Wild-West-Erlebnis

In South Dakota dürfen Greenhorns Büffel treiben

Im Custer State Park hat jeder die Chance, mal Cowboy zu sein: Beim "Buffalo Roundup" heißt es, Büffel per Pferd zusammenzutreiben.

Er trägt die gleichen Vornamen wie John Wayne, auch wenn den nur die wenigsten als Marion Michael Morrison kennen. Und ebenso wie der Westernheld verzichtet er darauf sich „Marion“ nennen zu lassen. Stattdessen bevorzugt Marion Michael Rounds, 56, Republikaner wie Wayne und derzeitiger Gouverneur von South Dakota, ein joviales „Mike“. Das klingt nach einem ehrlichen Kerl, nach harter Arbeit, nach Kumpel - und das steht einem Politiker bekanntlich nie schlecht zu Gesicht.

Den Job eines echten Cowboys überlässt Rounds tatsächlich dann aber doch anderen; sorry, Mr. Wayne. Schließlich verlangt ein Buffalo Roundup im Custer State Park – und South Dakota brachte in diesem September sein 44. über die Bühne – vor allem „verdammt gute Reiter“. Echte Kerle eben. Kerle wie Rider Boss Bob Lantis: ein drahtiger 75-Jähriger mit einer Haut wie Leder, einem sanftem Roy-Rogers-Lächeln, Karohemd, Stetson und Sporen. Ein Cowboy wie aus dem Bilderbuch. Bis auf die fehlende Zigarette.

37 Roundups hat Lantis bereits hinter sich; mindestens 50 will er schaffen. Rund 5000 Büffel hat er bislang gebrannt; seine Ranch längst dem Sohn überschrieben; ab und an arbeitet er als Guide im Yellowstone Nationalpark. Seine wahre Leidenschaft jedoch ist das Roundup. „Dies hier ist der einzige Ort, den ich kenne, vielleicht der einzige auf der Welt, wo die Büffel noch per Pferd zusammengetrieben werden.“

20 Reiter bilden Jahr für Jahr ein festes Team; 40 Neulinge können sich um einen zusätzlichen Platz bewerben. Entschieden wird per Losverfahren. „150 Anwärter dürften es diesmal schon gewesen sein. Manche bewerben sich seit vier, fünf Jahren und scheitern jedes Mal. Andere haben gleich beim ersten Mal Glück, haben aber keinen blassen Schimmer, was hier gefordert wird. Und das ist eine ganz dumme Sache.“ Lantis zeigt wenig Verständnis für Greenhorns, die „noch nicht einmal eine Kuh aufscheuchen können“. Man ist hier schließlich nicht im Streichelzoo.

Pferd und Reiter müssen nicht nur das unwegsame Gelände im schnellen Galopp beherrschen, sondern auch die eigene Angst: „Die größte Herausforderung bei einem Roundup besteht darin, sich die ganze Zeit auf seinem Pferd zu halten. Und dazu musst du ein verdammt guter Cowboy sein. Vergangenes Jahr wurde ich von einem Bullen angegriffen; mein Pony ist verdammt schnell gerannt, aber der Bulle war schneller. Gottlob gibt es die Pickups.“ Die 18 geländegängigen Wagen werden auch in der kommenden Stunde vor allem eine Aufgabe haben: immer wieder zwischen Pferde und Büffel zu preschen – „die Herde würde uns ansonsten niedermachen“, versichert Lantis.

Gut und gerne 1200 Tiere haben er und sein Team in den vergangenen drei Tagen in allen Ecken und Winkeln des 300 Quadratkilometer großen Parks aufgestöbert und in einer zentralen Ebene zusammengetrieben. Jetzt verteilen sich Reiter und Wagen in einem großen Halbkreis um die still grasende Herde – und ziehen die Schlinge Stück für Stück zu. „Räum den Suburban aus dem Weg“, gellt Lantis’ Stimme über das Land. Der Wagen gibt den Weg frei. Die ersten Büffel heben die Köpfe. Ein Atemzug wie in Zeitlupe. Ein Jeep gibt Vollgas. Der Puls schießt hoch. Dann donnert die massige braune Herde geschlossen gen Westen; johlende Cowboys, wiehernde Pferde und knatternde Motoren im Nacken. Die Spiele sind eröffnet.

Vom höchsten Hügel der Umgebung beobachtet derweil Gouverneur Mike Rounds das Geschehen; John Wayne in „Chisum“ nicht ganz unähnlich: den Blick Richtung Ebene, ein eigenes Zelt, die Korrals und 14.000 zahlende Besucher aus aller Welt im Rücken. Und er klingt ein wenig wie ein Feldherr, wenn er erklärt: „Wir haben in den vergangenen Jahren einige Pferde bei unseren Roundups verloren, gottlob keine Reiter. Büffel sind wilde Tiere. Wenn sie näher kommen, dann spürst du das im Boden, dann wackelt der ganze Hügel. Du fühlst sie, du hörst sie und dann siehst du sie - und du kannst sie nicht aufhalten. Keine Chance.“

