Kleine Fluchten

Auf nach Bautzen, der märchenhaften Dornröschenstadt

Die Metropole der Oberlausitz hat ein schmuckes Zentrum, das sich am besten vom Hotel „Goldener Adler“ aus besichtigen lässt – mit Rathaus, Gewandhaus und einem „wahren“ Romeo-und-Julia-Balkon.

Foto: www.bautzen.de / Andre Wucht

Wie im Märchen fühlt sich, wer in die Stadt reinfährt. Schon von Weitem grüßt die weiße Ortenburg mit Renaissance-Giebeln und Wasserturm erhaben von einem Felsplateau. Sie erinnert an Dornröschen.

Das magische Gefühl verstärkt sich, je tiefer man ins tausendjährige Bautzen gelangt. In vergangenen Zeiten durchquerten voll beladene Kaufmannswagen auf der Via Regia das Tal in die Stadt.

Seit 1909 erreichen Besucher über die Friedensbrücke, unter der die Spree rauscht, den bergigen Ortskern. Diesen bevölkern Türme, Michaeliskirche, Wasserkünste und viel Grün.

Was von außen den Anschein einer mittelalterlichen Burganlage erweckt, zeigt sich im Inneren barock. Goldene Hansekoggen an Giebeln von Patrizierhäusern künden vom einstigen Erfolg heimischer Kaufleute.

In einem von ihnen befindet sich das Vier-Sterne-Hotel „Goldener Adler“. Unter diesen Namen wurde das Haus 1540 als Bierhof mit Schank-Recht erbaut. „Schon immer war es ein Unterbringungsort für Kaufleute“, erzählt Hotelinhaber Manfred Lüdtke.

Das Gebäude mit den flachen Dachgauben hat eine bewegte Vergangenheit, wechselte alle paar Jahre die Besitzer, wurde durch zahlreiche Brände zerstört und „wiederbelebt“ und war zu DDR-Zeiten eine HO-Gaststätte.

Biergroßhändler im Patrizierhaus

Nach der Wende stand es leer, bis ein Nachkomme des einstigen Besitzers Heinlein, ein Biergroßhändler, sich seiner annahm. Achim Schreck gab dem Patrizierhaus seinen hellblauen Außenanstrich, Bierstube, Stil und Geschmack zurück.

Manfred Lüdtke erzählt: „1995 war Wiedereröffnung, und seitdem logieren Gäste aus aller Welt bei uns.“ Und fühlen sich pudelwohl, was neben der Historie auch am Flair und Personal liegt.

Bei der Anreise schaut die Rezeptionistin gleich nach, ob einer der kostenlosen Parkplätze hinterm Haus frei ist. Morgens wird gefragt, ob es ein gekochtes Ei, Rührei oder Spiegelei sein darf.

Nach dem ausreichenden Frühstück im alten Gewölbe lässt man dann lieber den Fahrstuhl sausen und entdeckt die herrschaftlichen Treppenaufgänge. Je nach Kondition und natürlich auch Lust kann man sich bequem ausruhen – im ersten Stock in zwei beigefarbenen Ohrensesseln. Hinter diesen positioniert sich ein antiker Schrank.

Ein hübsches Ensemble, das über das ein oder andere fehlplatzierte 90er-Jahre-Möbelstück in den oberen Etagen hinwegsehen lässt. Die 30 hellen Zimmer machen ohnehin alles wett. Lampen, Schreibtisch, Gardinen geben sich schlicht und sorgen für eine komfortable Hotelnote. In den bequemen Betten könnte man hundert Jahre schlummern, wie Dornröschen.

Rathaus viermal abgebrannt

Sollte man aber nicht. Vor dem „Goldenen Adler“ plumpst man quasi mitten auf den Hauptmarkt und hinein ins Stadtgeschehen. Die Kirchturmuhr schlägt 19 Uhr.

