Marlis Heinz

Eigentlich wollten die Schweizer gar nicht nach Rudolstadt. Aber auf ihrer neuntägigen Radtour von den Alpen bis Berlin hatten sie gerade hier ihre Kräfte verlassen. Sie lasen am Saaleradweg einen Wegweiser mit der Aufschrift „Panoramahotel Marienturm“ und traten nochmal kräftig in die Pedale. Das Hotel liegt nämlich auf dem Galerienberg hoch über der Stadt.

Nun also sitzen Sonja und Heinrich Lüthi mit weißen Hotel-Pantoffeln im Frühstücksraum. Sie wollen schnell weiter. Die Erzählungen der anderen Touristen über deren Rudolstadt-Pläne klingen zwar interessant. Aber wegen eines Stadtbummels den Antritt verschieben? Eine Information lässt sie jedoch aufhorchen: Hier in Rudolstadt hat sich Schiller in zwei Schwestern gleichzeitig verliebt. Und beide sich in ihn.

Ob es nun der Dichter des „Wilhelm Tell“ oder die pikante Ménage-à-trois war – die beiden Schweizer tauchen wenig später unten am Markt in der Tourist-Information auf, wo sie sich den Weg zum Schiller-Haus weisen lassen und eine Porzellan-Tasse mit dem Antlitz des Poeten in die Gepäcktasche wandert.

Den Anstieg zum Hotel hätten sie sich möglicherweise an Vorabend nicht zugemutet, wenn ihnen die angesprochenen Passanten nicht zugesichert hätten, dass es ein gutes Haus sei. Belohnt haben sich die Pedalritter mit einem gemütlichen Abend auf der Terrasse. Wer von hier oben auf Rudolstadt schaut, bekommt ein Gespür für die Stadt: Die Ausläufer des Thüringer Waldes überlassen der Saale ein breites Tal.

Auf einem Bergsporn thront das Barockschloss Heidecksburg. Dem zu Füßen versammeln sich, ehrfurchtsvoll wie es sich für eine Residenz gehört, die Dächer der Altstadt. An deren Rand die St.-Andreas-Kirche. Die Saale auf und abwärts werden die Gebäude größer, moderner – und industrieller.

Gute Aussichten für Wanderer und Wirte

Der Blick über die Stadt zog auch Wanderer und Wirte auf die Höhe. Ein Brauereibesitzer ließ sogar einen steinernen Turm bauen und nannte ihn nach seiner Frau Marienturm; 1886 wurde der eingeweiht. Nach und nach kam hinzu, was für die Bewirtung von Ausflüglern gebraucht wurde, und nicht ganz zufällig war es der Turm-Besitzer, der die Schankkonzession erhielt.

Übernachtet werden kann auf dem Berge erst seit 1993. Kerstin und Stephan Neumann, seit den 80er-Jahren Angestellte im Restaurant Marienturm, hatten das Gelände gekauft und an die Gaststätte ein Hotel angebaut. Die beiden haben tief in die Tasche gegriffen. So entstand hoch über der kleinen Stadt eines der beiden Vier-Sterne-Häuser des heutigen Landkreises Saalfeld-Rudolstadt.

Allerdings wird verwundert sein, wer eine weiträumige Anlage oder aktuelles, kühles Design erwartet. Zwar bietet es alles, was sich für ein Haus dieser Kategorie geziemt, beispielsweise Sauna und Räume für Wellness-Behandlungen. Aber vieles ist etwas kleiner als üblich. Und irgendwie auch gemütlicher, ländlicher, mit viel Holz und Herz. Ein Familienbetrieb eben.

Thüringisches auf dem Tisch

Stephan Neumann ist der Küchenchef und tischt vor allem Thüringisches auf. Kerstin Neumann, die Chefin, ist überall gleichzeitig, ist Kellnerin, Gärtnerin, Rezeptionistin und – wenn gefragt – auch mal Gästeführerin. Sie kann auch erklären, was man von ihrer Terrasse aus alles sieht.

So einen Blick auf Rudolstadt hätte auch Schiller gern gehabt. Aber er musste sich auf seinen Reisen anders behelfen. Anno 1789 schreibt er voller Inbrunst an die Schwestern Caroline von Beulwitz und Charlotte von Lengefeld: „Die Mahomedaner kehren, wenn sie beten, ihr Gesicht nach Mecca; ich werde mir einen Katheder hier anschaffen, wo ich das meinige gegen Rudolstadt wenden kann, denn dort ist meine Religion und mein Prophet.“

Was sich im Sommer zuvor in Rudolstadt abgespielt hatte, wird im Schillerhaus erzählt – und in Dominik Grafs Spielfilm „Die geliebten Schwestern“ mit Hannah Herzsprung und Henriette Confurius. Das Gebäude in der heutigen Schillerstraße war anno 1788 noch das Lengefeld-Beulwitzsche Haus. Im Vorderhaus lebte Caroline von Beulwitz, die den Herrn des Hauses nur geheiratet hatte, um ihrer verwitweten Mutter und ihrer jüngeren Schwester ein angemessenes Leben zu ermöglichen.

Im Nebengebäude hatten die Mutter und Charlotte von Lengefeld, Schwester von Caroline und spätere Frau Schillers, ein Domizil gefunden. Offiziell war Schiller zwar eingeladen worden, um an den literarischen Gesellschaften teilzunehmen, aber schnell gab es für ihn einen alles überragenden Grund, seinen Arbeitsurlaub im nahe gelegenen Volkstedt so oft wie möglich zu unterbrechen: Caroline und Charlotte.

Innigliche Verbundenheit

Die drei jungen Leute fanden schnell zueinander. Heiraten konnte Schiller zwar nur die noch ledige Charlotte. Doch lange blieben die drei inniglich verbunden. Wie inniglich? Hat auch Carolines Sohn den Dichter zum Vater? Selbst ein Schiller-Experte wie Lutz Unbehaun, Direktor von Schloss Heidecksburg und Nachfahre von Schillers Volkstedter Gastgeber, Kantor Unbehaun, hebt nur die Schultern.

Das Rudolstädter Schiller-Haus ist, verglichen mit den Weimarer Klassiker-Stätten, eher beschaulich. Höhepunkt sind drei Porzellan-Flaschenverschlüsse: Caroline, Friedrich und Charlotte als kesse, junge Typen. Schaut man aus dem Salon des Schillerhauses, erhebt sichüber die Dächer der anderen Straßenseite die Heidecksburg. Hier ist das Universum eines weitläufigen barocken Schlosses zu erleben: Salons, der prunkvolle Festsaal, eine Bibliothek.

Auf dem Schiller-Trip ist Rudolstadt nicht erst, seitdem es zum Drehort eines Schiller-Films wurde. Auf Stadtrundgängen plaudert Schiller selbst und auch seine Schwiegermutter, die noch heute von den Rudolstädtern ganz selbstverständlich „chère mère“ genannt wird.

Das Restaurant im Erdgeschoss des Schiller-Hauses bietet neben Schillerlocken auch die Lieblingskuchen des Dichters. Im Kochbuch der „chère mère“ hat auch Stephan Neumann geblättert. So entstand das Menü aus Lieblingsgerichten Schillers: Rotkohl-Sauerrahmsüppchen mit Apfel oder Forellenfilet aus dem Sud. Nein, ein Kostverächter war er nicht, der Schiller. In keiner Beziehung.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Stadt Rudolstadt und der Thüringer Tourismus GmbH.