Wildwest-Ritual

In Berchtesgaden werden archaische Bräuche gepflegt

Rustikales Adventsbrauchtum in Bayern: Maskierte ziehen durch die Straßen, das Christkind wird angeschossen und Arschpfeiferrössl gibt es auch.

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Da braut sich was zusammen. An der Peripherie von Berchtesgaden, in einer großen Scheune, rumort es. Schellen rasseln, als habe man dort hundert Stiere aufeinander losgehetzt. Ein Fauchen und Grollen klingt aus dem halb offenen Tor. Wer sich ihm nähert, muss aufpassen, dass er nicht eins übergezogen bekommt. Flinke Burschen, Gangerln genannt, die Gesichter versteckt hinter grimmigen Masken mit Fellzotteln, die Ärmel aufgekrempelt, die Arme mit Ruß eingeschmiert, in Halbstarkenpose, preschen plötzlich mit lautem Gebrüll aus der Tür hervor und schlagen mit Ruten auf Neugierige ein.

Keine Sorge, hier handelt es sich nicht um Attacken ausgerasteter Jugendlicher, und es wird auch nicht fest geschlagen mit den Ruten. Was sich hier abspielt, wird vor Ort Buttnmandllaufen genannt, ein alter Brauch, den die Teilnehmer als urige Gaudi empfinden. Aber wer die erschreckten Gesichter der kleinen Kinder sieht, die plötzlich einem solchen Zottelmonster gegenüberstehen, versteht, dass sich Eltern und Großeltern um sie sorgen. Eine alte Frau, die mit ihren zwei Enkeln unterwegs ist, erzählt, dass ihr selber auch immer ein gehöriger Schreck in die Glieder fahre, sobald sie das Glockenrasseln in den Gassen von Berchtesgaden höre.

Es ist ein archaischer Brauch, der im Süden des Berchtesgadener Lands noch immer höchst populär ist. Eine Art Wildwest-Ritual an den Adventstagen. Ganze Großfamilien fahren und laufen den finsteren Horden hinterher, die Nikolaus mit dem Krummstab eskortieren – es gibt etwa 40 aktive „Bassen“, jede Bass hat bis zu 20 Verkleidete. Der Sage nach gesellt sich zu jeder Gruppe der Leibhaftige, aber ein Pferdefuß ist nirgendwo zu sichten. Vielmehr schreiten die Buttmandl zuerst zum Gebet auf den Hügel, zu einem Hordengrunzen. Da hat der Teufel schlechte Karten.

Aber vielleicht steckt der Satan im Nikolaiweibi, das in Schönau mit dem Nikolaus im Tross geht? Eine weibliche Figur ist ungewöhnlich in dieser männerdominierten Brauchtumswelt, in der die Mädchen nicht nur mit der Rute auf die Waden kriegen, sie werden auch gerne mal festgehalten und durch derbe Busserl kohlschwarz im Gesicht. Frauen haben bei der Traditionsveranstaltung nichts verloren, sind aber als Zuschauer – neben Kindern – am meisten vertreten. Die hübsch zurechtgemachten Mädchen schmachten die maskierten Burschen an, als handelte es sich um die wiederauferstandene Boygroup Take That, die es ausgerechnet in den Herrgottswinkel, den schönsten Teil des Berchtesgadener Lands, verschlagen hat. „Losgelassene Frauen und Männer in der Adoleszenz“, sagt Tourismuschef Stefan Köhl mit einem Lächeln im Gesicht, „da ist doch klar, worum es geht.“

Spätnachmittags brennt der Himmel im Westen. Die Sonne brütet hinter bleiernen Wolken, gießt aber Strahlen wie aus purem Gold über das Bergpanorama mit dem dominanten Watzmann. Mit dem Neuschnee sind auch Bergdohlen vom Himmel gekommen, sie kreisen über den Häusern, als verlustierten sie sich über den Aufzug der jungen Mannsbilder. Im fahlen Licht nimmt das Auge nicht mehr nur das Schneeweiß wahr, sondern eingemischte bläuliche, graue, rosa Farbtöne und das Flaschengrün der Bäume an den Hängen. Schon schiebt der Mond über dem Obersalzberg seine Lichtkräfte zusammen und scheint matt auf die näher rückenden Berge, auch die Sterne blinken auf. Der Neuschnee sieht nun aus wie ein gülden glänzendes Tuch, niedergelegt auf die Landschaft; Engel müssen im Spiel sein. Aber in den Gassen wird gegrunzt, gebrüllt und gegrölt.