Ulrike Riecke wartet vor dem Rathaus. Während sich die Sonne hinter den Häusern tiefer duckt, erzählt die „Stadtverführerin“ spannende Geschichten. „Unser Rathaus ist viermal abgebrannt. Dieses hier ist von 1733.“

Dann weist sie auf das Gewandhaus gegenüber im Neorenaissancestil hin, erzählt, dass die angrenzende Innere Lauenstraße einst Handelsstraße nach Prag war, dass Bautzen durch Tuchhandel zu Wohlstand kam und der Dreißigjährige Krieg sowie etliche Brände vieles zerstörten. „Das erklärt, weshalb die Innenstadt barock ist.“

Und zugleich ein Idyll. Bautzen träumt vor sich hin. Der Besucher träumt mit, während er schlendert. Schwer vorstellbar, was die Stadtführerin da begreiflich machen möchte: „50 Prozent der Häuser waren vor 1989 nicht mehr bewohnbar.“

Bautzen war heruntergekommen und eher wegen seines Stasi-Gefängnisses in aller Munde. Heute zeigen sich die Bauten mit perfekt restaurierten, bunten Fassaden. 40.000 Menschen verteilen sich auf die Stadt und angrenzenden Gemeinden.

Sorbisches Museum und Puppenspieltheater

Auch die Burg wurde wieder hergerichtet. Dornröschen hat dort zwar nie geschlummert, dafür viele Landvögte. Heute nutzt das Sächsische Oberverwaltungsgericht das Gebäude. Auf dem Burghof befinden sich das Sorbische Museum und das Puppenspieltheater, in dem hinter Glas ein Figuren-Giebel der Semperoper steht.

Eine andere Überraschung ist der Petridom, Deutschlands älteste Simultankirche. 1543 schlossen Lutheraner und Katholiken einen Vertrag, der die Nutzung beider Konfessionen regelte. Bis heute. Bis heute ist auch der Turm bewohnt. 50 Jahre lebte dort die Türmerin. Nun klettert ihr Enkel die 240 Stufen hoch.

Ja, Bautzen und seine Türme. 16 Stück schmücken die Stadt. Einer der bekanntesten ist der Reichenturm, auch „Schiefer Turm von Bautzen“ genannt. Dann gibt’s da noch den Nikolaiturm, neben dem gleichnamigen Friedhof, oder auch den Matthiasturm. In seiner Mitte versteckt sich eine überaus romantische Kapelle.

Halb Ruine, mit großen gotischen Fenstern und dem „wahren“ Romeo-und-Julia-Balkon. Im bröseligen Sandstein stecken noch Einschusslöcher der Russen. Zerfall von seiner schönsten Seite. Das Bild bleibt im Kopf, genauso wie der Ausblick von oben über Dächergewirr, Berg und Tal.

Früher haben Reisende über den schwierigen Anstieg in die altertümliche Stadt geklagt. Heutzutage finden wir es fantastisch, in entlegene Orte zu reisen, wo man seinen Frieden hat. 50 Kilometer hinter Dresden drückt sich Bautzen an den südöstlichsten Zipfel Deutschlands und weiß gar nicht, wie hübsch es ist.

Sorben voller Lebensfreude

Trotz aller Pracht ist die „Schöne“ auf dem Boden geblieben. Ihre Menschen sind zurückhaltend und mitreißend zugleich. Die Sorben, die hier wohnen, sprühen vor Lebensfreude. Das zweisprachige Budyšín (Bautzen) ist die Hauptstadt des kleinen westslawischen Volkes.

Zwei der Trachtenträgerinnen treffen Bautzen-Besucher im gemütlichen Restaurant „Wjelbik“, was Gewölbe heißt und seit 1991 existiert: Veronika Mahling und ihre Tochter Monika Lukasch, die ihre Ausbildung im Elsass machte.

Zusammen mit ihren Männern führen sie das Lokal und verwöhnen unter anderem mit Filetscheiben vom Ochsen mit Marktgemüse und Buttermilchmousse mit Erdbeersorbet. Exzellent. Diese Menschen verstehen wirklich ihr Handwerk.

Apropos Handwerk, was wäre Bautzen ohne seinen Senf, der nun 60 wird? Anfang 1953 wurde im „VEB Lebensmittelbetriebe Bautzen“ zum ersten Mal Baut’ner Senf abgefüllt.

Im „Senfladen“ kann man sich mit der Würzpaste eindecken und in die Geschichte eintauchen. Bautzen erfindet sich immer wieder neu. Doch das Märchenhafte bleibt, lädt zum Träumen und Verweilen ein. Wenigstens für die Ewigkeit eines Wochenendes.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Gasthaus „Goldener Adler“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.