Reisen

Flugscham? So gut funktioniert die Fernreise mit der Bahn

Viel Chaos und viel Idylle: Auch mit dem Zug lohnt sich die Reise von Berlin nach Verona für einen Kurztrip. Ein Erfahrungsbericht.

Wie gut kommt man mit der Bahn von Berlin nach Verona?

Wie gut kommt man mit der Bahn von Berlin nach Verona?

Foto: obb italia

Verona. Samstags nach Zürich, sonntags wieder zurück. Mal eben zur Biennale nach Venedig. Auf einen Whiskey mit Freunden am Wochenende in Edingburgh: Der moderne Großstadtmensch muss eben ab und zu raus aus seinem Alltag.

Dank Ryanair, Easyjet oder Germanwings ist das noch nicht mal teuer. Machen doch alle, oder? Doch nun gehen unsere Kinder freitags auf die Straße und diskutieren zu Hause über die CO2-Bilanz beim Fliegen und den SUV des Nachbarn.

Wie kann ich da guten Gewissens zu meinem Sohn Theo sagen: Hey, ich nehm` dich mit für drei Tage nach Verona. Hast du Lust? Er hatte Lust. Und Flugscham. Und ich Lust auf ein Experiment: Ein verlängertes Wochenende mit der Bahn durch halb Europa – geht das überhaupt? Ist das nicht viel zu teuer? Dauert das nicht viel zu lang? Ist das nicht viel zu anstrengend? Und: Ist die Bahn nicht immer unpünktlich, kaputt, übervoll?

Flug wäre rund 100 Euro teurer

Für 349 Euro buchen wir zwei Wochen vor Reiseantritt zwei Tickets inklusive Reservierung – dank Sparpreis und Bahncard 50. So kurzfristig hätte der Flug mit Ryanair nach Bergamo 460 Euro gekostet. Vor Ort hätten wir den Bus nach Brescia nehmen müssen – und dann den Zug nach Verona. Wir hätten um vier Uhr aufstehen müssen, wären aber gegen Mittag in der Stadt gewesen.

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Die Alternative wäre ein Flug über Köln nach Verona mit Eurowings. Hätte sogar rund 1000 Euro gekostet und von Stadt zu Stadt sieben Stunden gedauert. Unsere Zugtickets versprachen eine Reisedauer von 10,5 Stunden von Berlin Hauptbahnhof zur Stazione Porta Nuova in Verona. Abfahrt 8.30 Uhr, Ankunft 18.45 Uhr.

Mein Wecker klingelt um 6.30 Uhr – für mich die normale Zeit, aufzustehen. Ich rufe meinen Sohn an – aus Sorge, dass er verschläft. Dabei entdecke ich auf meinen Smartphone-Display eine Warnmeldung der Bahn. „Zug fällt aus“, heißt es da über meine Verbindung. Nach längerem Herumklicken stelle ich fest, dass damit der Triebwagen gemeint ist und ein Ersatzzug gestellt wird.

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Doch eben dieser Ersatzzug fällt dann auch aus. Ebenfalls defekt. Alle Reisenden müssen umgebucht werden auf den nächsten Zug nach München. „Ganz normaler Bahn-Wahnsinn“, sagt ein Business-Mann vor mir in der Schlange am Serviceschalter. Mein Sohn und ich werden schnell umgebucht.

„In München verlieren Sie den Anschluss nach Verona“, sagt die Dame. Sie drückt mir ein Formular in die Hand, mit der ich die Hälfte des Preises für die Hinfahrt erstattet bekomme, weil wir zwei Stunden verspätet ankommen werden. „Und die Reservierung“? Die müsse ich im Ticket-Center neu buchen, am Service-Desk ginge das leider nicht. Ich versuche es per Handy, weil im Ticketcenter 50 Menschen vor mir dran sind.

Kinderwagen versperren den Weg, Toiletten sind defekt

Der Zug nach München ist natürlich ausgebucht. Schließlich muss er all die gestrandeten Reisenden des Vorzuges aufnehmen. Wir ergattern zwei der letzten Bahn-Comfort-Plätze, die für Vielreisende reserviert sind.

Theo sagt, er sitze immer dort und habe noch nie erlebt, dass jemand ihn verscheuche. Wir entspannen uns, lesen Zeitung, schauen YouTube-Videos, wir haben uns auch viel zu erzählen, endlich ist dafür Zeit.

Peinliche Mitreisende

Beim Gang aufs Klo muss ich über jede Menge Taschen klettern und mich an riesigen Koffern vorbeiquetschen. Kinderwagen versperren Durchgänge, ganze Familien hocken auf dem Boden. Die Toiletten der nächsten zwei Waggons sind defekt, das im dritten ist, naja, wie zu erwarten.

Als ich wieder zurückkomme und mich setzen will, spricht mich etwa eine 40-Jährige Frau an. Sie sieht praktisch aus: Kurzhaarschnitt, Brille, Jeans, Jackett. „Sind Sie Bahncomfort-Kunde“ fragt sie mich. Ich verneine. „Ja dann“, sagt sie, „muss ich Sie leider bitten, mir den Platz zu überlassen“. Ihr ist es offenbar egal, dass ich eigentlich eine Reservierung hatte. Dass ich Opfer von defekten Zügen bin. Ich finde das furchtbar peinlich – für sie.

Vollbremsung: Der Zugführer repariert den Triebwagen

Theo und ich verziehen uns in das Bordbistro. Dort feiert – es ist kurz vor Mittag – ein Fußballclub (A-Jugend) aus dem Ruhrgebiet den Aufstieg in die Regionalliga. „Wir wollen neun Weizen“ rufen die Jungs dem Bordkellner zu. Alle tragen rote T-Shirts, auf denen steht: „Wir können auch anstoßen“.

