Schweiz

Die farbenfrohen Rituale der Basler Fasnet

Vom "Morgestraich" bis zum "Cortège": Für den Basler ist Fasnacht der Höhepunkt des Jahres – auch ohne Polonaise, Pappnasen, Schunkeln und Saufen.

Rädäbäng! So übersetzt der Basler die allgegenwärtigen Klänge der Fasnachtszeit – nämlich die Trommelschläge, die die Musik der Piccolos (kleine, schrille Flöten) begleiten. Für den Basler ist Fasnacht der Höhepunkt des Jahres. Die Musiker und Narren (oft sind sie beides zugleich) rotten sich dazu in „Cliquen“ zusammen und fangen die Fasnet mit dem „Morgestraich“ an, um dann aufzutrumpfen beim großen „Cortège“, wie der Karnevalsumzug hier heißt. Mit dem kölschen Karneval hat die Feierei in Basel rein gar nichts zu tun. Eher finden sich Anklänge an die schwäbisch-alemannische Fasnacht. Weiberfastnacht, Polonaise, Pappnasen, Schunkeln und Körperkontakt gibt es in Basel nicht. Der Alkoholkonsum bewegt sich nur knapp über dem normalen Level. Das heißt aber nicht, dass der Basler keinen Spaß an dem Ganzen hat. „Das Gegenteil ist der Fall. Die Basler sind stolz auf ihre Fasnet und wollen die gesamte Feier nüchtern mitbekommen“, verteidigt Felix Rudolf von Rohr vom Basler Fasnachtscomité seine Landsleute.

"Quartier-Deppe" und "Nuggi-Spugger"

Schlag vier Uhr früh am Montag nach dem deutschen Aschermittwoch (in diesem Jahr der 14. März) beginnt die Fasnet in Basel offiziell. Doch schon am Sonntagabend können es die Narren nicht mehr aushalten, die sich in ihren Cliquen ein ganzes Jahr lang auf diese drei närrischen Tage vorbereiten. Jede Clique – sie tragen Namen wie „Rätzebälle“, „Quartier-Deppe“, „Nuggi-Spugger“ oder „Die hirnlose Basel“ – bereitet ein „Sujet“ für den Cortège vor. Meist sind es Wagen, die sich über aktuelle Themen in Politik, Lokalem oder Show lustig machen. Die noch verhüllten Figuren tragen die Cliquen, von Piccolo-Klängen begleitet, am Sonntagabend mit stolzgeschwellter Brust zum Startplatz für den Morgestraich. Wer kann, nimmt sich für die drei närrischen Tage Urlaub – in Basel sind sogar die meisten Geschäfte die ganze Woche geschlossen.

Im Hotel gibt es um drei Uhr morgens ein kleines Narrenfrühstück, damit man gut gestärkt in die Innenstadt ziehen kann. Menschenmassen sind in Bewegung, denn niemand will den Startschuss zur Fasnet verpassen. Wenn es von der Kirche St. Martin vier Uhr schlägt, gehen sämtliche Straßenlaternen aus. Dafür gibt es in der Stadtverwaltung sogar einen extra „Morgestraich-Schalter“. Ein Johlen geht durch die Menge, und dann beginnt etwas, was wohl kein Fotograf und keine Videokamera bildhaft festhalten kann: Die selbst gemalten Laternen werden entzündet, und Hunderte von Laternenträgern ziehen mit ihren kunstvoll gearbeiteten Leuchten durch die Gassen der alten Stadt. Voran geht immer die große Laterne, die hinter sich – einer Entenfamilie gleich – Dutzende von identischen Miniaturen nach sich zieht. Manche tragen sie auf dem Kopf, andere an einem Laternenstock. Weil China vor einigen Jahren ein großes Thema war (Shanghai wurde zur Partnerstadt von Basel), sieht man auch viele Cliquen, die sich Laternen nach chinesischem Vorbild gebastelt haben.


