So grau können sie sein. Der Alltag, die Stadt, der Frühling am Bildschirm im Büro. Es ist ein Sonnabend im März. Quer durch die Stadt stockt der Verkehr, vor dem Zubringer Pankow sieht’s schon besser aus.

Die Autobahn ist frei, die Musik im Radio gut. Das Autobahnschild der A11 leuchtet ozeanblau, das der A20 80 Kilometer später schon schlumpfeisfarben.

Geht doch, auch die Wolken reißen auf – drei Stunden darauf knallt die Sonne auf den Rügendamm. Nach der noch großsteinig gepflasterten Zufahrtsstraße ist die Strandpromenade von Binz erreicht. Aussteigen, einatmen. Es riecht nach Meer. Salzig, frisch.

Direkt vor weiß getünchter, akribisch sanierter Bäderarchitektur rauscht das Wasser, strahlt licht der Sand, kreischen Seemöwen. 350 Kilometer von Berlin entfernt, nach drei Stunden Fahrt, direkt aus dem Büro.

Binz ist das größte Seebad Rügens

Die amtsfreie Gemeinde Binz in Mecklenburg-Vorpommern ist das größte Seebad Rügens. Ein fünf Kilometer langer Sandstrand, 5500 Einwohner und drei Naturschutzgebiete prägen den Ort.

Der 1000 Hektar große Buchenwald Granitz, die Landzunge Schmale Heide sowie der Schmachter See begrenzen die 1318 erstmals urkundlich als „Byntze“ erwähnte Gemeinde.

Die 370 Meter lange Seebrücke, das Kurhaus sowie der „Rasende Roland“ in Blau, eine Schmalspurbahn aus dem Jahr 1895, sind bekannt.

Zwei Fünf-Sterne-Häuser, acht Vier-Sterne-Hotels sowie viele Ferienwohnungen empfangen die Besucher. Wer als Hotelier oder Gastronom gegen die große Konkurrenz bestehen will, muss sich mehr ausdenken, als Kreidefelsen-Trips anzubieten.

„Ihr Körper ist ein Computer“, sagt der Mann, der im „Grand Hotel Binz“ am südlichen Ende der Promenade hinter einer Milchglaswand zwischen Ergometer und Ultraschallgerät sitzt. Sanft, jedoch mit Nachdruck spricht er, Doktor Raghavendra Shetty heißt er.

Auf seinem Schreibtischstuhl gegenüber des Patienten versinnbildlicht er seine Aufgabe im Haus: Ayurveda. „Gesund sein heißt nicht gleich gesund sein“, sagt Doktor Shetty. „Nicht nur der Körper, auch Geist und Seele müssen im Gleichgewicht sein.“

Dann steht er auf, seine Tunika über der Leinenhose schwingt, als er zur Liege am Fenster führt. Bitte hinlegen, heißt es. Dann fühlt er den Puls, wechselt zum Gesicht. Er schaut in beide Augen, warm und gütig leuchten die seinen. „Jetzt die Zunge heraus“, sagt Doktor Shetty, „bitte.“

Von Kerala nach Rügen

Der 30-jährige Ayurveda-Arzt stammt aus Südindien. Seit August 2013 arbeitet er nach Studium und Abschluss am Taranath Regierung Ayurveda med. College & Hospital und Berufsanfängen in Ayurveda-Krankenhäusern in Bellary, Bangalore und Kerala im „Grand Hotel Binz“ auf Rügen.

„Eine Bereicherung für den Tourismus und etwas völlig Neues im Ostseebad Binz“, sagt Bürgermeister Karsten Schneider. „Ich wollte indische Medizin nach Deutschland bringen und habe gezielt im Internet nach einer Stelle gesucht“, sagt Raghavendra Shetty.

Sein Arbeitsplatz liegt unschlagbar gut, weil ruhig und dennoch zentrumsnah am Südende der Promenade, und bietet alles, was fünf Sterne von einem Hotel verlangen.

Zum 2009 vom Enkel von König Bhumibol höchstpersönlich eröffneten, mit Originalinventar aus Thailand ausgestatteten und im selben Jahr mit dem „World Hotel Award“ ausgezeichneten Thai-Bali Spa im Untergeschoss, in dem Doktor Shetty seine Behandlungen anbietet, kommen rund 120 Zimmer und Suiten im Creme- bis Rotton mit Kissen-Menü, Flachbildschirmen, WLAN, Minibar sowie See- oder Granitz-Waldblick.

Kein modernes Design-Monstrum als vielmehr ein Wohlfühlhaus mit versteckt exotischer Spa-Anlage. So passt es zur Atmosphäre des Ortes. Bescheidene, mehr als freundliche Menschen empfangen den Gast im „Grand Hotel Binz“, sei es im „Ruiani“-Restaurant, an der „Shakers“-Bar oder am Empfang.

