Expo

Wurst und Zwerge – Chinesen staunen über Deutsches

Täglich stürmen Hunderttausende Chinesen das Gelände der Expo in Shanghai. Eine der Hauptattraktionen ist der deutsche Pavillon.

Hier wird Deutschland verkauft. Schwarz-Rot-Gold für alle. Portionsweise. Und à la carte. Vier Monate noch. Es ist für jeden etwas dabei. Dichter, Denker, Erfinder. Erwachsene und Kinder. Laute, Leise. Hungrige, Durstige. Geschäftemacher und solche mit dem Fell über den Ohren. Auch für die, die einfach nur so kommen. Wer rein will, muss zuvor allerdings vier bis fünf Sunden Schlange stehen. Es ist Expo-Zeit in Shanghai, China. Und der deutsche Pavillon, ein silberglänzender futuristisch-formloser Klotz, ist umlagert, umjubelt, vollgestopft. Den ganzen Tag. Zehn Millionen Chinesen werden hier insgesamt erwartet in diesen Monaten.

Jetzt gerade fühlt es sich so an, als wären sie doch alle auf einmal gekommen. Es ist ein Gedränge und Geschubse und Geschiebe, dass man nicht wirklich darauf achten kann, wie in Hamburgs Hafen-City neu und alt in Einklang gebracht werden, der Reichstag energieefizient umgebaut und der Schnee fällt, wenn man kleine Glaszylinder mit den schönsten deutschen Orten von „Tanz der Marktfrauen am Faschingstag in München“ auf „Almabtrieb im Allgäu“ wendet. Es geht einfach nur weiter, weiter, weiter. Und wenn man Glück hat, dann kann man auf dem überdimensionalen Bücherstapel in der Kulturecke gerade noch Titel entziffern wie „Buddenbrooks“ oder „Die Vermessung der Welt“, was ja ganz gut passt. Die Lösung der Probleme der Welt aber muss man dann wohl doch an anderen Orten suchen.

Im Prinzip ist das eine richtig gute Idee, die Expo 2010 nach Shanghai vergeben und ihr das Motto „Better City, Better Life“ zu verpassen. Diese Stadt mit ihren 20 Millionen Einwohnern, Wolkenkratzermeeren, Wirtschaftswachstumsuniversen ist ja ein einziger, riesiger Feldversuch, an dem sich zeigen wird, ob das funktionieren kann: Eine Gesellschaft innerhalb weniger Jahrzehnte umzumodeln aus tiefer Vergangenheit in pulsierende Zukunft. Ob und wie man die metropolen Ungetüme der Shanghai-Klasse dauerhaft lebenswert halten kann. Das wird ja mitentscheidend sein für das Wohlergehen der Menschen weltweit, für Klimawandel, Wohlstand, Krieg und Frieden. Mal schauen, wie die Gastgeber das angehen.

Die Menschen stürmen den großen Saal des chinesischen Expo-Pavillons. Der Film beginnt. „Ein harmonisches China“ wird gezeigt, ein Titel, ein Traum, weit weg von der Realität dieses Chinas der diametralen Gegensätze. Stadt, Land; bettelarm, superreich; frei, gefangen; hochmodern, marode; alles dicht nebeneinander, meilenweit entfernt. Alles ist Gegensatz hier. Aber es ändert sich ja auch rasend schnell.

Also findet sich im Expo-Harmonie-Filmchen vom neuen China zwar kein Hinweis darauf, wie man der Armut der ländlichen, landflüchtigen Mehrheit dieses Milliardenlandes ressourcenschonend Herr werden könnte. Aber wie man „besser lebt in besseren Städten“, das sieht man schon: keine kommunistische Parole, keine rote Fahne, keine Uniform, noch nicht mal im Blick zurück, nichts. Auch Mao findet nicht mehr statt. Kein Platz. China, better city, better life, träumt von sich stattdessen als wunderbare Ansammlung Hunderter Millionen von Rama-Familien. Werktätige? Gesichtslose Masse? Nichts davon.

Im chinesischen Pavillon wird unter der Regie der Kommunistischen Partei Chinas der Familie als Kern der Gesellschaft gehuldigt. Was für ein Wandel. Und wer sich umschaut auf der Expo in Shanghai, der sieht: Zumindest dieser Teil des Traumes wird hier längst gelebt.

