China

Hongkong ist ein Stück Westen im Reich der Mitte

Hongkong ist eine Stadt, die man durchaus als Wunder bezeichnen kann. Die ungewöhnliche Metropole ist alles andere als typisch chinesich

Es gibt eine weltgeschichtliche Unwahrscheinlichkeit, die übersetzt „Duftender Hafen“ heißt und sich in jener tropischen Gegend befindet, wo der einst von Piraten befahrene Perlfluss in das Südchinesische Meer mündet. Und es gibt ein Gedicht von Hans Magnus Enzensberger: „Nein, diese Stadt, in der hundert Blumen verblühen / Kann es nicht geben. Das ist ein Hirngespinst / eine Halluzination ist es, eine Fälschung / eine Science-Fiction-Oper, ein wackliges Wunder.“

Die Rede ist von Hongkong, dieser Stadt, die man durchaus als Wunder bezeichnen kann, weil sie so ungewöhnlich ist, gegründet als kolonialer Pfahl der Briten im Fleische der Chinesen, zur Weltstadt aufgestiegen, 1997 zurückgekehrt ins Reich der Mitte, seither aber alles andere als eine typisch chinesische Stadt, vielmehr ein Stück Westen in Fernost – mit Linksverkehr (wie in Britannien, in China fährt man rechts), mit quietschenden Straßenbahnen (wie in Berlin oder Wien), mit Pferderennen (wie in Ascot), mit freier Presse (wie in London).

Das klingt, jedenfalls in China, nach Science-Fiction, nach Zukunftsmusik, und ist doch real, so real wie die gefälschten Markenprodukte, die es in Hongkong natürlich auch gibt, so real wie die kahl rasierten, in Safranfarben gewandeten Bettler, die unterhalb der glitzernden Neontafeln am Night Market Touristen um eine milde Gabe bitten – dreiste Mönchsfälschungen vom chinesischen Festland. Sie haben mit Buddhismus so viel am (fehlenden) Hut wie die (richtigen) Mönche auf der Insel Lantau mit Fisch und Fleisch – die Leckerbissen, die die wahrhaft Frommen dort in ihrem Kloster-Restaurant „Po Lin“ zubereiten, schmecken zwar nach Hühnchen oder Tintenfisch, sind in Wirklichkeit jedoch rein vegetarisch.

Hongkong, das zeigt sich schnell, ist kaum zu fassen, man tut sich schwer, den Überblick zu bewahren. Das ist schon so beim Landeanflug auf Hongkong, beim Blick aus dem Bordfenster, wenn das Flugzeug über unzählige Inseln und Inselchen schwebt, wenn die Augen die mehrspurigen Autobahnen erspähen zwischen dicht bewachsenen Hügeln, die plötzlich einer Häuserlandschaft Platz machen, die weder eindeutig europäisch noch asiatisch scheint: hoch aufragende Wohnwaben, ultramoderne Geschäftshäuser und dann natürlich jene Ladenzeilen mit gigantischen, an die Fassaden geschraubten Tafeln in Blutrot oder Quittegelb, versehen mit leuchtenden chinesischen Schriftzeichen.

Fürchtet man womöglich, schon jetzt eine Überdosis Hongkong abbekommen zu haben – in jenen Straßenschluchten, wo links Armani-Geschäfte und rechts Versace-Gucci-Chanel locken, rote Doppeldeckerbusse aus britischer Kolonialzeit durchs Bild fahren und in den Nebengassen des Viertels Tsim Sha Tsui sich Garküchen und Nudel-Restaurants drängen und freundliche Fälscher Markenuhren für 30 Hongkong-Dollar anbieten, während ein paar Blöcke weiter im Nobelhotel „Peninsula“ zum zehnfachen Preis tagtäglich der Afternoon Tea zelebriert wird? So mancher Reisende fühlt sich angesichts all dieser grellen Sinneseindrücke womöglich bereits am ersten Tag überfordert.