Nur Weizenbier einschenken können sie nicht; das Bier tropft über den Rand der Gläser. Wir stellen uns an einen Stehtisch, unsere Schuhe schmatzen auf dem klebrigen Boden, und bestellen Kaffee und Cola.

Es ist noch eine Stunde bis München, da fällt uns beinahe der Becher aus der Hand: Der Zug macht eine Vollbremsung und bleibt schräg mitten in einer Kurve liegen. Die Jungs grölen, das Bier schwappt. Nach zehn Minuten wird per Durchsage erklärt, es gebe einen Defekt am Triebwagen, der Zugführer sei aber dabei, ihn zu reparieren.

Leberkässemmel essen in München

Zwei Züge sind also so kaputt, dass sie nicht fahren können – und der dritte bleibt stehen? Und das in der Ferienzeit? Ist das alles nur Zufall? Das soll die deutsche Bahn sein?

Immerhin: Der Lokführer hat den Dreh raus, nach zwanzig Minuten geht es weiter. In München haben wir 90 Minuten Zeit, unser Anschlusszug ist ja weg. Wir sprinten zum Viktualienmarkt, essen Gewürzgurken und Leberkässemmeln, ein Straßenkabarettist macht Witze, Horden von Junggesellenabschiedspartygästen bevölkern den Marienplatz.

Am frühen Nachmittag geht es per Eurocity weiter Richtung Italien. Über Innsbruck, den Brenner, Brixen, Bozen, Trient. Grüne Hügellandschaften vor Alpenpanorama, Kühe, Idylle: Das macht Urlaubsstimmung, auch wenn die alten Sitze ein wenig schmuddelig und unbequem sind.

Mit zwei Stunden Verspätung in Verona

Der Zug schiebt sich langsam durch Tunnel und kleine Ortschaften. Wir hören einer italienischen Austauschülerin zu, die gerade ein Jahr in Sachsen-Anhalt verbracht hat und nun nach Hause fährt. Zwei Teenager-Mädchen reisen zum Onkel nach Bozen. Ein Pärchen aus Großbritannien will noch weiter nach Rom; eine Mutter versucht, ihr Kleinkind ruhig zu halten. Alle schauen aus dem Fenster.

Wir bestellen im Bordrestaurant Käse und Rotwein, blauer Zweigelt, der schmeckt ein wenig sauer, doch die Südtiroler Landschaft versinkt in den letzten Sonnenstrahlen; wir schießen kitschige Fotos.

Mit den schon in Berlin vorausgesagten zwei Stunden Verspätung kommen wir in Verona an. Hinter uns liegen nun zwölf Stunden Reise für 1000 Kilometer. Das ist lang, aber wir sind topfit, weil Bahnfahren so viel einfacher als Fliegen ist. Einsteigen, aussteigen, das ist alles.

Keine unbequemen Abflugzeiten

Niemand tastet uns ab, wir können Schuhe an- und Gürtel umlassen und Wasser- sowie Kosmetikvorräte mitnehmen, so viel wir tragen können. Obendrein hat die Flugzeit ja selten etwas mit der Reisezeit zu tun.

Ich hatte auch schon Fluge, die dauerten zwei Tage, weil so viel Flugzeuge ausgefallen sind. Kaputt war ich danach, als hätten sie vier Tage gedauert. Und dann sind die Abflugzeiten oft so unbequem. Entweder spät nach 22 Uhr oder früh vor sechs Uhr.

Vom Chaos ganz zu schweigen – und damit meine ich nicht nur die Berliner Flughäfen, denen der BER fehlt, sondern vor allem auch Köln und Stuttgart.

Auf nach Lazise am Gardasee

Vom Bahnhof in Verona sind wir innerhalb von einer halben Stunde im Zentrum von Lazise, dem Badeort am Gardasee . Nun haben wir drei volle Tage Zeit zum Schlemmen, baden, shoppen, bis wir dann die Mammutstrecke zurück antreten.

Diesmal geht ziemlich viel glatt, sogar bei der Deutschen Bahn. Der ICE von München nach Berlin ist supermodern. Alle Toiletten funktionieren. Zum Schluss wird es dann ein wenig langweilig und wir gehen ins Bordrestaurant. Es gebe kein Wasser, sagt der Kellner. Und die Spülmaschine sei kaputt. Er könne nur Sandwich und Kaltgetränke anbieten, serviert auf Einweggeschirr.

Fit, ausgeruht und bestens gelaunt

Ich esse das gleiche Sandwich, das ich mir schon in Österreich geholt habe: Soft-weiches Brot mit Chiasamen und Grillgemüse. Das scheint dem globalen Geschmack zu entsprechen. Neben uns trinkt ein älterer Herr Bier. Vier leere Plastikbecher hat er vor sich ineinander gestapelt.

Am Berliner Südkreuz steige ich aus, von dort brauche ich 20 Minuten bis nach Hause. Theo fährt weiter bis zum Hauptbahnhof. Um 22 Uhr sitze ich auf unserer Terrasse. In Berlin ist es wärmer als in Verona. Und, fragt die Familie, „machst du das nochmal“? Na ja, es dauert lang, die Bahn ist oft voll, verspätet, kaputt. Aber ich fühle mich fit, ausgeruht und bestens gelaunt. So gut ging es mir nach Flug- und Autoreisen noch nie. Also frage ich Bahn.de: Wie lang braucht der Zug eigentlich nach Warschau? London? Amsterdam?