Nach ein, zwei Stunden verläuft sich die Menge langsam in der Kälte. Dann ist es Zeit für eine Basler Spezialität zum Aufwärmen: die Mehlsuppe oder die Zwiebelwähe, die in jedem Gasthaus auf der Karte steht. Ein paar Stunden Zeit zum Ausruhen bleiben, bevor um halb zwei der Cortège beginnt. Im letzten Jahr haben sich dafür 495 Gruppen angemeldet. Die Themen reichten von Harry Potter über Sterbehilfe und Paris Hilton bis zu „Deutsche auf dem Vormarsch“. Und natürlich wurden jene piefigen Basler, die es wagten, das Feuerwerk am Ende des Tattoos wegen „Lärmbelästigung“ verbieten zu lassen, auf die Schippe genommen. Zumal Basel ja „Kulturstadt Europas“ sein soll. Obwohl es eine festgelegte Route durch die Innenstadt gibt, ziehen die begeisterten Fasnächtler oft durch Nebenstraßen, um sich dann wieder in den Hauptzug einzureihen, oder an einer Kreuzung anderen Teilnehmern zuzuwinken. Jede Clique und jede Garde tritt in einer einheitlichen Kostümierung auf, die jedes Jahr neu geschaffen wird.

Laut wird der Basler dabei nie. Die einzigen Klänge, die zu hören sind, sind die Trommler und die Piccolo-Spieler, die unentwegt bis in die späten Nachmittagsstunden ihr Liedlein blasen. Selten geworden sind die von Pferden gezogenen „Chaisen“, Halbkutschen, aus denen Maskierte in nostalgischen Kostümen Blumen und Süßigkeiten verteilen. Dieser Brauch geht auf das „Spenden“ und „Heischen“ zurück.

Weil die Erklärungen auf den Wagen und die Symbolfiguren manchmal schwer verständlich sind, drucken die Cliquen „Zeedel“, auf denen der Sinn ihres Sujets wortreich erläutert ist, oft sogar in Reimen. Allerdings auf Baseldytsch und für Nordlichter somit schwer bis überhaupt nicht verständlich. Natürlich können alle Basler auch Deutsch, doch zur Fasnet will man eben in Tradition schwelgen. Genau wie die „Schnitzelbänggler“, das Basler Pendant zur Fremdensitzung. Sie ziehen von Lokal zu Lokal, um den Gästen ihre Spotteslieder darzubieten.

Weil die Anfertigung der Kostüme und Wagen auch Geld kostet, verkauft man – diskret, wie in der Schweiz üblich – sogenannte Blaggedde. Die metallenen Abzeichen, die sich die meisten an die Brust heften, gibt es in Kupfer, Silber und Gold in verschiedenen Preisgruppen, und jeder Träger outet sich damit als Unterstützer der Fasnet.

Am Dienstag, dem Tag zwischen den beiden großen Umzügen, heißt es dann „wilde Fasnet“. Die Laternen vom Morgestraich werden zur allgemeinen Bewunderung auf dem Münsterplatz aufgestellt. „Ich denke, es ist nicht falsch, wenn ich sage, dass dies die größte Open-Air-Kunstausstellung der Welt ist“, meint Felix Rudolf von Rohr. Am Abend locken überall Gugge-Musik-Konzerte, eine wahrlich ohrenbetäubende Kakofonie. Gugge-Musiker sind Radau-Musikanten, die immer gezielt ein wenig daneben hauen. Beim Morgestraich dürfen sie das noch nicht, sie würden damit die weihevolle Stimmung zunichtemachen.

Am Mittwoch läuft der zweite Cortège. Würde man alle Gruppen hintereinander laufen lassen, ergäbe sich eine Kolonne von über 15 Kilometern Länge. Dann ist der große Trubel vorbei. Doch nach der Fasnet ist vor der Fasnet. In den Cliquenkellern werden bald wieder neue Märsche geübt, der Nachwuchs im Trommeln instruiert und Laternen gemalt.

Die Reise wurde unterstützt von Schweiz Tourismus.