Vata-, Pitta- oder Kapha-Typ

„Sie sind ein Vata-Pitta-Typ“, sagt Raghavendra Shetty, nachdem er Puls und Haut befühlt und per Ankreuzformular sowie Kurzinterview Antworten zu Lebensweise und Charakter seines Patienten erfragt hat. „Viel Energie, wenig Schlaf und Abwehrkraft“, erklärt er seine Diagnose.

Er würde nun eine Entgiftung nach „Panchakarma“ (Entschlacken durch Abführen) empfehlen, Dauer acht bis zehn Tage, anschließend Yoga, Meditation sowie einen entsprechenden Ernährungsplan. Den werde direkt vor Ort Küchenchef Heiko Philipp umsetzen.

Vorher sollte sich der Ayurveda-Gast jedoch noch einmal das Frühstücksbüffet schmecken lassen, mit zehn verschiedenen Sorten Milch (unschlagbar: die von der Ziege), Wurstvielfalt vom Gademower Landschlachter, Käse vom Hofgut Bisdamitz, frischem Fisch, einem Bio-Tisch mit Joghurt, Müsli, Honig, Säften und saftigem Brot.

Am Nachmittag kommt Küchenchef Philipp auf den Gast zu. Ein sympathischer Sachse, der passende Bilder zu Vata, Pitta und Kapha liefert.

Etwa das Bild vom Schuhkäufer, der als Vata mit zehn Tüten aus dem Laden komme, als Pitta hingegen mit einer genauen Vorstellung von Schuhen hinein- und mit einem perfektem Paar wieder hinausgehe, als Kapha erst gar keine neuen Schuhe kaufen gehe.

Extra-Ayurveda-Menü

Philipp nimmt sich jedes Vitalgastes persönlich an. Am Abend, wenn für den Halbpensionsbesucher drei solide Gänge anstehen, bereitet Philipp ein Extra-Menü ayurvedagerecht zu: Linsen und Koriander, Aprikosenchutney und Ingwerreis mit gebackener Zuchini und Mangomousse mit Topfencreme.

Mit erfreulicher Raffinesse beim Anrichten und – abgesehen vom Verdauungsaperitif „Agni“ – wirklich ein mehr als annehmbarer Ersatz. Wer dennoch nicht anders kann, bekommt auf ausdrückliche Nachfrage auch ein Stück Fleisch von Philipp serviert.

Der Gast sei schließlich erwachsen – und „ich will, dass er glücklich ist“, sagt Philipp. „Primär hat der Gast hier Urlaub“, sagt auch Hoteldirektor Markus Wölflik. Wenn das nur nicht Doktor Shetty erfährt.

Genauso wie die Pflicht-Ausreißer am Nachmittag und Abend, die sich der Besucher in Binz nicht nehmen lassen sollte. Erstens: Das „Kolonial-Stübchen“ an der Zeppelinstraße. Mit freundlichem Service, Wohlfühlatmosphäre mit Sesseln in Nischen und verschiedenen Kaffee- und Teesorten werden herrliche Pralinen und Kuchen gereicht.

Zweites Muss auf der Insel: Ralf Haug. Der Sternekoch serviert Bestes aus der Region mit Können und Kreativität im „freustil“, dem Sternerestaurant in Binz, ebenfalls an der Zeppelinstraße. Der Stil ist ähnlich dem „Noma“, dem Drei-Sterne-Restaurant Kopenhagens, mit Zutaten, die rein aus der Region und vom Küchenteam selbst besorgt werden.

Rustikales Ambiente trifft auf Haute Cuisine

Mit viel Atmosphäre im Gastraum, der wie ein kleines Holzhaus mit vier Zimmern, Regalen mit Büchern, Pflanzen und kleinformatigen Bildern an der Wand gestaltet ist. Gemütlich hellbraune Holz-Rollos hängen an den Fenstern, karierte Küchenhandtücher dienen als Serviette.

Filzuntersetzer unter tönernen Töpfen kontrastieren zu hausgemachtem Haselnussbrot mit aufgeschlagener Heuasche-Meersalz-Butter oder Gerichten wie dem „Polarkreis“ (Jakobsmuschel, Kabeljau, Eismeershrimps und Flusskrebstatar).

Oder dem „Kräutergarten“ (Basilikum, Kerbel, Petersilie und Schokolade in Eis-, Baiser-, Sorbet- und Mousseform), den „Shades of Orange“ (Sanddorn-Karotten-Dessert). Dazu gereicht werden Weine von Pfaffmann bis Spieß und Dreissigacker.

Das „freustil“ ist anders – aber alles andere als ein undurchdachtes Konzept. Haug ist einzigartig in Binz, wenn mit Blick auf die Ernährung auch nicht Shetty-freundlich.

Das Gewissen wieder herstellen lässt sich um die Ecke. Strikt auf Heilen und das Einhalten von Entgiftungsprogrammen hat sich das Vier-Sterne-Superior-Design-Hotel mit Bio-Zertifikat, das „Upstalsboom Hotel meerSinn“ an der Schillerstraße spezialisiert.