Doch es kann Entwarnung gegeben werden: Niemand geht verloren in Hongkong, denn in wohl keiner Metropole dieser Erde lässt sich so leicht (und dazu kostengünstig) von einem Ort zum anderen gleiten. Die MRT, Hongkongs nach Schweizer Uhrtakt pünktliches und pieksauberes U-Bahn-System, verbindet (quasi für einen Appel beziehungsweise eine Mango und ein Ei) die verschiedenen Viertel der Stadt: Ob nun das Vergnügungsviertel Wan Chai (bekannt aus dem Hollywood-Schmöker „Die Welt der Suzie Wong“), die diversen Märkte in Mongkok oder die menschenleeren Wanderwege in den waldreichen New Territories – einfach bei der Fahrkartenmaschine auf die gewünschte Destination drücken und los geht's, samt aufblinkender Wegbeschreibung.

Authentischer ist freilich der „Seeweg“, eine Passage mit der Star Ferry, jenen wunderbar altmodischen Doppeldecker-Dampfern aus Kolonialzeiten. Mit 80 Cent pro Fahrt ist man dabei. Kaum eine Bootsfahrt weltweit ist schöner als die von Kowloon hinüber nach Hongkong Island, wo die dicht gedrängten und doch nach traditioneller Feng-Shui-Architektur gebauten Wolkenkratzer Spalier stehen und abends leuchten. Doch was heißt hier „leuchten“? Ab 20 Uhr beginnt hier jeden Tag die laut Guinessbuch der Rekorde größte regelmäßige Lichtshow der Welt, und wem würde nicht das Herz aufgehen, wenn zum Klang von Beethovens „Ode an die Freude“ allabendlich die Skyline in tausend Farben zu tanzen beginnt?

Über den größten Pluspunkt freilich haben wir noch nicht gesprochen – weil er auch vor Ort nicht laut herausposaunt wird, über dieses „Geheimnis“ schweigt man sich in Hongkong aus Gründen der politischen Klugheit aus, um die roten Herren in Peking nicht unnötig zu provozieren: Die Stadt ist, seit sie nach dem Abzug der Briten als „Sonderverwaltungszone“ von China übernommen wurde, der einzige Ort in der Volksrepublik mit großer Autonomie, mit Freiheitsrechten, mit einem halbwegs frei gewählten Parlament und einer Opposition. Zwar nicht ganz so demokratisch wie im Westen, aber doch unerhört weitreichend und für chinesische Verhältnisse einmalig, ein Vorposten der Freiheit inmitten dieses autoritär regierten Riesenreichs.

Hongkong wird deshalb, was Wunder, von der chinesischen Zentralmacht mit gemischten Gefühlen gesehen. Natürlich ist man zufrieden, die Stadt heimgeholt zu haben. Trotzdem päppelt man lieber die Expo-Stadt Shanghai und pumpt Kapital in die Kapitale Peking, die ihren gegenwärtigen Boom indes einer nach wie vor parteidominierten, wenn auch nun kapitalistisch gepolten Planwirtschaft verdankt. Hongkong dagegen leuchtet seit jeher aus eigener Kraft, angetrieben vom so unermesslichen wie unerschütterlichen Elan und Bürgersinn seiner Bewohner. Dass diese weit davon entfernt sind, nur stumm schuftende Ameisen zu sein, sondern längst auch als Experten in Sachen Savoir-vivre und Vergnügen reüssieren – es macht einen weiteren, konkurrenzlosen Reiz dieser Großstadt aus.

Und so kann der Reisende das mehrfache Glück genießen, im Viertel Lan Kwai Fong entlang kleiner Antiquitätenläden Montmartre-artige Treppen zu erklimmen, in der nahe gelegenen Wellington Street die besten Dim Sums Südostasiens zu essen und grünen Tee zu schlürfen oder ein Seafood-Dinner im Hafen von Aberdeen mit Blick aufs Meer zu genießen – und dabei in der „South China Morning Post“ zum Beispiel über Demonstrationen und über Kritik an Peking lesen. Danach kann man in Causeway Bay noch immer auf Schnäppchenjagd gehen oder abends in den Lounge-Bars der Hollywood Road chillen – nur sollte man das Geheimnis dieser unwahrscheinlichen Stadt nie vergessen: die Freiheit. Die ist nämlich alles andere als eine Halluzination oder eine Fälschung.

Die Reise wurde unterstützt von Cathay Pacific und Hong Kong Tourism Board.