Buttnmandl zu sein ist eine Ehre. Pubertierende drängen mit Macht in die Vereine, ab 16 dürfen sie mitmachen, ab 18 mitlaufen. Erst acht Tage davor erfahren sie, ob sie mit von der Partie sind, dann rast Adrenalin durch die Körper – das Mitlaufen ist der Initiationsritus zum Erwachsenwerden. Gute drei Stunden werden sie von mehreren Männern in Stroh gebunden, die Ballen ragen zwei Meter in die Breite und bis zu drei Meter in die Höhe. An den Rücken werden drei Glocken gebunden, von denen jede mindestens zwölf Kilo wiegt.

Durch die Larven genannten Masken ist die Sicht auf das Straßentreiben eingeschränkt, trotzdem ist die Gruppe im Laufschritt unterwegs, die Glocken müssen schließlich Furcht einflößend rasseln. Ab Ende zwanzig ist es aus mit der Buttnmandl-Karriere, die Kondition reicht nicht mehr für die stundenlangen Touren und die vielen Schnapserl, die es fast vor jedem Haus gibt.

Eltern müssen den Nikolaus mitsamt den Buttnmandl im Voraus bestellen, damit sich „de Kinda zamdruckn und fürchtn“. Es gibt so viele Einladungen, dass die Liste zwischen dem 1. Advent und 24. Dezember kaum abgearbeitet werden kann. Der Nachwuchs wird unter lautstarkem Heulen der Buttnmandl zu rechtem Tun ermahnt, und wer einen braven Spruch aufsagen kann, bei dem greift der Nikolaus schon mal tiefer ins Sackerl. „Heiliger Nikolaus, du braver Mo“, bebt da eine Kinderstimme in einem Wohnzimmer. „I sing da mei Liadl, so guat wia i ko.“

Auch das Böllerschießen erinnert an Wildwest. „Der Schaftböller wiegt 20 Kilo, da wird aus der Hüfte geschossen“, erklärt Böller- und Kanonenbauer Franz Pfnür. Zusammen mit Sohn Wolfgang stellt der Metallbaumeister die Böller aus Edelholz, vor allem Walnuss, und Edelstahl her. Mit ihnen wird in der Adventszeit bis Heiligabend Schwarzpulver verschossen. Es gibt 3000 Mitglieder in 16 Schützenvereinen, nur die haben die Lizenz zum Böllern nach Paragraf 27 des Sprengstoffgesetzes.

Das „Weihnachtsschießen“, das 1666 erstmals in einer Chronik vermerkt wurde, bleibt ein merkwürdiger Brauch. Und niemand weiß bis heute, warum es heißt: „Wir schießen das Christkind an.“ Vor manchen barocken Dorfkirchen postieren sich am Wochenende bis zu 100 Schützen und ballern drauflos.

Die Pfnürs dürfen das wertvolle Schießgerät an jedermann verkaufen. Manche Kunden erwerben es, weil es mit dem noblen Schaft und den Verzierungen an einen Westerncolt erinnert und nur viel bulliger ist. „Der, wer a mal a Böller kauft, gibt ihn sein Leben lang nicht mehr her“, sagt Pfnür senior. Pfnür junior, der das Geschäft übernimmt, braucht sich um den Absatz jedenfalls keine Sorgen zu machen, in und um Berchtesgaden schießt man das Christkind weiterhin gern an.

Auch Stefan Graßl ist ein besonderer Handwerker, der Schreiner fertigt Christbaumschmuck aus Holz. Im Heimatmuseum Schloss Adelsheim steht ein üppig geschmückter Tannenbaum, bestückt mit hölzernen Pferdchen, Ställen, Grillenhäusl, Bettchen, Kutschen, Schubkarren, Schlitten, Ziervögeln; auf der Spitze sitzt Erzengel Gabriel mit geöffneten Flügeln. Selbst das Lametta besteht aus Hobelabfall. Die Krönung am Baum aber ist das Arschpfeiferrössl, das auf Rädern fährt und am Hinterteil eine Pfeife aufgesetzt hat, womit man ihm den A... blasen kann. Im Biedermeier war es das Top-Spielzeug der Jüngsten, und auch Adolf Hitler, der auf dem nahen Obersalzberg residierte, ließ ein Arschpfeiferrössl unter seinen Weihnachtsbaum stellen, wie ein Foto im Dokumentationszentrum zeigt.

Stefan Graßls Geschäfte gehen gut, aber schon waren Leute da, die seine Muster abgekupfert und zum Kopieren nach Fernost verhökert haben. „Das könnte unser Kunsthandwerk auf Dauer kaputt machen“, sagt er. Denkbar also, dass das urbayerische Arschpfeiferrössl demnächst aus China kommt.

Die Reise wurde unterstützt vom Berchtesgadener Land Tourismus.