200 Meter von der Strandpromenade entfernt steht dort so etwas wie der zweite Lanserhof aus Tirol, prominent besucht, nur irgendwie anonymer, heißt es. Wie gesund und glücklich ein Gast nach der hier praktizierten F.-X.-Mayr-Kur und 100 Prozent Bio bei Interlübke-Design in einem der 59 Zimmer aussehen kann, verkörpert der Direktor selbst.

Mirco Hitzigrath ist 33 Jahre alt, hat selbst zwei Kuren im Haus hinter sich, nachdem er 2012 seine Position aus Hamburg kommend übernommen hat („ich hatte auch Durchhänger“), fühlt sich gesund und glücklich – und sieht auch so aus. Der Shetty vom „meerSinn“ hat sich zum Verfechter der von seinem Chef auf Binz verabreichten Allround-Therapie erklärt.

Energie in den Körper flößen und trommeln

Im dem Hotel angeschlossenen, 800 Quadratmeter großen „artepuri med“-Gesundheitszentrum flößen und trommeln Ärzte, Physiotherapeuten, Osteopathen, Masseure, Psychotherapeuten und Kosmetiker mit Naturheilkunde und komplementärer Medizin gestressten Führungskräften und Großstadtgeplagten neue Energie und Lebensweisen in den Körper.

Ein 400 Quadratmeter-Spa mit Sauna, Dampfbad, Pool, Whirlpool, zwei Fitnessräume inklusive Kinesis-System sowie das hauseigene Bio-Restaurant „meerSalz“ mit magen- und darmschonender, therapiebegleitender Küche helfen Hitzigrath dabei.

Und das sorgt seit drei Jahren für den European Health & Spa Award in der Kategorie „Best Medical Resort“. Klingt klinisch, ist es aber nicht. „Wir bekommen den Gast dazu, das als Urlaub zu empfinden“, sagt Mirco Hitzigrath.

Und ja: Wer nur ein Mal dort frühstückt, mit Schüsseln voll frischer Früchte, Gemüse, herrlich knackigen Brötchen und Broten von Dinkel bis Schrot, rund 20 verschiedenen Körner- und Saatboxen, bester Bio-Wurst vom LandWert Hof und feinstem Bio-Käse, Graved Lachs, Mozzarella, sogar Kuchen, der startet mehr als verwöhnt in den Tag – und glaubt, nun begriffen zu haben, was „Medical Wellness“ eigentlich bedeutet.

Abha-was?

„Wir fangen jetzt aber erst einmal mit Abhyanga Kalari an“, sagt Doktor Shetty, der den Gast zurück im „Grand Hotel“ begrüßt. Sanft, aber wieder mit Nachdruck. Mit Abha-was fangen wir an? Mit einer Ganzkörper-Ölmassage mit Druckpunkten, sagt Doktor Shetty.

Dann führt er in den Thai-Bali Spa, bittet um einen Moment des Wartens zum Klang von Panflöten, bevor er, nun in ein mintfarbenes Poloshirt gewandet, über Steinfliesen in ein kleines, halbdunkles Zimmer führt.

Eine Liege thront in der Mitte, voll weißer weicher Handtücher belegt, Doktor Shetty bittet, nun fast schüchtern, um „Ablegen“. Sanft, aber demonstrativ mit einem kleinen weißen Höschen in der Hand, in welches man nun bitte steige. Shades of Shetty. Dann deutet er auf einen Stuhl links der Liege. Nackt, nur vom gereichten Leinenfetzen bedeckt, wird Platz genommen.

Warmes Öl und Summen

Doktor Shetty stellt sich hinter den Stuhl, legt eine Hand flach auf den Kopf, leise und durchdringend beginnt er zu summen. Plötzlich rinnt warmes Öl über das Haar, läuft Nacken und Rücken hinab. Shettys Hände folgen, von oben beginnen sie, sich durch das Haar bis zur Schulter zu arbeiten.

Dann deutet er, wortlos, mit einem Fingerzeig, zur Liege, bäuchlings wolle er beginnen. Sanft walzen sich die Hände des Ayurveda-Arztes von oben nach unten, von links nach rechts, immer wieder drückt und quetscht der Mann unnachgiebig Punkte in Kniekehlen, Armbeugen, Innenflächen – Widerstand zwecklos. Man ist wunschlos glücklich. Ist das noch Binz?

Kurz darauf schon nicht mehr, das Büro, Berlin, der Bildschirm warten. Zurück geht es in eine Stadt, in der die Blüten Unter den Linden leuchten, in der Sonne auf Gedächtniskirche und Kudamm glitzert. So hell kann er doch sein, der Alltag – mit den Gedanken an Binz in Berlin.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Kurverwaltung Ostseebad Binz, dem „Grand Hotel Binz“ sowie dem „Upstalsbom Hotel meerSinn“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.