Bis zu 50 Stundenkilometer schnell und tonnenschwer: unter den Wiederkäuern ist der Amerikanische Bison - wissenschaftlich ungenau gemeinhin als Büffel bezeichnet - ganz sicher eine Klasse für sich. „Tatanka“ nennen ihn die Lakota, ein Volk der Sioux; ein Name, in dem sich das Geräusch tausender Hufe in der Ebene fängt, der von Ehrerbietung zeugt. Ehrerbietung für ein Tier, das für die Lakota einst mehr war als ein bloßer Fleischlieferant: Kein Teil eines erlegten Büffels blieb ungenutzt; kein Bison starb umsonst. Häuptling Red Cloud erklärte 1903: „Wir haben ihnen gesagt, dass unser Land dort ist, wo die Büffel wandern. Wir haben ihnen gesagt, dass die Büffel dieses Land brauchen, und die Lakota die Büffel.“ Doch wenn es unter „ihnen“, unter den Weißen, je Einsicht gegeben haben mag, kam sie zu diesem Zeitpunkt bereits viel zu spät: 30 bis 60 Millionen Bisons zogen einst über die Great Plains. Ende des 19. Jahrhunderts hatten gerade mal 1000 Tiere überlebt.

Das Abschlachten der Büffel und die Vertreibung der Indianer gingen dabei Hand in Hand: Wem man die Nahrungs-, die Lebensgrundlage entzieht, der lässt sich leichter in Reservate pferchen. Fotografien aus dieser Zeit zeigen den roten Mann – gedemütigt, krank und mit gebrochenem Willen. Und sie zeigen den weißen – auf Bergen von Bisonschädeln und als stolzer Jäger, den Fuß am Kadaver eines besonders mächtigen Bullen. Gefragt waren vor allem die Felle und die delikaten Zungen der Bisons. Den Rest überließ man im Rausch des Überflusses der Sonne und der Ebene.

Etwa 400.000 Büffel gibt es mittlerweile wieder in Nordamerika. Der größte Teil davon wird auf Fleischfarmen großgezogen. Bis zu 1500 Tiere beherbergt der Custer State Park – mehr wären durchaus möglich, aber nicht zu verkraften: Die Büffel würden den Park leer fressen. Der nüchterne Hintergrund des jährlichen Roundups spiegelt sich daher vor allem in den Verkaufszahlen: Von 1225 zusammengetriebenen Büffeln werden diesmal 250 versteigert – an Restaurants und Zuchtfarmen im ganzen Land. Ausgewählt werden dabei ausschließlich Kälber und ein- bis zweijährige Tiere; alte Bullen werden erst gar nicht in den Korall getrieben. Sie verladen zu wollen, grenze an Selbstmord, resümiert einer der Bieter.

Zuvor allerdings erhalten die Tiere ein Brandzeichen, werden geimpft und auf ihre Blutgruppe getestet, um Inzucht zu vermeiden. Doch erst die tierärztliche Bestätigung eines „komplett brucellosefreien Bestandes“ wird die Preise in den kommenden Wochen in die Höhe treiben. Schließlich bringt nichts einen Bison so schnell vor die Flinte eines Rinderzüchters wie der bloße Verdacht auf Brucellose, einer Seuche, die bei Kühen Fehlgeburten auslösen kann. „Dies hier ist jedoch eine der besten Herden des Landes – kerngesund und kraftstrotzend“, versichert Lantis mit einem stolzen Blick über die wogenden braunen Leiber und massigen Rücken zwischen den Gattern, die sich jetzt langsam hinter den Tieren schließen. Das Brodeln in der Herde nimmt ab. Das Stampfen wird seltener; das Schnauben leiser. Die Bisons kommen zur Ruhe.

Reiter, Fahrer und Gäste jedoch sind von diesem Zustand noch weit entfernt. Das Tempo der Hetzjagd pulst weiter in den Adern. Die meisten schaufeln sich Bohnen, Buffalo-Burger und Kaffee rein, als hätten sie seit Tagen nichts mehr zu sich genommen. Nur langsam schalten ihre Körper runter auf „normal“. „Eine typische Reaktion“, meint Bob Lantis: „Weißt du was ein Adrenalin-Kick ist? Genau das macht ein Roundup mit dir. Das ist so, als wenn du mit einer Hand an einem Berg hängst oder in den Kampf geschickt wirst; dieses Gefühl packt selbst die Pferde.“ Vier Reiter haben diesmal frühzeitig aufgeben müssen, ihre Tiere waren nicht bei der Sache; zu nervös, zu hektisch, zu aufgeregt. Zu gefährlich, um sie bis zum Schluss mitreiten zu lassen.

Und dennoch: Dieses Jahr, meint Lantis, „war es beinahe schon zu leicht“. Einmal im Gebiet des „Lame Johnny Creek“ angekommen, galoppierte die Herde zwar nicht lahm, doch relativ lammfromm immer in Richtung der Korrals. Ein problemloser „dead run“ – den ein Teil der Herde wörtlich nehmen muss. „In den vergangenen Jahren gab es immer mindestens eine Gruppe, die ausgebrochen ist. Diesmal nicht. Es war beinahe so, als hätten wir Milchkühe zusammengetrieben“, sagt Lantis, grinst und schiebt den Stetson aus dem Gesicht. Ein kurzes Nicken zum Abschied. Dann geht er mit leise rasselnden Sporen davon. Ein Abgang, den selbst John Wayne, nicht besser hinbekommen hätte.

Oben auf seinem Hügel beginnt Marion Michael Rounds in diesem Moment mit den Fernsehinterviews. Die leere Ebene im Rücken. Wie ein einsamer Cowboy. Bereit für den Showdown.