Es wuselt hier nur so auf dem weitläufigen Gelände am Ufer des Huang-Pu. Menschen, wohin das Auge schaut. Laufen nach hierhin, nach dahin, bunt und wild durcheinander, nicht straff geordnet, klappen ihre pastellfarbenen Schirmchen auf und stehen dann geduldig Schlange, Schlange, Schlange. Familienweise. Fotografieren Megabyte um Megabyte, lassen sich mit kleinen Elektrokarren über das Gelände kutschieren, bewundern das Zentrum „Kulturen“, das aussieht wie das Raumschiff in Roland Emmerichs „Independent Day“, und freuen sich an der bunten Internationalität dieses Nationenfestivals. Es ist alles etwas größer hier, voller und an vielen Tagen noch viel wärmer, aber im Grunde unterscheidet sich die Szenerie kaum von der Expo 2000 in Hannover.

Der Knabenchor aus der niedersächsischen Landeshauptstadt singt jetzt „Horch, was kommt von draußen rein“, die Niedersachsen haben sich in dieser Woche etwas breitergemacht in „Balancity“, wie man den deutschen Pavillon genannt hat. Hannover richtet am Wochenende einen kleinen Kongress für nachhaltige Stadtentwicklung aus, ein deutsch-chinesisches Schulprojekt wird präsentiert, und abends erklingt im Pavillon-Restaurant das Niedersachsenlied. Dann gibt es Nürnberger mit Sauerkraut und Frikadellen mit Kartoffelsalat. Sturmfest und erdverwachsen. An der beinahe endlosen Schlange vor dem Eingang zum deutschen Pavillon ändert das gar nichts.

Peter Kreutzberger ist Vizegeneralkommissar von „Balancity“ und lobt sich und seine Arbeit. Die Deutschen seien eine der ganz wenigen Nationen, die das Motto „Better City, Better Life“ angenommen hätten auf dem Expo-Gelände. Der saudi-arabische Pavillon sei zwar auch ziemlich klasse, dort müsse man bis zu acht Stunden Schlange stehen. „Aber wir sind interaktiv.“

Richtig ist, dass gerade die jungen Besucher lauthals kreischen, wenn die Show in der „Energiezentrale“ beginnt. Die erinnert auf den ersten Blick ein wenig an die Rummelplatz-Attraktion „Rotor“, wo die Menschen während der Fahrt an den Wänden kleben bleiben. Aber so funktioniert das hier natürlich nicht. Stattdessen werden die Besucher in einen zylinderförmigen Raum gelotst und gruppieren sich brav auf drei Tribünenringen. In der Mitte dieses Raumes hängt eine tonnenschwere Discokugel, die die Besucher Kraft ihrer Lautstärke ins Schwingen bringen können. Was gerade Chinas Jugendlichen eine Heidenfreude bereitet. Da gleichzeitig Szenen aus Jubeldeutschland auf der Kugeloberfläche zu sehen sind, Sommermärchen, Mauerfall, Schwarz-Rot-Gold, entsteht ein ganz brauchbares Deutschland-Bauchgefühl. Mitmach-Kino für Fortgeschrittene. Dauert auch nicht zu lange. Man hat dann noch Zeit für die Schweizer gegenüber, auf deren Pavillondach man so schön alpentypisch Sessellift fahren kann.

Das hat natürlich Disney-World-Charakter, ist aber keinesfalls typisch nur für die chinesische Ausgabe der Expo. Die ist wie ihre hannoversche Vorgängerin im Grunde eine Ländermesse, eine Werbeveranstaltung für Nationen und deren große Unternehmen. Dem übergestülpten, gestelzten Motto, damals „Mensch – Natur – Technik“, heute „Better City, Better Life“, können Shows dieser Art nicht oder höchstens zum Teil gerecht werden. Sie sind Appetitanreger, schöner Schein, Oberfläche für viele, nicht Tiefenbohrung für wenige. Ein erster Eindruck. Nichts Bleibendes.

Halt. Da ist doch was. Unten am Fuße von Balancity findet sich ein kleiner Souvenirladen. Hier gibt es: Underberg, Asbach; Berentzen in kleinen, König-Ludwig-Weißbier in großen Flaschen. Zum Mitnehmen. Das ist ja nun doch sehr bedenklich. Findet auch Alexandra Hörr, Verkäuferin hier im Souvenirladen. Sie würde viel lieber Kitsch verkaufen als Schnaps. Aber Kitsch ist weitestgehend ausverkauft. Schneekugeln mit dem Schloss Neuschwanstein. Männchen, die jodeln, wenn man sie an der richtigen Stelle kneift. Schwarzwaldpüppchen. Alles weg. Ausverkauft. Die Nachbestellung läuft. Aber das dauert. Der chinesische Zoll. Manches ändert sich eben doch nicht ganz so schnell. Nicht mal in Shanghai.