Zeit.

„Die Insel war eine gute Alternative zur DDR“

Zusammen mit seinem Bruder Thomas hat er die beliebte Gaststätte „Godewind“ 1991 übernommen und erweitert. Zehn Jahre zuvor kam er als Saisonkellner auf die Insel und blieb hier, „weil diese Insel eine gute Alternative zur DDR war“, wie er sagt, und meint damit, dass all die Bestimmungen und Regularien des damaligen sozialistischen Systems hier nicht so sehr griffen und zu spüren waren.

Heute befinden sich fünf weitere Gebäude auf dem hinteren Teil des Grundstücks, in denen 19 Ferienwohnungen und ebenso viele Zimmer untergebracht sind. So hat der Gast eine große Auswahl an Unterkünften. Sie reichen von klein bis groß und von einfach möblierten für den schmalen Geldbeutel bis zu höherpreisigen Apartments.

Auch stilistisch ist von traditioneller Einrichtung über rustikal bis modern alles vorhanden. Nach dem Motto „einmal Gast, immer Gast“ hat der beliebte familiengeführte Betrieb mittlerweile 80 Prozent Stammgäste.

Wanderung zum Leuchtturm auf dem Dornbusch

Da die Insel autofrei ist, müssen die Besucher die vielfältige Natur zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der Pferdekutsche erkunden. Dabei gehört eine Wanderung auf den 72 Meter hohen Dornbusch mit seinem weithin sichtbaren Leuchtturm unbedingt dazu.

Einzigartig ist von hier der Rundblick auf Meer und Inseln. Ein besonderes Erlebnis ist der Spaziergang im Frühjahr, wenn der Ginster seine ganze Blütenpracht entfaltet. Bei gutem Wetter und klarer Sicht kann man sogar die Südküste Dänemarks sehen.

Für den Vogelkundler ist Hiddensee zudem ein außergewöhnliches Refugium. Denn durch seine geografische Lage im Schnittpunkt der großen Zugwege wird es von den Vögeln als Rast- und Sammelplatz aufgesucht. Und immer wieder ist es ein großartiger Anblick, wenn die Kraniche in Formation über die Insel hinwegziehen.

Wer nicht nur auf den bekannten touristischen Hochpfaden wandern will, sollte auch einmal den weitestgehend unberührten Süden der Insel erkunden. Hier hat sich der unter Denkmalschutz stehende Ort Neuendorf mit seinen weiß getünchten Häusern sein Aussehen als Fischerdorf bewahrt.